ORF-Dialogforum: Zwischen Lügenpresse und Con...
 

ORF-Dialogforum: Zwischen Lügenpresse und Constructive Journalism

APA
Die Übergriffe von Köln zu Silvester waren am Mittwochabend Teil der Debatte.
Die Übergriffe von Köln zu Silvester waren am Mittwochabend Teil der Debatte.

Beim ORF-Dialogforum haben die Beteiligten zu dem Thema "Ihr lügt doch alle - Zu Flucht und Qualitätsjournalismus" debattiert.

Der vor allem in der Flüchtlingsdebatte geäußerte Vorwurf, die Medien würden lügen oder Dinge verschweigen, hat am Mittwochabend eine Diskussionsrunde im ORF-Dialogforum beschäftigt. Das Gespräch drehte sich einerseits um den Umgang der Medien mit den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht, andererseits um den Medienwandel und wie Blogs die Glaubwürdigkeit des Journalismus untergraben.

"ZiB 2"-Moderator Armin Wolf wandelte in der Diskussion das berühmte Zitat des Soziologen Niklas Luhmann zu Massenmedien ab: "Heute müsste das Buch beginnen mit: 'Was wir über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen viele von uns aus Social Media'", sagte Wolf. Dass Blogs im Internet aussehen wie seriöse Nachrichtenportale, mache diese glaubwürdiger und verstärke so das Misstrauen in die etablierten Medien. Die Antwort müsse sein, Fehler einzugestehen und den Journalisten-Beruf in der Öffentlichkeit zu erklären. "Lügen heißt absichtlich etwas falsches sagen, ich kenne keinen Kollegen, der das tut", so Wolf, der gleichzeitig mit einem Augenzwinkern versicherte, keiner geheimen Vereinigung der Gutmenschen anzugehören.

Silvesternacht "keine Sternstunde des Journalismus"



Für den "Zeit"-Journalisten Joachim Riedl ist der Vorwurf der "Lügenpresse" kein neues Phänomen, der Unterschied sei aber, dass ein Facebook-Posting wirksamer sei als früher ein Flugblatt. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann sagte, die Debatte habe vor allem die Kölner Silvesternacht ins Rollen gebracht. Die sexuellen Übergriffe seien vier Tage lang verschwiegen worden.

Wolf räumte rund um Köln handwerkliche Fehler ein. Diese seien vor allem in den regionalen Medien passiert. "Ein Lokalredakteur sollte das mitbekommen". Auch der MDR-Chefredakteur Stefan Raue gestand ein, dass Köln "keine Sternstunde des Journalismus" gewesen sei, warb aber um Verständnis. Es sei Wochenende gewesen, die Redaktionen dünn besetzt und die Blicke nach München zu den Bombendrohungen gerichtet. Zudem seien es zuerst nur Gerüchte über zwei, drei Pöbeleien gewesen.

Qualitätsmedien trennen Berichte und Meinungen nicht mehr gut genug



Liessmann ging mit den Medien hart ins Gericht. Sie hätten im Vorjahr aus eigenem Impetus eine positive Stimmung geschaffen und Flüchtlingsberichte mit Frauen und Kindern bebildert, obwohl großteils junge Männer gekommen seien. Dass Leser das Vertrauen in ihre Zeitung verlieren, sei darauf zurückzuführen, dass Qualitätsmedien die Trennung von Berichterstattung und Meinung nicht mehr ernst genug nehmen. Gleichzeitig würden Positionen und Meinungen moralisiert und damit eine Debatte verunmöglicht.

Für den ehemaligen Journalisten und nunmehrigen Aktivisten Elias Bierdel geht die "Lügenpresse"-Debatte einher mit dem Aufflammen einer rechtspopulistischen Massenbewegung in Deutschland, dem die etablierten Parteien mit einer elitären Überheblichkeit begegnen würden. Hier würden Parallelwelten geschaffen und eine eigene Wirklichkeit konstruiert. Gleichzeitig seien viele Probleme wie die Eurokrise oder der Klimawandel ungelöst und spielten mit hinein. Die Politik wolle diese ungelösten Probleme beiseite schieben und die nächste Sau durchs Dorf treiben. "Die Medien müssen aufpassen, dass sie da nicht mitmachen", so Bierdel.

"Das Alte ist weg, das Neue aber noch nicht da"



Die EU-Beraterin und Autorin Beate Winkler betonte, es sei wichtig, Ängste ernst zu nehmen und sie nicht mit Informationen zuzudecken. Es würde hier emotional argumentiert aus einem Gefühl der Unsicherheit. Die "Lügenpresse"-Debatte sei ein Bote eines tiefergehenden Strukturwandels. "Das Alte ist weg, das Neue aber noch nicht da", sagte Winkler.

Armin Wolf sprach auch die Medienkrise an: In Zeiten, in denen es besonders guten Journalismus brauche, würden Sparpakete geschnürt. Er regte an, nicht nur den öffentlich-rechtlichen ORF, sondern auch Printmedien über Gebühren zu finanzieren. Langfristig sei das wohl unumgänglich. Wolf sagte, er gehe davon aus, dass sich Zeitungen eines Tages nicht mehr privat finanzieren lassen werden. Er beklagte auch die Akademisierung des Journalismus, man sei zu weit weg von den Menschen. Etliche Journalisten würden den Alltag vieler Menschen gar nicht mehr kennen. 

Streitthema Constructive Journalism



Für geteilte Meinungen sorgte das Thema Constructive Journalism, das von einer Zuhörerin aus dem Publikum angesprochen wurde. "Ich bin ein Fan des Constructive Journalism", sagte Armin Wolf. Dieses Genre werde aber oft mit dem Gedanken verwechselt, dass Medien nicht mehr kritisch berichten. Beides müsse gewährleistet sein. Es gehe darum zu zeigen, wo Probleme bereits erfolgreich gelöst wurden. MDR-Chefredakteur Raue sagte, er sei zunächst auch begeistert von der Idee des Constructive Journalism gewesen. "Heute aber ist das nicht durchzuhalten." Gerade während der jetzigen Medienschelte laufe das an den Lebenserfahrungen vieler Menschen vorbei. "Wir haben da sofort den Ideologieverdacht in der Tür." Joachim Riedl von der "Zeit" sagte zum Thema: "Der Journalismus soll nicht die Probleme der Gesellschaft lösen." Dafür sei die Politik zuständig, Journalisten sollten sich lieber auf ihre Kontrollfunktion beschränken.
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