"Öffentlich-Rechtliche müssen Sprung ins 21. ...
 

"Öffentlich-Rechtliche müssen Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen"

APA/dpa
Berlin/Deutschland/Jugendliche/lbn/facebook/von oben/
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Anlässlich der Präsentation des Buches "Public Open Space - Zur Zukunft öffentlich-rechtlicher Medien", diskutierte ein hochkarätig besetztes Forum die Zukunft von Medien mit Public Value.

Über den öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF wird gern diskutiert. Vor der Medienenquete legt der ORF nun eine breite Grundlage dafür vor: das Buch "Public Open Space - Zur Zukunft öffentlich-rechtlicher Medien", in der renommierte Wissenschafter das Thema aus jeder erdenklichen Perspektive beleuchten. 

Zur Präsentation des Buches versammelten sich im Presseclub Concordia fünf Experten zu einer spannenden Podiumsdiskussion. Klaus Unterberger (Leiter ORF Public Value), neben Konrad Mitschka Herausgeber des Buches, ortete eine weitreichende Diskussion zum Thema Public Value und Qualität. Der Band könne diese Debatte versachlichen. Es gebe zudem die Idee vom Public Open Space, die zur Zeit in ganz Europa diskutiert werde. Das Buch sei auch ein Versuch, die Debatte nach Österreich zu bringen. Der Band versammelt 55 wissenschaftliche und unentgeltlich zur Verfügung gestellte Beiträge in- und ausländischer Experten. Warum genau 55? "Das ist eine Anleihe an die 55 Cent, die der ORF pro Gebührenzahler pro Tag durchschnittlich bekommt", erklärt Unterberger.

Reinhard Christl, auch Mitglied des Public-Value-Beirats, skizzierte eine multiple Medienkrise, die aktuell vorherrsche. Und dies aus zwei Gründen: Erstens würden Geschäftsmodelle zusammenbrechen oder seien bereits zusammengebrochen. "Der Qualitätsjournalismus befindet sich in der größten Krise der Nachkriegszeit", diagnostizierte Christl. Zudem würde der politische und gesellschaftliche Diskurs nicht mehr funktionieren, dieser würde verstärkt in Echokammern und Filterblasen stattfinden. Öffentlich-rechtliche Medien seien für diesen Diskurs am besten geeignet. Sie müssten nun den "Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen" und zu einer Plattform werden. Bislang sei das beim ORF zum einen an eigenen Fehlern, aber auch an der staatlichen Regulierung gescheitert. 

Leonhard Dobusch von der Universität Innsbruck räumte mit zwei Irrtümern auf: "viel" Internet-Content bedeute nicht "Vielfalt", es gebe auch viele Anbieter, die auf Clickbait-Journalismus setzen würden, meinte der passionierte Blogger (u.a. netzpolitik.org). Bestimmte Formate und Geschäftsmodelle befänden sich in einer Krise. Der zweite Irrtum sei, zu glauben, dass es ausreiche, öffentlich-rechtliche Inhalte im Internet verfügbar zu machen. Auch er plädierte dafür, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk zu einer Plattform werden müsse. Im Buch meint Dobusch, dass öffentlich-rechtlichen Anbietern sonst der Weg in die Bedeutungslosigkeit drohen würde. Bestimmte Zielgruppen würden dann nicht mehr oder nur noch schlecht erreicht.

Petra Herczeg (Universität Wien) sprach sich ebenso für die Qualität der Vielfalt aus - quantitivative Vielfalt reiche nicht aus. Herczeg nahm aber auch die Hörer und Seher in die Pflicht. Es gelte auch, die Kompetenz des Publikums zu erhöhen, meinte sie und verwies auf den jüngsten European Newspaper Congress. Dort seien viele Geschäftsmodelle präsentiert worden, "aber niemand erklärt dem Publikum, was es bedeutet". In den Programmen fehle es an Erklärungen. Es gelte neben der Förderung von Medienkompetenz in den Schulen, auf die Menschen zuzugehen - "sozialkritische Inhalte können dazu führen, dass Menschen über etwas nachdenken".

