Miriam Meckel: "Papier wird nicht sterben"
 

Miriam Meckel: "Papier wird nicht sterben"

Claudestahel
Miriam Meckel leitet die WirtschaftsWoche als Chefredakteurin seit Oktober 2014.
Miriam Meckel leitet die WirtschaftsWoche als Chefredakteurin seit Oktober 2014.

WirtschaftsWoche-Chefredakteurin Miriam Meckel ist Keyspeakerin bei den Medientagen. Mit HORIZONT spricht sie vorab über die neue Form von Journalismus durch digitale Medien und wie Chatbots unsere Kommunikation verändern werden.

Die Zeilen von Joachim Ringelnatz sind ihr die liebsten, schreibt Miriam Meckel auf ihrer Homepage in der Rubrik „Pipifax“. Im Gedicht „Im Park“ geht es um ein kleines träumendes Reh, das nahe am kleinen Baum steht und Stunden später immer noch vor sich hin zu schlummern scheint. Da gibt man dem Reh einen kleinen Stips – und erkennt, es ist aus Gips. 


Warum sie von diesem Gedicht so angetan ist, lässt Meckel auf der Website offen. Vielleicht gefällt es ihr deshalb, weil es aussagt, dass Gesehenes erst überprüft werden sollte bevor daraus Schlüsse gezogen werden. Es erinnert jedenfalls an das journalistische Handwerk von Check – Recheck – Double-Check. 


Und Meckel ist Journalistin. Sie arbeitete beim WDR, bei VOX, RTL und n-tv, ging dann als Parteilose in die Politik, wurde in Nordrhein-Westfalen unter Wolfgang Clement Regierungssprecherin und Staatssekretärin, bevor sie in die Universitätswelt übersiedelte und eine Professur an der Universität St. Gallen übernahm. Für den Job als Chefredakteurin der WirtschaftsWoche hat sie dies nun vorläufig ruhend gestellt. 


Das Echo bei ihrer Bestellung war groß – nicht nur, weil sie als erste Frau dieses Medium leitet, sondern auch, weil sie bislang noch kein Printprodukt verantwortet hat. Gegenüber HORIZONT blickt Meckel auf diese Zeit zurück: „Es ist oft von Vorteil, wenn man mit einem unbefangenem Blick an die Dinge herangeht und Bestehendes nicht automatisch als gesetzt interpretiert.“ Und so begann sie zu verändern: Der Erscheinungstag wurde von Montag auf Freitag vorgezogen, „um die Aktualität zu steigern und an Momentum und Relevanz zu gewinnen“. Außerdem wurden Layout und Heftstruktur überarbeitet. 


Neue Darreichungsformen


„Papier wird nicht sterben – und Online wird Print auch nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen“, sagt die Chefredakteurin heute. „Wir befinden uns in einem Prozess der Transformation, in dem sich klassische Print- zu Nischenprodukten entwickeln, die im Preis deutlich höher sind als vergleichbare Digitalprodukte, aber sie werden weiterhin existieren und ihre Leser haben.“ Aus ihrer Sicht sei es ohnehin die falsche Debatte, denn was letztlich zähle, seien die Inhalte und nicht die Darreichungsformen. Journalismus könne heute nicht nur auf Papier stattfinden sondern auch digital und live auf der Bühne bei Veranstaltungen. Meckel: „Wenn man das als Chance begreift und alle drei Kanäle für sich nutzt, kann man heute deutlich mehr Leser erreichen und begeistern als jemals zuvor.“ 


Vom Hackathon bis zum Abo-Club


Und genau da scheint sie ansetzen zu wollen. Denn wie viele Printprodukte hat auch die WirtschaftsWoche mit sinkender Auflage zu kämpfen. Stattdessen konnte Meckel durch die Verknüpfung von on- und offline die Gesamtreichweite ausbauen und die Marke stärken. „Ich glaube an die ständige Veränderung“, sagt sie, „Denn Veränderung bedeutet auch Weiterentwicklung und die ist in der Medienbranche wichtig. Mit der Verlagsgruppe Handelsblatt befinden wir uns mitten im Transformationsprozess und probieren viele neue innovative Dinge aus.“ Kürzlich etwa fand ein Hackathon im Verlag statt. Mehr als 80 Entwickler, Designer, Konzepter, Produktmanager, Journalisten und Programmierer haben zweieinhalb Tage lang neue mediale Produktideen entwickelt. Sieger sei das Projekt rund um einen innovativen Chatbot für Nachrichtenwebseiten gewesen, der bei der WirtschaftsWoche bereits im Einsatz ist.


Auch im Bereich Events will ­Meckel neue Felder erschließen. Das Abomodell wurde weiterentwickelt, alle Abonnenten zu Mitgliedern im „WirtschaftsWoche-Club“ ernannt. Dort gibt es Werkstattgespräche in den Redaktionen oder live vor Ort in Unternehmen, Laboren oder der Börse. Die Leser könnten so Manager und Anlageexperten persönlich treffen. „Das Ziel besteht darin, eine eigene Community für unternehmerisches Leben aufzubauen.“ 


Chatbots für den Alltag


Überhaupt scheint die Chefredakteurin in neuen Welten zu denken. Bei einem Vortrag sprach sie etwa darüber, dass wir in fünf bis zehn Jahren weder Maus noch Tastatur benötigen werden, stattdessen würde eine Schnittstelle im Kopf unsere Gedanken auslesen und einspeisen. Weil es das aber noch nicht gibt, blieb HORIZONT nur das Nachfragen nach den Themen, die Meckel derzeit besonders im Kopf herumschwirren. „Das sind zwei Themen“, gibt sie darauf zurück, „zum einen Virtual Reality als Tool für Medienhäuser und zum anderen Chatbots.“ Bei letzteren müssten wir über den Journalismus hinausdenken, so Meckel. Chatbots würden zur neuen Kommunikationsschnittstelle, als Zugang ins Internet und als Möglichkeit, ohne große Umstände Dinge zu erledigen. „Zu Hause mit einem Chatbot zu sprechen, der einem bequem Blumen, ein Taxi oder eine Pizza bestellt, macht das Leben leichter.“ In den USA sei „Echo“ von Amazon Vorreiter, das werde auch bald nach Europa kommen. Solche technische Möglichkeiten würden die Kommunikation weitgehend verändern.


Roboter in der Redaktion


Aber auch der Journalismus werde neue technische Dimensionen erreichen. Robotik-Elementen für Research steht Meckel offen gegenüber. „Solche Elemente nutzen wir bereits bei der WirtschaftsWoche. Wir haben mit Unterstützung der Google Digital News Initiative eine Software entwickelt, die automatisiert und branchenspezifisch kuratierte News aus Forschungseinrichtungen, Institutionen, Universitäten, Unternehmen und Onlinequellen liefert.“ 


Schöne neue Welt also? Scheint so, denn ihre Redakteure nutzen dies als Recherchetool und würden immer die neuesten Entwicklungen aus ihren jeweiligen Branchen erhalten. Die Software würde auch mit der Zeit lernen und immer bessere Ergebnisse liefern. „Derzeit befinden wir uns im Beta-Testing und werden noch in diesem Jahr live gehen“, so Meckel. Die Zukunfts des Journalimus hat also offenbar – zumindest bei der WirtschaftsWoche – bereits begonnen.
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