Österreich feiert 20 Jahre Privatradio
 

Österreich feiert 20 Jahre Privatradio

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Vor 20 Jahren endete Österreichs Dasein als ‚Medien-Albanien‘. Heute überzeugt die Branche mit viel Innovationskraft.

Dieser Beitrag ist zuerst in Ausgabe Nr. 13/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Kollegen aus dem Ausland seien oftmals ganz überrascht, wie jung die Privatradio-Landschaft in Österreich noch ist, schildert VÖP-Geschäftsführerin Corinna Drumm. Am 1. April vor 20 Jahren nahmen 15 private Radiosender in Österreich ihren Betrieb auf, und die offizielle Geburtsstunde des österreichischen Privatradios hatte geschlagen. Schon 1995 waren Antenne Steiermark und das damalige Salzburger Radio Melody „on air“ gegangen und fügten dem ORF-Monopol erste Risse zu. Österreich war eines der letzten europäischen Länder, in denen Privatradio zugelassen wurde. Vom „Medien- Albanien“ war daher damals noch oft die Rede, so etwa in der Stellungnahme des LIF-Mediensprechers Friedhelm Frischenschlager, der das „hierzulande festzementierte medienpolitische Albanien zumindest am Radiosektor endlich einem längst fälligen Stück Meinungsfreiheit gewichen“ sah.

„Nach den guten Erfahrungen bei den Pionieren in der Steiermark und in Salzburg herrschte eine gewisse Goldgräberstimmung unter den Betreibern“, erinnert sich der heutige LoungeFM-Geschäftsführer Florian Novak, als Gründungsgesellschafter des Privatradios Energy 104.2 damals als „Mann der ersten Stunde“ direkt involviert. „Was viele Verleger, ihnen waren ja von der Politik die meisten Zulassungen zugeschanzt worden, zu dem Zeitpunkt übersehen und unterschätzt hatten: Die Radioflotte des ORF hatte sich in der Zwischenzeit völlig neu aufgestellt. Die bitteren Lektionen mancher, die Millionen ins Marketing geschaufelt hatten: Good marketing makes a bad product die faster …“, so Novak. „Privatradio in Österreich war ein wichtiger – wenn auch längst überfälliger – Schritt, der Österreich gut getan hat, auch wenn sicher viele mehr Vielfalt und weniger Einfalt erwartet hätten. Die wirkliche Veränderung brachte in diesen zwei Jahrzehnten allerdings das Internet“, lautet Novaks Conclusio zu den ersten 20 Jahren Privatradio.

Langsames Zusammenwachsen

Hierzulande war der Radiomarkt 1998 sehr kleinteilig designt, mit vielen Sendern und kleinen Verbreitungsgebieten. Ersten Bestrebungen der Konsolidierung auf ein wirtschaftlich vernünftiges Maß standen rechtliche Hindernisse entgegen.

Erst Anfang der 2000er-Jahre wurden die entsprechenden Möglichkeiten geschaffen, was einen zweiten Meilenstein für die österreichische Privatradioszene bedeutete. Ein weiterer folgte 2004 mit der ersten und bislang einzigen bundesweiten Privatradio- Lizenz für KroneHit. „Erstmals kann damit ein privater Hörfunkveranstalter auf Augenhöhe mit dem öffentlich- rechtlichen Rundfunk agieren und kann das duale Rundfunksystem Realität werden“, meinte Geschäftsführer Ernst Swoboda damals. Eine zweite bundesweite Lizenz steht wohl durch Radio Ö24 kurz bevor.

Wie dual ist das System?

Ob das österreichische Rundfunksystem wirklich so dual ist, darüber herrschen bei den Privatsendern aber heute noch Zweifel. Zu dominant sei der ORF dank seiner jahrelangen Vormachtstellung auf den entscheidenden Märkten, für die Privatsender seien das neben der Fragmentierung zusätzliche Erschwernisse. Auch die jüngste Debatte rund um die Rundfunkgebühren zeigte die Kluft zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern. Letztere kritisieren immer wieder den ihrer Meinung nach zu unklaren öffentlich-rechtlichen Auftrag, wobei den Privatsendern vor allem kommerziell orientierte Sender wie Ö3 ein Dorn im Auge sind.

