„Meine Stärke ist das Rahmenbrechen“
 

„Meine Stärke ist das Rahmenbrechen“

Michael Aufhauser, Tourismusmarketer und schillernder Ausnahmekommunikator, hat sich mit Gut Aiderbichl seine eigene Bühne geschaffen

Horizont: Weihnachten steht vor der Tür. Einer der wenigen Momente im Jahr, wo die Menschen ihre Herzen - und ihre Geldbörsen öffnen – nicht nur für Geschenke, sondern auch für Spenden. Hochkonjunktur auf Gut Aiderbichl?

Michael Aufhauser: Wir sind derzeit mehr oder weniger 7 Tage die Woche im Einsatz. Es kommen täglich zig Busse. Wir machen Führungen, Tierpräsentationen, haben unseren Weihnachtsmarkt. Aber natürlich geht es nicht immer so zu. In der Regel ist es recht ruhig hier.

Horizont: Sie haben es ja auch heuer wieder geschafft, sich am Heiligen Abend einen Eurovisionsplatz für Ihre TV-Sendung „Weihnachten auf Gut Aiderbichl“ zu ergattern…

Aufhauser: Ja, damit ist uns in der Tat großartiges gelungen. Sehen Sie, unsere 20 Höfe in Deutschland, Österreich, der Schweiz und mittlerweile auch in Frankreich verursachen derzeit rund 10 Millionen Euro an Kosten im Jahr. Die müssen wir mit Spenden, Vermächtnissen, Patenschaften, Eintrittsgeldern, Gastronomie und Merchandising-Artikeln decken. Und das tun wir auch. Wir machen keine Gewinne. Überschüsse werden wieder für die Rettung und den Unterhalt der Tiere reinvestiert.

Horizont: Sie sind eine Stiftung?

Aufhauser: Ja, alle Höfe, bis auf die beiden Besuchshöfe im bayerischen Deggendorf und in Henndorf bei Salzburg, die werden betriebswirtschaftliche geführt und versteuert wie jeder Betrieb auch.

Horizont: Gut Aiderbichl ist mittlerweile einer der bekanntesten Gnadenhöfe Europas. Die meisten Gnadenhöfe sind eher unbekannt. Wie haben Sie das geschafft?

Aufhauser: Wenn Sie mit einem ernsten Thema in die Zeitung kommen wollen, wird das nur von einer geringen Anzahl von Menschen gelesen. Um heute etwas zu bewirken, müssen sie die breite Öffentlichkeit ansprechen. Denn nur dann nehmen sich Politiker vielleicht auch den Tieren an. Bisher hatten Tierleidverursacher einen geschützten Bereich, weil die kritischen Berichte nur am Rand erscheinen, ohne Quoten, und wenn es jemand gesehen hat, schaut er dennoch weg, denn zum Schluss steht eh nur Ohnmacht.

Horizont: Ihre Höfe und Sendungen sind ja auch stets umrankt von Promis. Welche Aufgabe haben diese? Werden Sie von Ihnen bezahlt wie die Opernball-Begleitung von herrn Lugner?

Aufhauser (lacht): Nein. Niemand wird bezahlt. Schauen Sie, ich war jahrelang der beste Freund von Fürst von Thurn und Taxis und hatte Zugang zu dieser Prominentenwelt. Eine Bild-Zeitung zum Beispiel interessiert sich nicht für den Tierschutz. Aber für die Promis. Und sie schreiben darüber – und so ganz nebenbei erzählen sie auch immer die Geschichte von Gut Aiderbichl mit.

Horizont: Gut Aiderbichl feiert nächstes Jahr sein 10-Jähriges Bestehen. Sie kamen damals aus den USA, wo Sie Vice President eines großen Tourismuskonzerns waren. Was war Ihre Intention mit knapp 50 sich plötzlich dem Tierschutz zu verschreiben? Emotion oder Geschäftsmodell?

Aufhauser: Dieser Hof hier, das waren ursprünglich meine privaten Räume und meine private Reithalle mit privaten Turnierpferden. Ich hatte schon einen guten Zugang zu Tieren, es war ein Hobby von mir. Aber ich war ein klassischer Egoist, der 40 Jahre nur über sich selber nachgedacht hat, was ich brauche, wer mich mag. Deshalb war auch alles mehr auf mich als auf meine Pferde ausgerichtet – schöne Gamaschen, schöne Transporter, schöne Sättel. Meine Tierliebe war wenn dann vom Haben wollen begleitet, vom Auffällig sein wollen.

