„Österreich hat diesen billigen Journalismus ...
 

„Österreich hat diesen billigen Journalismus nicht verdient“

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Matthias Karmasin (Medienhaus Wien), Elisabeth Mattes (Telekom Austria), Moderatorin Corinna Milborn (News), Mediensoziologe und Gastreferent Kurt Imhof, Helmut Denk und Josef Seethaler (beide Akademie der Wissenschaft).©Telekom Austria Group/ R
Matthias Karmasin (Medienhaus Wien), Elisabeth Mattes (Telekom Austria), Moderatorin Corinna Milborn (News), Mediensoziologe und Gastreferent Kurt Imhof, Helmut Denk und Josef Seethaler (beide Akademie der Wissenschaft).©Telekom Austria Group/ R

Der schweizer Medienforscher Prof. Kurt Imhof sieht in der sinkenden Qualität der öffentlichen Medien eine Gefahr für die Demokratie.

Wien/Zürich. Seine Thesen sind nicht leicht verdaubar und vermitteln auch keine positive Stimmung, denn sie treffen jeden journalistisch interessierten Menschen mitten ins Herz. Das sollen sie vermutlich auch, schließlich geht es dem Schweizer Soziologen und Kommunikationswissenschafter Prof. Kurt Imhof um den Erhalt einer qualitativen öffentlichen Kommunikation, um einen qualitativen politischen Diskurs in den Medien – nicht zum Zweck des Bewahrens des Ewiggestrigen, sondern aus der Überzeugung heraus, dass sonst unsere Demokratie profunde in Gefahr gerät. Im Rahmen der „Hedy Lamarr-Lectures“-Veranstaltungsreihe des Medienhaus Wien – gesponsert von der Telekom Austria - stellte Imhof seine Überlegungen und Überzeugungen vor –Thema: „Der Wandel der medialen Wissensvermittlung in der Moderne“. Auch im Rahmen des „Science meets practice – Diskursbrunch“ mit ausgewählten Journalisten – ebenfalls initiiert vom Medienhaus Wien - wurden seine Thesen diskutiert.

Rudeljournalismus

Seine Kritik richtet sich ganz klar gegen die derzeitige Berichterstattungskultur in den Medien, nicht zuletzt ausgelöst durch die Gratiskultur, seien es Pendlerzeitungen oder das Internet. „Früher wurden in den verschiedenen Medien noch die unterschiedlichen Weltanschauungen in einem politisch-publizistischen Konflikt ausgetragen, heute herrscht überall eine Art Happy-Day-Journalismus, der dem politischen Populismus Tür und Tor öffnet“, so Imhof. Nachdem Ressorts vielerorts abgeschafft wurden – und damit die „Wissens-Thinktanks“ mit ihren speziellen Weltbetrachtungen – schreiben heute alle über alles. Die Folge: eine gleichartige Berichterstattung, verstärkt durch den „Lemmingeffekt“, wie er ihn nennt, weil sich alle Medien immer auf die gleichen Themen stürzen ohne eigene Reflexion oder Haltung dazu. Diesbezüglich prägte Imhof auch den Begriff des „Rudeljournalismus“.

Star durch Skyrocking

Bedenklich schildert der Medienforscher auch die zunehmende Emotionalisierung in der Berichterstattung: „Die Sachverhaltsdarstellung ist der Konfliktstilisierung gewichen“. Die Folge sei eine „moralisch-affektive und expressive öffentliche Kommunikation“, geprägt von hochemotionalen, personalisierten Berichten. Imhof bringt hier den Begriff der „Skyrockingeffekte“ ein, die aus Wirtschaftsbossen schnell Stars werden lassen -und umkehrt, was aber die „Volantilität der Wirtschaft“ nicht fördere.

Ebenso kritisiert er die zunehmende Lokalisierung der politischen Berichterstattung. „Was zieht ist nicht die Welt“, stellt Imhof fest. Wenn jedoch Gratisleser mit der „Welt“ in Berührung kommen, dann nur über Affären, Katastrophen, Krieg und Krisen –„das verzerrt die politische Wahrnehmung der Welt und lässt sie vor allem als Bedrohung darstellen“. Die Folge: Fremdenangst.

Brain-Missbrauch

Der Grund für diese Entwicklungen ist klar: Qualität braucht Recherche und Recherche braucht Ressourcen. Wenn die in den Redaktionen ausgehöhlt werden, haben PR-Meldungen ein leichtes Spiel. „Wenn keine Zeit mehr für Recherche besteht, werden Journalisten zu Informationsmaschinen. Das ist Missbrauch ihres Brains“, wettert Imhof und stellt hier auch massives Unbehagen im Berufsstand fest, schließlich seien Status und Prestige des Journalisten am absteigenden Ast begriffen – „und dennoch schauen alle zu, wie dieser Berufsstand sich selbst zugrunde richtet“. Nicht umsonst würden sich derzeit viele Publizistikabsolventen lieber für die PR als für den Journalismus entscheiden. Und nicht umsonst nehme auch die Zahl der Frauen zu. Was das heißt, wird uns Frauen nicht gefallen: „Wenn ein Berufsstand an Wert verliert, nimmt die Feminisierung in diesem Bereich zu“, stellt der schweizer Professor trocken fest.

Narzissmusstress

Social Media als eine neue Art der politischen Aktivität á la „Uni brennt“ lässt Imhof nicht recht gelten: „Social Media ist nichts anderes als Narzissmusstress für die Jugendlichen“ und „solche Gruppenaktivitäten brauchen die mediale Bühne der Öffentlichkeit, sonst bleiben sie in sich selbst sitzen“. Hingegen setzt er sich vehement für mehr Medienkompetenz bei Kindern ein: „Wenn hier nicht mehr in den Schulen getan wird, damit junge Menschen lernen ein Gratisblatt von einer Qualitätszeitung zu unterscheiden, sehe ich wirklich schwarz für unsere Demokratie“.

Eigentlich wäre die Misere der Qualitätsdebatte recht einfach durch Geld zu lösen. Doch seit 2009 sind viele Adern plötzlich trocken gelegt. Imhof ortet hier durchaus „bedenkliche neue Allianzen von Parteien und Medienhäuser“ – gemeint sind Parteienanzeigen an bestimmte Medien getarnt als Medienförderung. Grundsätzlich jedoch erteilt er der Werbe- oder Vertriebserlösfinanzierung eine klare Absage: „In den 200 Jahren waren Medien die meiste Zeit Zuschuss- oder Gesinnungsunternehmen, die sich nur knapp getragen haben“. Als Finanzierung schlägt er öffentlich-rechtliche Medien auch im Printsektor vor, jedoch losgelöst von der Einschaltquotenjagd und deshalb nicht gebühren- sondern Stiftungsfinanziert, „im Grunde darf das Zeitungswesen alles sein, nur kein Gewerbe“.

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