‚Neue Akzente trotz Vorsicht beim Budget‘
 

‚Neue Akzente trotz Vorsicht beim Budget‘

Peter Rigaud
Martin Kotynek, Wien, 2018, Copyright www.peterrigaud.com
Martin Kotynek, Wien, 2018, Copyright www.peterrigaud.com

Der Standard‘-Chefredakteur Martin Kotynek über das neue Ressort ‚Edition Zukunft‘, das am 9. Februar mit einer Schwerpunktausgabe eingeläutet wird, und warum man damit auf ein steigendes Bedürfnis der Leser reagiert, seine weiteren Pläne für 2019 sowie steigenden Kostendruck und damit einhergehende Sparmaßnahmen.

Dieses Interview ist in der Ausgabe 1-3/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Horizont: Sie haben ein „großes redaktionelles Projekt angekündigt: Was ist das für ein Projekt?
Martin Kotynek: Wir planen ein neues Ressort, das „Edition Zukunft“ heißen wird. Wir reagieren damit auf ein steigendes Bedürfnis der Leser nach Informationen über Zukunftsthemen. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Künstliche Intelligenz. Das ist ein Schlagwort, das immer wieder fällt und das vielen Menschen auch Angst macht. Deshalb wollten wir mit der „Edition Zukunft“ ein Ressort schaffen, das sich angstfrei mit diesen Dingen beschäftigt. Aber natürlich fällt in das Ressort nicht nur das Thema Künstliche Intelligenz oder die Robotik, sondern die ganzen großen Themen unserer Zeit: Ökologie, Nachhaltigkeit oder Klimawandel – eben alles, was uns gerade bewegt. Hinter alledem steht natürlich ein „Change“, ein Veränderungsprozess. Und innerhalb des Ressorts werden wir uns auch mit diesen Veränderungsprozessen beschäftigen, die so gut wie jeden betreffen und auch so gut wie jedes Unternehmen erfassen.

Gab es dabei abseits der Thematik etwas, das Ihnen besonders wichtig war?
Ja. Dass wir diesen Zukunftsfragen nachgehen, ohne dabei belehrend zu sein, vielmehr wollen wir zuversichtlich und auch neugierig sein. Die Redakteure, die wir für das Projekt gewonnen haben, kommen ja auch neu in diese Welt hinein und entdecken diese recherchierend neu. Deshalb wird dieses Ressort einen eigenen Sound haben, die Kollegen können einen ganz eigenen Schreibstil dafür entwickeln, der möglicherweise auch etwas persönlicher sein wird, und auch jüngere Leser ansprechen wird. Auch optisch wird sich das Ressort von den anderen Ressorts unterscheiden.

Werden Sie die genannten Zukunftsfragen tagesaktuell behandeln?
Online werden wir natürlich jeden Tag berichten, wobei wir hier ein eigenes Ressort gründen werden. In Print wird es jeden Freitag ein eigenes Buch mit vier Seiten geben. Außerdem sind ein regelmäßiger Newsletter sowie ein Zukunftspodcast geplant. Das ist alles noch in Vorbereitung. Der Startschuss fällt mit einer Schwerpunktausgabe zur Zukunft am 9. Februar. Mit der „Edition Zukunft“ tatsächlich losgehen wird es am 15. Februar. Ressortleiterin ist Lisa Mayr, die vorher das Ressort „Wissen & Gesellschaft“ geleitet hat. Zudem werden noch vier weitere Kollegen für das Ressort tätig sein.

Worauf haben Sie den Fokus beim Layout gelegt?
Das Layout bietet einerseits die Möglichkeit, lange Geschichten gut zur Geltung zu bringen, aber andererseits auch in kleinen Formaten etwas zu erzählen. Es wird also eine Vielfalt an Formaten geben. Das Ressort hat Anfang des Jahres seine Arbeit aufgenommen und entwickelt das Konzept jetzt gemeinsam mit unserer Art Direktion. Wir versuchen hier, wie bereits gesagt, während der Woche online eine konstante Berichterstattung zu bieten und dann auch einmal in der Woche in Print weitere Hintergrundgeschichten zu bringen. Und da brauchen wir ein entsprechend flexibles Layout.