Horizont: Offiziell geben Sie eine Vergasung von Hunden in Spanien an, die Sie gesehen haben und die Sie angeblich zur Umkehr gebracht hat…

Aufhauser:  Das Leider von Tieren ist mir bis dahin in der Tat nur bedingt aufgefallen. Auch das Leid der Menschen. Erst ab 35 Jahren habe ich angefangen, die Dinge zu hinterfragen, als ich langsam mehr oder weniger gelangweilt war. Sie müssen sich vorstellen: ich konnte mir alles kaufen und leisten und ich war nur mit reichen Menschen unterwegs, die sich auch alles kaufen und leisten konnten. Ich hatte Buttler, Koch, Femme de Ménage, man hatte mir sogar eine Holztreppe gebaut, um aufs Pferd zu steigen. Dieses behütete Leben wollte ich nicht mehr.

Horizont: Aus welchen Kreisen stammen Sie?

Aufhauser: Ich stamme aus einer wohlhabenden Familie, habe lange in USA gelebt, Verdienst angehäuft und zwei Erbschaften gemacht. Heute habe ich so viel Geld, dass ich mir um Geld keine Sorgen mehr machen muss. Deshalb nehme ich auch für meine Arbeit für und auf Gut Aiderbichl kein Gehalt. Ich mache das Ehrenamtlich.

Horizont: Ein Aussteiger aus der reichen Welt?

Aufhauser: Es war nicht der Reichtum per se, der mich störte, sondern seine Sinnlosigkeit.

Horizont: Dann haben Sie sich entschlossen, Ihr Hab und Gut unter einen neuen Sinn zu stellen…

Aufhauser: Ja, ich habe meine Expertise einer guten Sache zur Verfügung gestellt. Ich komme aus dem Top-Marketing in der Tourismusindustrie. Meine Stärke ist das Rahmenbrechen. Ich war zum Beispiel einer der ersten, der außersaisonale Reisen für 65 plus angeboten hatte.

Horizont: Um was geht es Ihnen genau? Als Touristiker eine Oase der heilen Welt als gut gehender Tourismusmagnet zu schaffen? Oder wollen Sie wirklich mit Ihren Höfen etwas in Sachen Tierschutz bewegen?

Aufhauser: Also zum einen möchte ich betonen, dass wir hier wirklich top Leute aus der Industrie beschäftigen, Menschen, die überall arbeiten könnten, und überall irrsinnige Gehälter bekommen würden. Wir haben Spezialisten, nach denen sich manch Rennstall die Finger abschlecken würde. Es geht uns also nicht nur um Publicity, sondern auch um die Tiere. Ich habe gerade 36 bildhübsche Fohlen gerettet. Wenn ich die hierher nach Aiderbichl bringen würde, hätte ich den wahnsinns Run. Ich tue es aber nicht, weil sie auf dem Gut in Frankreich besser aufgehoben sind. Das, was wir tun, soll die Menschen zum nachdenken, zum Umdenken bewegen. Es gibt so viele Menschen, die auch aus einer sinnlosen Welt kommen, die ihren Golfrasen vor ihrem Reihenhäuschen als das wichtigste in ihrem Leben hielten. Nicht umsonst haben wir heute 25.000 aktive Paten. Denn hier gibt es ein Stück Grund und Boden, wo die Gesetze herrschen, so wie sie sich das Paradies vorstellen. Die Menschen fühlen sich plötzlich geerdet. 

Horizont: Sie gelten als begabter Kommunikator, auch als guter Manipulator. Setzen Sie Ihr Talent auch für nachhaltigen Einfluss in der Politik und Gesetzgebung ein? Oder nur, um die Leute nach Aiderbichl zu locken?Sie gelten als begabter Kommunikator, auch als guter Manipulator. Setzen Sie Ihr Talent auch für nachhaltigen Einfluss in der Politik und Gesetzgebung ein? Oder nur, um die Leute nach Aiderbichl zu locken?

