Niemals ohne
 

Niemals ohne

Editorial von Rainer Seebacher, Chefredakteur (HORIZONT 41/2014)

In einer aktuellen Untersuchung errechnet Mindshare, dass junge Menschen in Österreich 671 Minuten Medien nutzen. Täglich. Konkreter: Die 15- bis 29-Jährigen wenden von den 24 Stunden, die ein Tag nun mal hat, elf Stunden und elf Minuten für die Mediennutzung auf. Und auch die älteren Semester – die 30- bis 59-Jährigen – eifern ihnen nach. Neun Stunden 37 Minuten. Wieder täglich.

Das ist kaum zu glauben. Empirisch aber zumindest auf Plausibilität zu überprüfen. Wie? Ganz einfach: indem man einmal einen ganz normalen Alltagsarbeitstag einer Analyse unterzieht.

Die ersten sechs Stunden sind einmal für Schlaf reserviert. Da kann wirklich nur dann eine Mediennutzung stattfinden, wenn man den nächsten Gang zum WC mit einem Blick aufs Smartphone aufwertet. Dies vernachlässigen wir hier. Der ­Wecker läutet: Radionutzung. Auch während des Frühstücks. Ein Auge schielt dabei aufs Smartphone, das andere auf die abonnierte Tageszeitung. Auf dem Weg zur Arbeit: Öffis? Klar: Gratiszeitung, Tageszeitung oder gar Magazin, vielleicht sogar ein Buch – plus Smartphone. Mit dem Auto? Radio plus Smartphone. Ist zwar lebensgefährlich, aber ein Blick zum Staunachbarn auf der Wiener Südosttangente untermauert diese Annahme.

So – jetzt wird’s schwierig, denn wir gelangen zum Arbeitsplatz. Bei Medienredakteuren liegt die hohe Mediennutzung auf der Hand und wird nur während einer Kaffee- oder der Mittagspause vielleicht unterbrochen. Statistisch gesehen ist das jedoch ein relativ kleines Berufsgrüppchen. Aber die Dame, die im Spar-Markt die Extrawurstblätter zwischen zwei Semmeldeckel legt? Radionutzung! Ach ja, klar. Smartphone? Nur wenn die ältere Kollegin nicht herschaut. Wie und welche Medien nutzen ein Kfz-Mechaniker, Bademeister, Zirkusclown, Feuerwehrmann, Hausmeister, Barkeeper, die liebe Kindergartentante oder ein Chief Financial Officer während ihres werktägigen Wirkens? Radio, okay. Laptop und Smartphone, na gut. Aber Zeitung, TV, Magazine? Komplex!

Kommen wir zum Weg von der Arbeits- zur Wohn­statt. Einfach. Mediennutzung so wie am Morgen auf dem Weg zum Job. Abends? TV. Muss sein. 106 Minuten täglich müssen ja auch irgendwann einmal konsumiert werden (der Teletest berichtet gar von 168 Minuten, die über elf Jahre alte Österreicher mit dem Fernsehen täglich verbringen). Und daneben der Laptop oder das Smartphone. Second Screen und so. Eh klar. Zum Einschlafen gibt’s dann vielleicht noch Gedrucktes: Buch, Wochenzeitung, Magazin …

Klingt plausibel – oder? Fazit: Die täglich ärztlich empfohlenen acht Stunden Schlaf einmal ausgenommen, verbringen wir von den verbleibenden 16 Wachstunden die überwiegende Mehrheit mit Medien – mitsamt ihren Werbebotschaften, denn über die wiederum werden Medien grosso modo ja finanziert. Das ist jetzt irgendwie – oag.
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