Mobile hebt ab - jetzt wirklich
 

Mobile hebt ab - jetzt wirklich

Im Saal 2 ging's am Online-Day um Mobile Marketing.

Was lehrt uns der diesjährige Online Day? Google ist beim Fachpublikum ein echter Publikumsmagnet. Beim Vortrag von Stefan Hentschel mit dem sperrigen Titel "The No-Line Effekt - wie die mobile (R)evolution Wertschöpfung verändert" war der Saal zwei knackevoll. Dort widmete man sich dem ganzen Vormittag dem Thema Mobile. Hentschels Vortrag selbst enthielt wenig neues oder erhellendes. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen bedachte Hentschel seinen Vorredner Heimo Hammer (Kraftwerk) mit einer Unfreundlichkeit: "Ooooch das klang ja jetzt alles ein bisschen pessimistisch". Hammer hatte zuvor die Funktionsweise und auch die Erfolge von WinPin (der HORIZONT berichtete ausführlich darüber) vorgestellt. Und die deutsche Flapsigkeit blieb dann auch der rote Faden von Hentschels Ausführungen. Sätze wie "Die Unternehmen haben mobile noch nicht verstanden" oder "Wer erinnert sich noch an Nokia?" und auch "Das was in Österreich die Marktforscher sagen, wird in der Regel auch gemacht" fielen. Zum Schluss gab's dann noch ein schönes Filmchen, der den Dienst Google Wallet vorstellte. Ein Dienst, mit dem man über NFC ganz einfach bezahlen kann. Ob das Publikum Fragen hätte - diese Frage stellte Hentschel erst gar nicht. Eine wäre aber sehr interessant gewesen: Wie will es Google schaffen, die Leute davon überzeugen, dass sie dem Unternehmen neben ihren Daten auch noch ihr Geldbörserl anvertrauen? Zumal Google nicht unbedingt im Ruf steht, besonders sorgsam und vertrauensvoll mit Daten umzugehen. Mit Hentschel persönlich dies zu erörtern, war auch nicht möglich, weil der gleich nach seinem Vortrag mit seinem Adlatus den Saal verließ. Vielleicht wartete ja schon ein anderes Publikum in einer anderen Stadt bei einem anderen Event auf seine Weisheiten und Witzchen?

Mobile hebt ab - jetzt wirklich
Doch es gab an diesem Online-Vormittag auch wirkliche Informationen fürs Publikum. Etwa bei der Diskussion "Mut zur Mobilität". Dort war sich das Podium (Moderator Harald Winkelhofer, IQ mobile), Johannes Natterer (A19, Christian Nemeth (tele.ring), Matthias Schodits (YOC) und Sandra Österreicher (JWT Wien) einig: Heuer "startet Mobile Marketing durch". Nur eine Randbemerkung zum Wort "durchstarteten". Das kommt aus der Luftfahrt und beschreibt ein nicht geglücktes Landemanöver. Das Flugzeug muss dann eben noch einmal durchstarten. Nichts positives also - aber das nur nebenbei. Eine von einer neutralen Stelle geprüft Summe, wie groß der Markt nun tatsächlich sein, gibt es bis dato nicht. Die Schätzungen reichten von Spendings von etwa vier Millionen (Schodits) bis zehn Millionen Euro (Winkelhofer). Die Gründe für das "Durchstarten führt Schodits wie folgt aus: Die erzielbaren Reichweiten sind fulminant gestiegen, weil die Österreicher so narrisch auf Smartphones sind. Targeting ist dadurch interessant geworden. Und: Die möglichen Werbeformate wären auch viel besser - vor allem weil größer möglich. Natterer: "Besonders in Apps gibt es schöne Möglichkeiten für Werbung." Nehmeth apellierte an die Auftraggeber, ein eigenes Budget für mobile Werbung einzurichten. Die Mobile-Marketing-Akteure selber würden aber noch viel Aufklärungsarbeit leisten müssen. "Mobile ist nicht Online", so Schodits, sondern ein eigener Kanal. Und: "Mobile ist Chefsache." Österreicher bekrittelte, dass manche Auftraggeber einfach ihre Online-Kampagnen in den mobilen Kanal kopieren - oder besser gesagt "zurechtschrumpfen". Eine eigene Kreation für das Mobile fände in der Regel noch nicht statt. Dank der neuen Möglichkeiten könne man im mobilen Kanal aber auch schon schöne Image-Werbung machen. Eine Dame aus dem Publikum wollte dann noch wissen, wie es denn möglich sei zu Targeten, ohne die Zustimmung des Handyusers zu haben. Hier gab's dann gleich mehrere Beteuerungen vom Podium, dass man mit Userdaten sorgsam umgehe: Das häufigste Kriterium, nachdem man "targeted" wäre das Gerät - also eine Werbung, die beispielsweise nur an iPhone-User ausgespielt wird. Beim dem werbefinanzierten Tarif "gesponserte Basta" wiederum würde der Kunde durch die Nutzung des Tarifs sein Einverständnis zum Erhalt von Werbung geben. Und: Durch das Nutzen von Gratis-Apps gibt der Kunde auch gleichzeitig das Einverständnis zur Werbung.