Aufhauser: Ich kann Ihnen versichern, wir sind sehr häufig genau dort anzutreffen, wo Gesetze gemacht werden. So haben wir zum Beispiel erwirkt, dass in der Landesverfassung von Salzburg das Tier als erstes in ganz Österreich als Geschöpf aufgenommen wurde.

Die Menschen fühlen sich plötzlich wieder geerdet.

Horizont: Sie gelten als begabter Kommunikator, auch als guter Manipulator. Setzen Sie Ihr Talent auch für nachhaltigen Einfluss in der Politik und Gesetzgebung ein? Oder nur, um die Leute nach Aiderbichl zu locken?

Horiont: Eine Verfassung ist kein Gesetz

Aufhauser. Ja, es ist eine Absichtserklärung. Schauen Sie, wir machen keinen Kampagnen-Tierschutz. Wir müssen uns nicht rechtfertigen, was wir erreicht haben. Die Leute messen uns nicht an Erfolgen. Unsere Vorgehensweise sucht den Dialog mit Menschen, die wissentlich oder unwissentlich Tierleid verursachen. Dazu gehören auch Versuchslabors, die Tiere quälen müssen im Namen des Volkes, weil wir Konsumenten es wollen. Wenn wir Tiere übernommen haben, erzählen wir nur knapp, was sie durchlitten haben. Wir berichten vielmehr von den Opfern, die sie den Menschen gebracht haben und stellen in Frage, ob die Opfer in dieser Größe nötig sind.

Horizont: Warum arbeiten sie nicht mit grausligen Aufnahmen von Schlachthöfen?

Aufhauser: Wer das sehen will, braucht doch nur im Web nachschauen. Ich bin nicht dazu da, Menschen Sensationen zu bieten. Manipulieren war mein Handwerkszeug. Marketing ist Manipulation. Ich musste früher aus einem 4-Sterne Hotel einen Palast skizzieren – und wenn ich dann mit den Menschen dort war und gesehen habe, wie enttäuscht sie waren, das hat mir weh getan. Welch Glück brauche ich jetzt nicht mehr übertreiben. Es ist alles real hier.

Horizont: Glauben Sie wirklich, dass Sie die Welt verändern können mit den 2.000 geretteten Tieren?

Aufhauser: Das werde ich sicher nicht mehr erleben. Aber ich habe einen Nachfolger. Wenn wir Menschen unsere Tiere so behandeln, dann wundert es mich nicht, dass jeder fünfte Vater sein Kind schlägt. Woher hätte er es denn lernen sollen, dass man mit abhängigen Geschöpfen nicht so umgeht. Das zeigt doch nur, wie kulturunfähig wir eigentlich sind. Unsere Welt ist in einem Zustand, dass man über Lösungen nachdenken muss.

Horizont: Warum wollen die Leute von Ihnen Autogramme? Sie sind doch eigentlich kein Star, nur ein guter Marketer?

Aufhauser: Vermutlich assoziieren Sie mit dem Medium Fernsehen, dass ich etwas besonders bin – obwohl ich keinen Schlager oder sowas gesungen habe.

Horizont: Es heißt, Sie sind nicht nur für die große Strategie und die Kommunikatin zuständig, sondern schreiben auch das gesamte Gut Aiderbich-Magazin selber. Warum das?

Aufhauser: Es ist mir wichtig, den richtigen Ton zu treffen. Immerhin wird jedes Magazin von rund einer Million Menschen gelesen. Ich mache aber auch alle Tierfilme selber. Das kann ich nicht übergeben, denn in den Filmen braucht es so viel Authentizität wie möglich. Den Blick, wenn das Pferd aus dem Transporter aussteigt, gefasst auf das schlimmste, da brauche ich diese Augen. Es darf nicht um Zeit oder Niedlichkeit gehen. Obwohl die Unterhaltungssendungen natürlich einen gewissen märchenhaften Stil haben, keine Frage.

Horizont: Sie inszenieren mit Gut Aiderbichl ein Märchen

Aufhauser: Gut Aiderbichl ist ein Lockmittel, klar. Ich will Menschen hierher bringen, die mit Tierschutz möglicherweise nichts zu tun haben. Und dann kommen sie hierher und merken, dass wir wirklcih so sind, wie es aussieht und zwar in jedem Stall.

