Neue Angebote treiben die Mediennutzung voran
 

Neue Angebote treiben die Mediennutzung voran

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Mit der aufkommenden Medienvielfalt steigt auch die Nutzungsdauer der Österreicher. Die Gefahr der totalen Verdrängung etablierter Medien durch neue Angebote bestand dabei nie.

Dieser Artikel erschien ebenso in der HORIZONT-Ausgabe 46/2016 vom 18. November. Hier geht's zum Abo.

Im Jahr 1991 existierten Printmedien und der ORF. Damit ist die Bandbreite der österreichischen Mediennutzung umschrieben. 25 Jahre HORIZONT später besticht die heimische Medienlandschaft durch ein breites Bukett an medialen Angeboten: Zeitungen, Magazine, öffentlich-rechtliche und private TV- und Radiostationen, zahllose digitale Angebote. Ebenso vielfältig und divers gestaltet sich die Mediennutzung.

Die Nutzung der Medien im Wandel der Zeit ist definiert über die Verfügbarkeit der Angebote: 1995 der Launch erster Onlineplattformen, 1998 tatsächlicher Start der privaten Radioangebote, 2003 Sendebeginn privaten terrestrischen Fernsehens. 

Vor allem die gesetzlichen Grundlagen für duale Systeme in TV und Radio heizten den Kampf um die Gunst der Medienkonsumenten an. „Das schaffte eine neue kompetitive Situation, die sich schon davor entwickelt hat, aber damit deutlich an Brisanz gewann“, konkretisiert Medienhistoriker Fritz Hausjell. Das Aufkommen neuer Angebote brachte aber bei allem Wettbewerb keine dramatische Verdrängung bei der Mediennutzung. „Die Fernsehnutzung ging nicht zurück, sondern wurde tendenziell leicht mehr“, so Hausjell.

„Das bringt auch die Neugierde für neue Angebote mit sich“, ergänzt er. So verlor der ORF nicht zwingend in gleichem Maße, wie die Privaten zulegten; „mit der Zeit nimmt aber die große Zahl der vielen kleinen Sender natürlich typischerweise dem Größten das Meiste weg.“ Waren es 1991 noch 127 Minuten TV-Nutzungszeit pro Tag, so wuchs dieser Wert auf knapp 150 zur Jahrtausendwende. Der Start der Privatsender befeuerte die Gesamtnutzungszeit zu Gunsten der Gattung an sich mit einem klaren Ansprung (siehe Grafik); im abgelaufenen Jahr 2015 waren es ganze 171 Minuten täglich. 

Parallelnutzung ist Usus

Mit neuen Angeboten stieg die Nutzung an sich, natürlich immer mit der Möglichkeit von Verschiebungen innerhalb der einzelnen Medienmarken. „Ein wesentlicher Grund ist meiner Meinung nach, dass ein höheres Angebot auch zu höherer Nutzung führt“, bestätigt Hausjell. „Wir haben aber auch auf Grund der technologischen Entwicklung und dadurch, dass wir mehrere dieser Medien am gleichen Empfangsgerät nutzen können, auch viel stärkere Möglichkeiten des Multitaskings“, verweist der Wissenschafter auf den Einzug von Smartphones und Co am Medienmarkt. Davon war vor 25 Jahren bei Weitem noch keine Rede. Denn: War die Nutzung in den 90er-Jahren und Anfang der 2000er stark auf einen Medienkanal konzentriert, so hat die Parallelnutzung bekanntermaßen mittlerweile voll Einzug gehalten. 524 Minuten nutzen Österreicher Medien gesamt pro Tag, das Internet trägt hier neben den klassischen Medien einen wesentlichen Teil im Tagesablauf bei. Vor allem in der Früh beispielsweise nutzen Österreicher Radio und Tageszeitung parallel, beim TV-Konsum greift fast die Hälfte zeitgleich zu einem anderen Device. 

Keine Verdrängung in der Nutzung

Die Gefahr der Verdrängung einer Gattung durch die andere in der Mediennutzung bestünde aber nicht, so Hausjell. „Der Blick zurück ist immer eine gute Grundlage für eine halbwegs solide Prognose der Zukunft. Dieser Blick zeigt, dass mit dem Aufstieg des Internets in den letzten 20 Jahren und seinen Ausformungen im Bereich der Medienwelt die befürchteten Verdrängungsmomente doch deutlich geringer waren als eben zum Teil vorhergesagt – und in manchen Bereichen waren sie länger gar nicht zu bemerken“, so Hausjell. Auch hätten neu entstandene Medien inhaltliche Anknüpfungspunkte für etablierte Medien gegeben. Bei der Einführung von Fernsehen im Jahr 1955 behandelte eine der ersten TV-Diskussion als Runde der Printchefredakteure die Frage, ob TV das Ende der Zeitung sei. „Die folgenden 30 Jahre nach Einführung des Fernsehens waren eine Blütezeit der Zeitung. Die Zeitungen haben sich darauf eingestellt und das Medium TV begleitet“, führt Hausjell weiter aus – und Medienkonsumenten greifen auch heute noch auf die Kombination zurück, TV-Programmzeitschriften gedeihen immer noch ganz gut. Auch das „neue“ Internet werde in Medien diskutiert und erklärt. „Natürlich könnte das Internet autonom existieren. Nichtsdestotrotz gibt es eine Beschäftigung damit, sei es auf Serviceebene oder auch punkto kritischer Auseinandersetzung, etwa mit der Rolle der Sozialen Medien bei US-Wahlen“, so der Medienwissenschaftler. „Und diese Themen werden vornehmlich in klassischen Medien diskutiert und vom Konsumenten dort rezipiert.“

Notwendige Medienbildung

Die sich diversifizierende Mediennutzung habe, so Hausjell, aber auch Missstände zu Tage gebracht. „Betrachtet man das Publikum, zeigt sich, dass durch die Vermehrung der Vielfalt des Angebots schon auch die Notwendigkeit gesehen werden muss, dass Medienkonsumenten auch gebildet werden müssen.“ Medienbildung sei etwas, dass das Bildungssystem in wesentlich stärkerem Ausmaß leisten müsse, als es das bisher vermag – auch, um die wachsende Anzahl an Angeboten für den Konsumenten verständlich und einordenbar zu machen. Dabei geht es nicht nur um politische Fragestellungen, sondern auch um Schutz vor Cyberkriminalität oder dem Schutz vor unnützem Wissen, wie Hausjell es nennt. „Je mehr Medien der Konsument zur Verfügung hat, desto mehr Zeit kann er damit verplempern; indem er schlechte Medien nutzt, sich nicht bewusst ist, was er liest.“ Damit würde auch ein neues Bewusstsein für Medien und deren Nutzung geschaffen werden. Das würde neben versiertem Umgang auch einen anderen positiven Aspekt mit sich bringen, so Hausjell: „Wir müssen auch dafür sorgen, dass Menschen dafür bereit sind, selektiv Geld in die Hand nehmen, wenn sie gute Information wünschen.“
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