Wie wird das neue Ressort finanziert?
Wir haben priorisiert und das Budget entsprechend zusammengebaut. Und natürlich haben wir auch die Hoffnung, dass wir damit den Anzeigenmarkt ansprechen. Aber insgesamt bleiben wir damit innerhalb des Redaktionsbudgets, das heuer um mehr als 200.000 Euro höher ist als noch im Vorjahr.

Trotz erhöhten Budgets wird allerdings im Personalbereich eingespart: So kursieren Gerüchte in der Branche, dass inzwischen rund 20 Mitarbeiter entlassen wurden …
Das ist falsch.

Wie dwdl.de berichtet hat, hat sich der Standard aber zumindest von vier Mitarbeitern getrennt …
In der Redaktion mussten wir uns tatsächlich von vier Mitarbeitern einvernehmlich trennen, das sind drei Vollzeitstellen.

Zunächst haben Sie Ihren Mitarbeitern im November angeboten, ihre Arbeitszeit um 20 Prozent zu reduzieren, wenn sie dafür um 12,5 Prozent ihres Gehaltes verzichten. Wurde dieses Angebot nicht ausreichend genutzt?
Es haben sich einige Kollegen gemeldet und fast jeder, der mitmachen wollte, konnte das auch. Das hat natürlich sehr dazu beigetragen, dass wir das Budget dieses Jahr einhalten können. Die Kollegen haben für ein Jahr eine Viertage-Woche, also eine Arbeitszeitreduktion mit der Sicherheit, dass sie danach wieder auf Vollzeit wechseln können. Es gibt einfach Lebenssituationen, in denen das gerade passt: Man baut ein Haus, hat vielleicht gerade ein Kind bekommen. Zugleich ist damit aber auch dem Unternehmen geholfen, weil es natürlich eine gewisse Einsparung bringt. Wir sehen uns mit Kostensteigerungen konfrontiert, so sieht der Kollektivvertrag automatische Kostensteigerungen vor, außerdem ist der Papierpreis um mehr als zehn Prozent gestiegen. Da muss man entsprechend entgegensteuern – vor allem, wenn es bei den Werbeumsätzen Rückgänge gibt. Wir haben aber zunächst bei den Sachkosten zurückgeschraubt und uns erst im allerletzten Schritt die Personalkosten angeschaut und da auch nur das umgesetzt, was unbedingt nötig war.

Die Schaffung des neuen Ressorts hatte also nichts mit den Einsparungsmaßnahmen zu tun?
Das war eine rein inhaltliche Entscheidung. Wir verfolgen damit ein Konzept, das es in der Form im deutschsprachigen Raum noch nicht gibt. Und unsere Leserschaft – das weiß ich aus den Lesergesprächen – wünscht sich solche Geschichten, sie wünscht sich, dass wir hier einen Schwerpunkt setzen. Es muss ja auch möglich sein, dass man in einer Situation, in der der Markt es verlangt, dass man im Budget vorsichtig ist, trotzdem Akzente setzen kann.

Welche Pläne haben Sie abseits des neu eingeführten Ressorts für 2019?
Dieses Jahr haben wir einige große Projekte: So werden wir unsere Website relaunchen. Zudem integrieren wir Print und Digital besser, gestalten Arbeitsprozesse neu. Wir werden auch weiterhin an unserer thematischen Entwicklung weiterarbeiten und hier auch weiterhin stark auf Qualität setzen, weil wir damit wachsen. So sind wir im Vorjahr bei der Online-Reichweite auf 39 Prozent gewachsen, bei Print konnten wir unsere Reichweite auf 6,5 Prozent erhöhen, eine Steigerung um einen Prozentpunkt. So viele Menschen wie nie zuvor lesen den Standard. Und damit das so weitergeht, wollen wir neue Akzente setzen – und das haben wir dieses Jahr unter anderem mit dem Zukunftsressort auch vor.

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