ORF: Freiheit von „depperten Geschichten“
 

ORF: Freiheit von „depperten Geschichten“

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(c) APA
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In der Ö1-Sendereihe „Im Gespräch“ diskutierten Experten über die Herausforderungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Journalismus stand am Donnerstagabend im Mittelpunkt der Reihe „Im Gespräch“ auf Ö1. Prominenente Teilnehmer diskutierten bei Renata Schmidtkunz über die Frage, was die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Journalismus sein kann und muss - eine Thematik, die in jüngster Zeit im deutschsprachigen Raum Aktualität erhielt durch die neue Regierung in Österreich, der Schweizer Abstimmung über den Rundfunkbeitrag im März und einer Debatte über die politische Diskursbestimmung der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland. Am Ende der Radio-Diskussion standen konkrete Wünsche an und Aufgabenfelder für den ORF.

Roger de Weck, ehemals Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, nannte „Unterscheidbarkeit, Unterscheidbarkeit, Unterscheidbarkeit“ als Hauptaufgaben für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es gehe nicht darum, andere Dinge zu machen, sondern Dinge anders zu machen, habe es sein Nachfolger an der SRG-Spitze, Gilles Marchand, einmal beschrieben. Dem ORF stellte De Weck in puncto Zusammenarbeit mit Privaten, wie es derzeit Medienminister Gernot Blümel immer wieder fordert, ein gutes Zeugnis aus: Es sei vorbildlich gewesen, wie es der ORF geschafft hätte, Brücken zu schlagen. Eine weitere große Aufgabe sei der effiziente Einsatz von Mitteln, vor allem, wenn man einen großen Teil davon nicht selbst erwirtschaftet habe, stehe ein Sender unter besonders großen Effizienzdruck. Zudem strich De Weck die Vorteile der SRG-Konstruktion als privatrechtlicher Verein hervor - das erzeuge eine große Staats- und Politikferne und schaffe einen besseren Austausch zwischen Bevölkerung als „Besitzer des Senders“ und dem Medium.

Medienjournalistin Ingrid Brodnig nahm den immer wieder geäußerten Kritikpunkt von zu viel Unterhaltung im ORF auf. Hier müsse sich der ORF die Frage stellen „Wo bleibt die Information?“. Als Beispiel für die positive Auseinandersetzung mit diesem Thema nannte Brodnik die neuen Sendungen „ZiBMagazin“ und „ZiB20“, die jungen Zielgruppen Information nahebringen. Auch für mehr Bildungsprogramme setzte sich Brodnig ein. Analog zum ehemaligen Russisch-Kurs würde sie sich einen „Türkisch-Kurs“ wünschen - dafür brauche es Mut, Bildung durchzusetzen, auch wenn diese nicht jeder will.

Alfred Grinschgl, 2001 - 2016 Geschäftsführer der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH für den Fachbereich Medien, wünschte sich eine Emanzipation des ORF im Online-Bereich. Regelungen der letzten Gesetzesreform 2010 wie „80 verschiedene Meldungen pro Woche in Regionalstudios“ und andere „depperte Geschichten“ hätte der ORF nie unterschreiben sollen. Der ORF solle online „ungefähr genauso frei sein“ wie ein privates Medium, so Grinschgl. Zudem sprach er sich für die Einführung einer Haushaltsabgabe aus. Die zusätzlichen Mittel sollten dem ORF zur Verfügung stehen. Damit könne man auch Public-Value-Geschichten für Private mitfinanzieren.

Barbara Eppensteiner, Senior Community Managerin und ehemalige Programmintendantin von Okto, äußerte den Wunsch, der Tendenz zum Boulevardesken zu widerstehen. Besonders im Rahmen der Wahlberichterstattung sei ihr eine unangenehme Zuspitzung aufgefallen. Statt Politiker zu befragen, wie sie mit - einem lange unklaren Ergebnis - „umgehen“, hätte der ORF auf Expertenrunden setzen können. Weiters forderte Eppensteiner mehr Öffnung und die Wahrnehmung einer Funktion als Navigationshilfe.

>>> „Im Gespräch“ nachhören im Ö1-Player

[Red.]

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