Offener Brief des "WirtschaftsBlatts" im Wort...
 

Offener Brief des "WirtschaftsBlatts" im Wortlaut

"WirtschaftsBlatt" wehrt sich in einem offenen Brief an die Konzernleitung gegen die geplante Zusammenlagung – die Zukunft des Mediums stehe auf dem Spiel

Vergangenen Donnerstag, 14. November, warnten die Mitarbeiter des "WirtschaftsBlatt" in einem offenen Brief vor einer Fusion mit der Tageszeitung "Die Presse" (HORIZONT online berichtete). Nachfolgend das Schreiben im Wortlaut, wie es HORIZONT vorliegt.

Offener Brief an die Mitglieder des Aufsichtsrats sowie des Vorstandes der Styria Media Group AG:


"Vor wenigen Wochen hat die Geschäftsführung der Tageszeitungen WirtschaftsBlatt und Die Presse den Belegschaften beider Unternehmen mitgeteilt, dass eine Zusammenführung der Redaktionen und des Anzeigenverkaufs angedacht ist. Mit Erschütterung bemerken wir, dass sich diese Ideen offenbar konkretisieren.

Als Mitglieder der Redaktion des WirtschaftsBlatts - die Journalistinnen und Journalisten, Layout, Grafik, Fotoredaktion, Archiv sowie Korrektur beinhaltet - verunsichern uns solche Pläne zutiefst.

Wir befürchten - nach jetzigem Wissensstand -, dass diese nicht nur einen umfangreichen Abbau von Arbeitsplätzen, sondern auch eine deutliche inhaltliche Verschlechterung zur Folge hätten - etwa, wenn ein Redakteur künftig für zwei Tageszeitungen schreiben soll sowie in einer gemeinsamen Redaktion austauschbare Texte für beide Zeitungen verfasst werden.

Das würde unserer Überzeugung nach nicht nur den im Herbst begonnenen Erholungsprozess zunichte machen, sondern binnen Kurzem auch die Marke "WirtschaftsBlatt" zerstören.

Wir befürchten, dass eine redaktionelle Fusion mit der Presse wegen der relativ starken Überschneidung der Leser die Existenz des WirtschaftsBlatts als Zweitzeitung gefährdet: Die Leser könnten den Eindruck gewinnen, die Inhalte des WirtschaftsBlatts ohnehin in ihrem Erstmedium lesen zu können - als logisches Resultat könnten sie auf die Zweitzeitung verzichten wollen.

Auch besteht die Gefahr, dass im WirtschaftsBlatt in Zukunft vermehrt Artikel erscheinen, die die bisherige Kernkompetenz des WirtschaftsBlatts in Wirtschaftsbelangen verwässern. Das würde nicht nur Doppel-Leser abschrecken, sondern auch das Image des WirtschaftsBlatts als einzige Wirtschaftstageszeitung Österreichs und seine daraus folgende Wirtschaftskompetenz vernichten.

Ein WirtschaftsBlatt, das sich in wesentlichen Teilen auf die Zulieferungen aus einer gemeinsamen Redaktion stützt, müsste in der überwiegenden Zahl der Fälle auch mit gemeinsamen Geschichten aufmachen. Das könnte bei Wirtschaftspolitik, nationaler oder internationaler Konjunktur oder Affären der Fall sein - Bereiche, in denen das WirtschaftsBlatt in den vergangenen Jahren unzählige Exklusivgeschichten "aufgerissen" hat, was innerhalb der Medienbranche durch Zitierungen gewürdigt wurde und immer noch wird.

Diese positive Wertschätzung unserer Arbeit ist in den vergangenen Wochen nochmals stark gestiegen, und das, obwohl wir seit dem Einstieg der Styria Media Group im WirtschaftsBlatt mit weniger als der Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auskommen müssen.

WirtschaftsBlatt und Presse hatten bislang außerdem vollkommen unterschiedliche inhaltliche Zugänge und Positionierungen, eine gemeinsame Redaktion wird dieses Alleinstellungsmerkmal kaum halten können.

Wir halten unsere (Stamm)-Leser außerdem für so vertraut mit den Namen der Redakteurinnen und Redakteure des WirtschaftsBlatts, dass Berichte der bisherigenPresse-Belegschaft auch von ihnen als solche erkannt werden. Damit fällt ebenfalls ein starkes Kaufargument für die Zweitzeitung WirtschaftsBlatt weg.

Ganz im Gegenteil wird sich - wenn das WirtschaftsBlatt zu einem großen Teil mit Berichten aufmacht, die im Presse-Wording verfasst sind - der Effekt einstellen, dass sich Leser, die auf eine Presse-Story aufmerksam gemacht wurden, zur Befriedigung ihres Lesebedürfnisses gleich an die größere Zeitung wenden - das WirtschaftsBlatt würde damit ebenfalls Leser verlieren.

Die nochmals stark reduzierte Anzahl an Wirtschaftsredakteuren insgesamt wird zudem der Qualität der veröffentlichten Geschichten abträglich sein.

Wir haben große Sorge, dass all diese Effekte schon sehr bald eintreten könnten und das in weiterer Folge das Ende der Marke "WirtschaftsBlatt" bedeuten würde - einer Zeitung, für die wir nicht nur arbeiten, sondern mit deren Richtung wir uns identifizieren, die wir zum Teil schon seit mehr als 18 Jahren mitgestalten und für die wir in den vergangenen Jahren große Opfer in Kauf genommen haben.

Wir Redaktionsmitglieder sind überzeugt davon, dass ein WirtschaftsBlatt, in das investiert statt in dem reduziert wird, durchaus längerfristig am Markt Bestand hat.

Mit diesem Brief möchten wir Sie, geehrte Herren, dringend ersuchen, unsere Bedenken nachzuvollziehen und alle Schritte, die das Ende des WirtschaftsBlatts bedeuten, einzustellen.

Wir fordern Aufsichtsorgan sowie Führungsgremium der Styria Media Group AG auf,

  • die Eigenständigkeit des WirtschaftsBlatts in Print wie Online tür die Zukunft zu sichern,
  • von einer journalistischen Fusion mit der Presse Abstand zu nehmen beziehungsweise diese zu verhindern,
  • die jahrelang umgesetzten Kürzungen und damit die Politik des Zu-TodeSparens zu beenden,
  • die Umsetzung der lange vorliegenden Vorschläge zu gewährleisten. die eine rasche Generierung von Erlösen tür die WirtschaftsBlatt Medien GmbH und damit eine eigenständige und positive Zukunft ermöglichen."


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