Ohne Recht auf Facebook
 

Ohne Recht auf Facebook

Editorial von Rainer Seebacher, Chefredakteur HORIZONT (HORIZONT 38/2013)

Er darf nicht, er darf – nun darf er doch nicht. Die Posse um das Facebook-Engagement des ORF (Seite 2 dieser Ausgabe) ist mit dem neuen Bescheid des Bundeskommunika­tionssenats (BKS) um eine Facette reicher. Zur ­Ehrenrettung dieser Behörde: Sie kann auch nur auf der Grundlage von Gesetzen entscheiden. Woran es fehlt: einer vernünftigen Medienpolitik, deren Akteure um die Herausforderungen der modernen Medienwelt Bescheid wissen. Das tun sie ­allerdings nicht: Wie kann man nur auf den Gedanken kommen, ein modernes Medienhaus von Social Media abkoppeln zu wollen? Nehmen wir etwa den Facebook-Auftritt von Ö3 mit derzeit knapp 330.000 Fans. Dort tauschen sich die Radio­macher mit ihren Hörern aus und gestalten das Programm danach. Die Social-Media-Aktivitäten des Senders verbessern also sein Produkt.

Die neuen Medien erlauben es, mit einer Masse von Menschen einen Dialog auf Augenhöhe zu führen, sie als Partner ernst zu nehmen und so ihre Bedürfnisse und Wünsche besser befriedigen zu können. Soll das dem ORF verwehrt bleiben?

Aus dem unprofessionellen Zickzackkurs der ­österreichischen Medienpolitik, der für alle Akteu­re nur Unsicherheit und damit Schaden bringt, lässt sich allerdings eine rote Line erahnen: Während der ORF dort und da ein Stück seiner Freiheit ­beschnippelt wird, schaut die Politik darauf, dass der Öffentlich-Rechtliche finanziell gut ausgestattet wird. Man erlaubt ihm, sich große Stücke des heimischen Werbekuchens einzuverleiben. Eine Erlaubnis, die etwa in Deutschland undenkbar wäre. Den Schaden für private Mitbewerber nimmt die Politik in Kauf. Womöglich ist es gar ein erwünschter Nebeneffekt, denn Medien in privater Hand sind schwerer kontrollierbar als der Öffentlich–Rechtliche. Selbst dieser soll in ein noch engeres Meinungskorsett. Wie sonst ist die Forderung von ÖVP-Klubchef Karlheinz Kopf zu verstehen, der Twitter-Regeln für ORF-Redakteure forderte?

Aber vielleicht sieht die Vision der österreichischen Medien­politik tatsächlich so aus: Ein gut ­genährter Öffentlich-Rechtlicher, der sich mit der finanziellen Peitsche züchtigen lässt, wenn er zu „goschert“ wird. Ein Öffentlich-Rechtlicher, den man von ­modernen Dialogkanälen wie Social Media ­möglichst abschneidet, weil Dialog mit Demo­kratie zu tun hat. Ein Öffentlich-Rechtlicher, der die Lizenz dafür bekommt, den Privaten das Leben immer schwerer zu machen, weil man den Privaten schwer Vorschriften machen, sondern nur ­versuchen kann, sie mit Werbegeldern gefügig zu machen? Freilich – das alles ist eine Unterstellung. Allerdings eine Unterstellung, die sich die Medienpolitik ob ihrer aktuellen Performance gefallen ­lassen muss.
stats