Neue Technologien spalten die Sender
 

Neue Technologien spalten die Sender

Markus Wache
Medientage 2017 Tag1 am Erste Campus, am 20.09.2017 | (c) Medientage/Wache
Medientage 2017 Tag1 am Erste Campus, am 20.09.2017 | (c) Medientage/Wache

Im Panel "Broadcast und NewTV" wurde darüber debattiert, welche Chancen und Gefahren sich für Fernsehsender durch neue Technologien ergeben und welchem Wandel damit die redaktionelle Hoheit unterliegt.

Neue Technologien wie künstliche Intelligenzen verändern den Bewegtbild-Markt. Unternehmen wie Microsoft, Amazon und Google analysieren Videos automatisiert - das wiederum eröffnet Fernsehsendern neue Möglichkeiten, ihr Publikum und dessen Nutzungsverhalten kennenzulernen und Inhalte entsprechend auszuspielen. Welche Chancen und Gefahren ergeben sich daraus für Fernsehsender und welchem Wandel unterliegt damit die redaktionelle Hoheit? Darüber debattierten im Panel "Broadcast und NewTV" Thomas Heigl von Microsoft, Uwe Hofer, Partner bei Exozet, Thomas Prantner, stellvertretender Direktor für Technik, Online und Neue Medien, und Michael Stix, Geschäftsführer der ProSiebenSat. 1 Puls 4-Gruppe. Moderiert wurde das Panel von Jürgen Hofer, stellvertretender Chefredakteur des HORIZONT.

Ablehnung und Zuneigung

"Wenn neue Technologien bei der besseren Aufbereitung von Metadaten helfen, dann ja. Wenn diese in irgendeiner Weise die Entscheidung, wie Sendungen und Programme produziert, gestaltet und ausgespielt werden, beeinflussen, dann ein klares Nein", bringt es Thomas Prantner, stellvertretender Direktor für Technik, Online und Neue Medien, auf den Punkt. Die redaktionelle Hoheit wolle er nicht infrage stellen, im Gegenteil: "Wir wollen entscheiden, welche Inhalte etwa auf der Startseite ausgespielt werden. Das heißt nicht, dass wir über den Geschmack des Publikums drüberfahren." Der öffentlich-rechtliche Kernauftrag würde über Klicks, Quoten und Werbeeinnahmen stehen. Prantner räumt aber auch ein, dass beim ORF neue Technologien zum Einsatz kommen würden - aber eben nicht solche, die entscheiden würden, welche Inhalte im ORF ausgespielt werden.

Bei der ProSiebenSat.1 Puls 4-Gruppe sieht man neue Technologien "als große Chance", sagt Michael Stix, Geschäftsführer der ProSiebenSat.1 Puls 4-Gruppe. "Als linearer TV-Anbieter wussten wir relativ wenig von unseren Usern, weil wir den direkten Kontakt nicht hatten. Jetzt haben wir die große Chance, über digitale Distributionswege genau zu sehen, was der User macht." Zudem habe man durch die Möglichkeit der Datengenerierung "einen ganz neuen Hebel mit Werbekunden zusammen zu arbeiten" und auf "regionale oder lokale Trends einzugehen", sagt Stix.

"Es geht nicht darum, durch neue Technologien den Redakteur zu ersetzen, sondern darum, Inhalte anders aufzubereiten", hält Matthias Heigl von Microsoft fest. Uwe Hofer, Partner bei Exozet, meint, dass sich Fernsehsender aktuell noch "sehr verhalten ausrichten" und "fest in bestehenden Geschäftsmodellen feststecken" würden. Und das, obwohl sich die User Experience der Menschen "sehr verändert" habe.

Lokaler Schulterschluss der Sender

Gegen Ende des Panels hat Stix noch zu einem "lokalen Schulterschluss" aufgerufen und den ORF dazu eingeladen, gemeinsam gegen globale Giganten anzukämpfen. Prantner entgegnete, dass der ORF und die Privaten in den nächsten Jahren ohnehin "zur Zusammenarbeit gezwungen" werden, "im Vergleich zu US-Giganten sind wir kleine Mäuse". Konkret schwebt Prantner vor, ein gemeinsames Projekt in puncto Vermarktung auf die Beine zu stellen. Immerhin würden 47 Prozent der gesamten Online-Werbeeinnahmen hierzulande an Google und Facebook gehen. "Wir würden mit unseren Online-Werbeeinahmen nicht einmal ins Parlament kommen, weil wir die Hürde von vier Prozent nicht überschreiten", so Prantner.
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