Horizont: Sehr lückenlos alles. Die Geschichten über die Einzelschicksale der Tiere. Die Pfleger, die alle gleichzeitig Führer sind und die Geschichten mit sehr viel Inbrunst erzählen. Es wirkt fast wie Brainwashing…

Aufhauser (lacht): Nein, kein Brainwashing. Einzige Einstellungsbedingung ist Ehrlichkeit. Wir haben lediglich ein Treffen für die Tierpfleger und für die Menschen, die die Philosophie von Aiderbichl weitertragen .

Horizont: Wie geht es Ihnen, wenn Ihnen mitgeteilt wird, dass mittlerweile 30 Busse am Parkplatz unten stehen?

Aufhauser (grinst): Da schlägt das Herz des Tourismusmanagers höher

Horizont (lacht ebenfalls): Das dachte ich mir. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich Ihnen diese ganze Show mit dem Tierschutz glaube. Schließlich sind Sie ausgebildeter Schauspieler mit ein paar Jahren Berufspraxis….Zugegeben, eine schöne Rolle, die Sie sich da selbst geschneidert haben.

Aufhauser: Schauen Sie, ich lebe mit 10 Hunde und 7 Katzen im Schlafzimmer, ich habe Gänse und zwei Hühner in meinem Haus in Salzburg. Entschuldigung, aber so ein Privatleben kann ich nicht spielen. Das ist mein Leben. Das habe ich gewählt. Sie könnten es nur spielen, wenn sie nicht so leben. Ich gehe nicht mit dem Zeigefinger herum. Wir machen ein Angebot, ein Angebot zum Umdenken. Wir zeigen die guten Bilder, wie es sein könnte. Und ich möchte, dass die Menschen die Bilder mitnehmen und in sich speichern . In jedem Menschen wohnt eine gute und eine weniger gute Seite. Wir rufen die gute Seite auf.

Horizont: Ihnen wird oft der Vorwurf gemacht, dass Gut Aiderbichl für Sie Mittel zum Zweck ist, in die Medien zu kommen. Sind Sie eine – tschuldigung für den Ausdruck - Rampensau? Und Gut Aiderbichl das Vehikel für Ihr Egomarketing?

Aufhauser: Man unterstellt mir alles mögliche. Die menschen vermuten immer, dass es geil ist, wenn man fotografiert wird, dass es mich glücklich macht, wenn ich in den Medien bin. Und jetzt verrate ich Ihnen noch etwas: Das schönste für mich ist es, alleine zu sein. Ich halte mich nicht gerne in großen Mengen von mMenschen auf. Deshalb hab ich auch das Schauspielen aufgehört, mir war das rausgehen auf die Bühne so unangenehm. Es entspricht mir nicht.

Horizont: Kaum zu glauben, bei Ihren vielen Auftritten

Aufhauser: Ich mag auch keine Partys. Gesellschaft als solches ist nicht eine Sehnsucht von mir. Aber wenn Sie Publicity für einen Zweck brauchen, dann können sie über die Gesellschaftsseite sofortige Aufmerksamkeit erzeugen, besser als irgendwie anders.

Horizont: Welche Rolle spielen Sie als Gallioinsfigur von Gut Aiderbichl? Ginge es ohne Sie auch?

Aufhauser: Am Anfang sicher nicht. Es bedarf einfach einer Personifizierung. Ich war charismatisch, hab vital ausgeschaut, ich war reich und von Promis umgeben. Das war anziehend. Mittlerweile haben wir das schlimmste geschafft, die Güter können sich selbst erhalten. Eine zeitlang werden sie vielleicht noch eng mit meinem Namen verbunden sein.

Horizont: Dann ziehen Sie sich zurück und lassen es sich gut gehen?

Aufhauser: Mir geht es ja gut. Ich habe den Weg zum Glück gefunden. In dem Moment, wo man aufhört, über sich selber nachzudenken, ist man ein glücklicher Mensch. Ich werde Gut Aiderbichl begleiten bis zu meinem letzten Atemzug.

Die Reportage über Gut Aiderbichl lesen Sie im BESTSELLER Nr. 11-12/2010
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