Ein Vergleich mit anderen Ländern fällt aufgrund der österreichischen Speziallage mit seiner späten Liberalisierung kombiniert mit der gebirgigen Lage schwer. Die Nachbarländer Deutschland und Schweiz waren jedenfalls schon Mitte der 80er-Jahre in die Privatradiozeit gestartet. Ein Blick in die Schweiz zeigt: Die Zahlen des Mediapulse Radiopanels weisen für die deutsche Schweiz im zweiten Halbjahr 2017 (Bevölkerung ab 15 Jahren, Mo-So) einen Marktanteil von 64,49 Prozent für die SRG SSR aus, Private kommen auf 30,82 Prozent. Im österreichischen Radiotest erreichte die ORF-Flotte in der Zielgruppe 10+ wie berichtet einen Marktanteil von 71 Prozent, „Privatradio Inland“ kam auf 26 Prozent. In Deutschland wies die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse den Marktanteil bei öffentlichen und privaten Sendern (Mo-Fr, 6-18 Uhr, Alter 10+) zuletzt etwa ausgeglichen aus – mit leichten Vorteilen für die Privaten.

Innovationsland Österreich

Ist die österreichische Privatradioszene mit ihrem vergleichsweise jugendlichen Elan ein guter Boden für besondere Innovationskraft? „Ja“, meint Florian Novak, das kreative Potenzial sei enorm. „Und in Österreich greift der erste Härtetest: So viele Menschen, die einem erklären, warum was nicht geht, trifft man selten. Das ist eine harte Hürde, im Ergebnis gilt aber: Wer es in Österreich schafft, schafft es überall.“

Auch Drumm sieht in der Tat besondere Innovationskraft in Österreich, dies aber nicht aus der Jugendlichkeit der Szene heraus, sondern als Resultat eines hartes Kampfes gegen widrige Umstände. Sie verweist etwa auf Projekte wie den Radioplayer, der zwar keine österreichische Erfindung sei, aber den die Privatradios nach Österreich gebracht und aufgebaut haben. Der ORF nimmt daran nicht teil. Möglicherweise muss es „noch nicht“ heißen. Denn in die Sache ist Bewegung gekommen.

Radioplayer: Kooperation in Sicht

Erst vor Kurzem hatten VÖP-Vertreter den ORF erneut zu einer Teilnahme am Radioplayer eingeladen (siehe HORIZONT-Coverstory 7/18). „Wir machen es im Moment ja auch ohne den ORF, sind aber der Überzeugung, dass es für die Hörer und für die Radiobranche sinnvoller mit dem ORF wäre“, hatte VÖP-Vorstand Christian Stögmüller gegenüber HORIZONT gemeint. Wenn der Radiokonsum künftig noch stärker digital stattfinde, sei es wichtig, dass im Sinne der Gattung auch der gesamte österreichische Radiomarkt vertreten sei. „Unser Angebot an den ORF ist daher, als gleichberechtigter Partner in einem 50/50-Modell einzusteigen und im europäischen Kontext die Entwicklung von Radio weiterzutragen“, meinte er. Seither habe sich in dieser Causa einiges bewegt, so Stögmüller zu HORIZONT. Es habe Kontakt mit ORF-Radiodirektorin Monika Eigensperger gegeben, die signalisierte, dass der ORF zu Gesprächen bereit sei. Es gelte jetzt noch rechtliche und inhaltliche Fragen zu klären, doch Stögmüller zeigt sich „guter Dinge, dass es zu einer Kooperation kommen wird und unsere Einladung auf fruchtbaren Boden fällt“. Schon in Kürze, nach den Osterferien, werde es ein neuerliches Treffen geben.

Oft genannt im Zusammenhang mit heimischer Innovationskraft wird auch die KroneHit Smart-App mit Skip-Funktion und auch Novaks Projekt „Tonio“, 2015 mit dem Radiopreis als „Beste Innovation“ ausgezeichnet. Die Audio-Decoding-Anwendung kann Informationen aus unhörbaren Signalen in TV- oder Radioprogrammen auf das Smartphone übertragen. Novak will diese Technologie als weltweiten Standard etablieren: „Die unhörbare Übermittlung von Daten über Audio hat das Zeug, zu einem fundamentalen Paradigmenwechsel im Zeitalter des Smartphones beizutragen. Am meisten davon profitieren würden die TV- und Radiosender. Wenn sie smart sind, erkennen sie, dass eines wichtig ist: Let’s agree on technology, but compete on content.“ Auf Basis eines gemeinsam definierten Standards könnten sie ihrem Publikum, aber auch den Werbepartnern künftig von ihnen kuratierte Information und Unterhaltung auf einem zweiten Screen bieten, so Novak. „Genau dafür bieten wir eine schlüsselfertige Lösung – sowohl für die Broadcaster als auch für Smartphone- Hersteller. Nach dem Niedergang von Nokia sitzen maßgebliche Entscheider dieses Mobilfunk-Ecosystem wieder in erster Linie im Silicon Valley, daher bemühen wir uns unverändert um strategische Allianzen.“

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