Thomas Steinmaurer von der Universität Salzburg verwies auf eine 2015 mit Corinna Wenzel durchgeführte Studie, in der der Begriff Public Value zum Public Network Value erweitert wurde. Gerade für die Herausforderungen, die sich im Umfeld der digitalen Netzwerke derzeit stellen, gelte es Kernqualitäten des Public Value zu einem "Public Network Value" weiterzuentwickeln, meinen Wenzel und Steinmaurer im Buch selbst. So könnten sie weiterhin ihre wichtigen Funktionen und Leistungen für Demokratie und Gesellschaft erbringen. Bei der künftigen Finanzierung des ORF forderte Steinmaurer entweder die Anpassung des bisherigen Modells an die technische Infrastruktur, mit der heute Medien konsumiert werden oder - als "schlauere" Lösung die Haushaltsabgabe als Demokratie-Unterstützung. Eine direkte Finanzierung durch den Staat hält Steinmaurer für "sehr gefährlich".

Öffentlich-rechtliche Medien müssten sich im disruptiven Zeitalter "im Sinn der Gesellschaft transformativ weiterentwickeln", schreiben Unterberger und Mitschka sie in ihrem Vorwort. Es gelte, einen "Weg vom 'Rundfunk der Gesellschaft' zu einer offenen Plattform öffentlicher Kommunikation" zu finden. Benchmarks auf dieser Reise seien: Medienqualität, Relevanz, Allianzen, Public Value, also gesellschaftlicher Mehrwert, und Innovation. "Vordergründige Rezepte" wollen sie mit ihrem Buch nicht liefern - vielmehr einen "Diskursraum" und Auslöser für "kritische Debatten".

Die Schwerpunkte

Zu den Schwerpunktthemen des Bandes gehören Glaubwürdigkeit und vertrauenswürdige Information ebenso wie die Komplexe Integration, Inklusion, Diversität und Menschenrechte oder, ganz konkret, Jugend und Sportberichterstattung. Zu letzteren hält etwa Reinhard Christl fest: "Übertragungsrechte für populäre Sportarten bleiben für öffentlich-rechtliche Sender unverzichtbar." Daher brauche es finanzielle und personelle Ressourcen ebenso wie rechtliche Rahmenbedingungen, um das "Sport-Publikum auch in den neuen Medien zu erreichen".

Zu viele Einschränkungen für die Öffentlich-rechtlichen behindern diese daran, ihren Auftrag zu erfüllen, das ist der Grundtenor vieler Beiträge. "Die derzeitige gesetzliche Beschränkung öffentlich-rechtlicher Medien in Deutschland und Österreich ist schlichtweg unsinnig", schreibt etwa der Jurist und Internet-Experte Victor Mayer-Schönberger (Oxford Internet Institute). Klaus Meier (Universität Eichstätt) empfiehlt ein "eigenes öffentlich-rechtliches Jugendangebot" für Smartphones, was den Öffentlich-rechtlichen derzeit oft rechtlich untersagt sei.

Josef Trappel von der Uni Salzburg sieht das "postfaktische" Zeitalter als "Reformchance" und konstatiert: "Gute Karten für den öffentlichen Rundfunk. Gute Journalistinnen und Journalisten, solide Finanzierung, Hunger nach Legitimation. Wem sollen die Menschen glauben, welchem Medium vertrauen?" Allerdings brauche es "größte Anstrengungen", um das Vertrauen des Publikums in öffentlich-rechtliche Medien zu erhalten, ergänzt Heinz M. Fischer (FH Joanneum). "Es wird eine der maßgeblichen gesellschaftlichen Aufgaben sein, Journalismus als elementaren Grundwert einer funktionierenden Demokratie nicht nur anzuerkennen, sondern alles zu tun, sein Weiterbestehen zu fördern." Auch er ist gegen allzu große Restriktionen für den ORF: "Nicht jene dürfen behindert werden, die nachhaltig Information und Bildung auf ihre Fahnen heften."

Manuel Puppis und Hildegard van den Bulck (Universitäten Freiburg/Universität Antwerpen) schließlich treten gegen eine Budgetfinanzierung auf: "Mit Blick auf die zwingend notwendige Unabhängigkeit des öffentlichen Rundfunks von der Politik, die Verlässlichkeit der Finanzierung und die Legitimation des öffentlichen Rundfunks empfiehlt sich die Beibehaltung eines vom Staatshaushalt getrennten Finanzierungsmodells."

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