Eco-System App
Das zweite Panel "Mut zur App" wagte einen Blick in das App-Eco-System. Moderator Thoams Wedl (Cellular) präsentierte am Anfang Wissenswertes: Etwa das im App-Store oder auf dem Market-Place Suchmaschinenmarketing nicht funktioniere, sondern dass das wichtigste Kriterium die Bewertung der User wäre. Dass aber dann auch nur 0,3 bis 0,5 Prozent der Nutzer einer App diese auch Bewerten - und dass vor allem die bewerten, die entweder unzufrieden oder sehr zufrieden sind. Die Plattformvielfalt (iOS, Android, Bada, Microsoft, Symbian, ...) wäre für App-Anbieter auch ein teurer Spaß, weil man native Apps (und das sind die wirklich guten) dann für jedes Betriebssystem extra programmieren muss. Daneben gibt es noch Hybrid-Apps (die nutzen teilweise das Web) und Web-Apps (HTML5 oder Java Script). Die Trends bei der App-Entwicklung beschreibt Wedl so: "Augmented Reality, Spracherkennung (das iPhone 5 soll da einiges können), LTE (schnelleres Mobilfunknetz), verbesserte GPS Genauigkeit und NFC als Technologie, die dem Bezahlen per Handy zum Durchbruch verhelfen soll. Mit Smart-TV würden Apps nach dem Bildschirmen der Handies und der Tablet-PCs auch das Fernsehen erobern.
Bei der anschließenden Diskussion berichtete Thomas Friess (Herold), dass sein Unternehmen mit den eigenen Apps schon Geld verdiene: "12 bis 14 Prozent unseres Traffics kommt schon aus dem mobilen Kanal." Martin Pansy (sms.at) betonte, dass sich die eigenen Investitionen in Apps ebenfalls sehr schnell rechnen müssen. Dazu reiche eine reine Werbefinanzierung aber nicht aus, auch der User muss zur Kasse gebeten werden. "Jedes fünfte SMS, das wir verkaufen, verkaufen wir schon über unsere App.

TV ist nicht tot
Der aktuelle MMA Communication Reports 2011, den man übrigens kostenfrei bei der Mobile Marketing Association Austria anfordern kann, wurde nicht nur präsentiert, sondern auch kommentiert. Etwa von Helmut Thoma - Ex-RTL-Chef, der ab 1.1.2012 mit Volks-TV wieder in den deutschen Privat-TV-Markt einsteigen will. Er mahnte die Mobile Marketer zu mehr Geduld: "Die Auftraggeber greifen am liebsten zu den vertrauten Werbemitteln." Die Tablets würden sich seiner Meinung nach besonders als Abspielgerät für TV-Inhalte eigenen. "Vom Winde verweht am Smartphone ansehen, ist ein wenig mühsam." Bewegtbild werde in Zukunft überrall verfügbar sein. "Bewegtbild ist dem Menschen am angemessensten", ist der Ex-TV-Manager überzeugt. Letztendlich gehe es aber immer nur um die Inhalte, um die gute Geschichte: "Vor 2600 Jahren sind die Mensch nach Olympia gefahren, um die Spiele zu erleben, heute kommen die Olympischen Spiele in HD ins Wohnzimmer." Um die Qualität dieser Inhalte macht sich Thoma ein wenig Sorgen, denn heute würde man sich viel zu viel um die Technik kümmern. "Technik ohne Inhalt ist nichts wert." Und würde von den Konsumenten auch nicht angenommen werden.
Michael Stix (SevenOne Media Austria) gestand, dass er die Nachfrage nach Werbung in digitalem Bewegtbild (Pre-, Mid- und Postroll) komplett unterschätzt habe. Zum Hintergrund: Hier gibt es in Österreich kaum noch freie Werbeplätze - und auch keine Rabatte(!). Und: "Die Behauptung, dass TV tot wäre, so wie wir das in den vergangenen zehn Jahren oft vernommen haben, kann ich nicht mehr hören."
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