Medientage: ‚Das Byte-Geballer nervt‘
 

Medientage: ‚Das Byte-Geballer nervt‘

Claude Stahel
Miriam Meckel, Chefredakteurin WirtschaftsWoche, hielt die Keynote zu den Medientagen München: "Ich bin beglückt über die neuen Entwicklungen, aber ich warne vor geistiger Adipositas."
Miriam Meckel, Chefredakteurin WirtschaftsWoche, hielt die Keynote zu den Medientagen München: "Ich bin beglückt über die neuen Entwicklungen, aber ich warne vor geistiger Adipositas."

Highlights der Medientage 2015 in München: ein witziger Gottschalk und eine nachdenkliche Miriam Meckel, Chefredakteurin "WirtschaftsWoche", über unkreative Zerstörung und die nächste große Disruption

Dieser Artikel erschien bereits am 23. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 43/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

Der Messesee inmitten des riesigen Messegeländes in München wirkt erfrischend, so wie Thomas Gottschalk, der der Ernsthaftigkeit der deutschen Medienszene ein wenig Spritzigkeit verleiht. „Auch ich war jung und wartete, dass die Alten endlich das Feld räumen – ich verstehe also was Disruption bedeutet“, nimmt Moderator und Talkmaster Thomas Gottschalk Bezug auf ­diverse Twitterkritiker im Vorfeld, startet so in die 29. Medientage in München und hat die Sympathien gleich auf seiner Seite. „Ich bin 65, mein Anzug ist ein Jahr alt, also sind wir im Schnitt 33“, legt er nach und bemerkt nebenbei, dass er, obwohl er den TV-Gipfel moderieren werde, eigentlich ein Radiomann sei – Gottschalks Karriere nahm beim Jugendfunk Bayern 3 seinen Ausgang. Das Thema der Medientage 2015, #mtm15 für jene, die die Inhalte auf Twitter nachverfolgen möchten, ist, wie könnte es anders sein, „digitale Disruption“, mit dem Nachsatz „Medienzukunft erfolgreich gestalten“.

Einen ersten Einblick ins Thema gab Ilse Aigner, Bayrische Staatsministerin für Wirtschaft, Medien und Technologie, die erklärte, dass es „intelligente Regulierung brauche, die zwischen Gesellschaftspolitik und wirtschaftlichen Interessen einen Ausgleich schaffe“, um anschließend Anstrengungen der bayrischen Politik für Medienunternehmen und die Förderung von Inhalten, für Rechtssicherheit, aber auch innovative Gründer ins Zentrum zu rücken. Sie zeichnete ein Bild von zwei Mitarbeitertypen, die in Zukunft überwiegen würden: „Die intelligenten Mitarbeiter, die intelligenten Maschinen sagen, was sie zu tun haben, und die anderen, die ihre Informationen von der Maschine beziehen.“

Aufmerksamkeit eines Goldfischs

Die Keynote der Medienwissenschaftlerin und Chefredakteurin der WirtschaftsWoche, Miriam Meckel, die sich über die proklamierte Frauenquote von 22 Prozent auf den ­Podien des Events freute, zielte ab auf die Unterscheidung der unkreativen von der kreativen Zerstörung – im besten Sinne einer Weiterentwicklung der Wirtschaft nach Schumpeter’schem Prinzip. Außerdem weiß Meckel: „Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist die eines Goldfischs, sie ist von zwölf auf acht Sekunden gesunken.“

Weiter geht’s. „Eine Kriegserklärung kann friedlich daher kommen“, machte Meckel neugierig. Sie sprach von der Adblocker-Software „Peace!“, einer App von Marco Arment, die für 36 Stunden die Nummer eins der Paid Apps im Apple-System war, und die der Tumblr-Co-Founder kurz darauf aus dem Verkehr gezogen hatte. Warum? Weil sie zu erfolgreich war und anderen schadete, so der rücksichtsvolle Unternehmer. Abgesehen davon, dass Adblocking ein großes Thema für werblich finanzierte Websites darstellt, zog Meckel eigene Schlüsse: „Die Nutzer sind vom Werbebombardement genervt! Das 24/7-Byte-Geballer ist ein Beispiel für unkreative Zerstörung. Der Slogan der Werbewirtschaft, die quantitative Klickjagd unter dem Motto ‚Klick mich‘ ist so erotisch wie die alten Sado-Maso-Call-in-Formate im Privat-TV“, sagt Meckel und glaubt: „Wir können mehr – es braucht ästhetische, unaufdringliche und passgenaue Angebote – und hier helfen weder Regulierungen noch das Aussperren von Adblockern à la bild.de.“ Was hilft sei Hirnschmalz, Kreativität, aber vor allem auch die Nutzung von Big Data. So sei inzwischen bekannt, dass nicht Werbung im Kopf von Websites gut funktioniere, da der User meist gleich scrolle, sondern die Mitte ideal sei.

Und als gutes Beispiel bringt Meckel Quartz Daily Brief, „the most important and interesting news from around the world, in your inbox“ steht auf der Homepage – ein „intelligenter kuratierter Newsletter, der erwiesenermaßen funktionierende, entweder sehr kurze oder überlange, Inhalte darstellt und Werbung nur in Form von einem Sponsered Ad im Zentrum des Letters zulässt – und so Rücksicht auf die werbliche Reizüberflutung nimmt“. Quartz trifft den Nerv der Zeit von Menschen, deren Nerven sonst betroffen sind, zeigt Meckel Wortwitz. Einmal mehr plädiert Meckel in ihrer Rede für mündige und kreativ denkende Menschen, die Technologie nutzen, aber sich nicht der Bequemlichkeit hingeben sollen, „wir müssen uns Zeit nehmen, um Technologie richtig zu lernen, sie konzentriert zu nutzen und schließlich auch das Risiko des Scheiterns eingehen“. Und bitte, keine „geistige Adipositas“ und innovativ bleiben: „kill your darlings before they kill you“.

Außerdem, Stichwort Instant ­Articles bei Facebook und ­Roboter-Journalismus, „die totale ­Komfortzone mit automatisiert zugeschnittenem Livestream ist unerwünscht, denn“, kommt sie auf ihre Kernkompetenz zu sprechen, „Journalismus heißt immer auch über ­individualisierte Präferenzen hinaus etwas zu bieten, die Leser und Nutzer aus ihrer Komfortone herauszuholen, sie zu Kontroversen einzuladen und den Finger in Wunden der Gesellschaft zu legen“.

Schließlich kündigt Meckel, die auf Gottschalks Nachfrage, von all den Disruptionen denn „doch beglückt“ sei, noch die nächste große Disruption an: Neuromedien, die das Gehirn als Spielplatz nutzen. Gedankenlesen zum Greifen nahe.
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