Medienforum: Die Medien und der Wahlkampf
 

Medienforum: Die Medien und der Wahlkampf

Vom überschätzten Internet, der Angst vor dem Wahlausgang und der Kunst der Unabhängigkeit eines Mediums.

Unter der Moderation von Herbert Lackner, dem Chefredakteur des Profil, diskutieren Eva Dichand (Heute), Michael Fleischhacker (Die Presse), Christoph Kotanko (Kurier), Christian Rainer (Profil) und Armin Wolf (ORF) über den Einfluss der Medien auf den Wahlkampf und umgekehrt. 

 Die erste Frage über die spezielle Situation der Kronen Zeitung im Nationalratswahlkampf trifft auf ganz unterschiedliche Meinungen: Eva Dichand nimmt zur Kronenzeitung Stellung, auch wenn sie nur durch ihren Schwiegervater mit dem Blatt verbunden ist, wie sie sagt, und findet es unbedenklich, dass eine Tageszeitung eine bestimmte politische Meinung vertritt und unterstützt: „ Ich finde gerade das unabhängig, wenn sich eine Zeitung entscheiden kann, für wen sie Partei ergreift“, betont Dichand wiederholt am Podium.



 "Der Wahlkampf ist grottig"



Für Kotanko ändert die SPÖ-Nähe der Kronen Zeitung nichts daran, dass die Partei das „schlechteste Wahlergebnis“ erreichen wird, damit ist für ihn klar, dass die Krone nicht der Dreh- und Angelpunkt des Wahlkampfes sein kann. Armin Wolf bezeichnet den österreichischen Wahlkampf generell als „grottig“, denn „dass Leitartikel von Journalisten geschrieben werden, die mit politischen Pressesprecherinnen verlobt sind, kann es nur in Österreich geben“. Christian Rainer gibt zu bedenken, dass hier nicht die SPÖ für die Kronen Zeitung engagiert, sondern umgekehrt. Michael Fleischhacker will Ethik und Anstand im Journalismus gesondert diskutieren.





 "Private dürfen mehr"



Die Rolle der privaten Fernsehsender im Wahlkampf will Armin Wolf nicht anerkennen, die Zuschauerzahlen von ATV und Puls4  gemeinsam erreichen nicht einmal annähernd die des ORF, bei dem „nur die Ameisenrunde“ der Kleinparteien diskutiert haben. Eine Meinung, die der Rest des Podiums nicht teilt. Kotanko lobt den ersten Wahlkampf in Österreich, bei dem Private eine Rolle spielen, Dichand wundert sich, warum diese denn nicht politische Farbe bekennen, „sie würden es ja dürfen“. Sonst gibt es für die Wahlarena auf Puls4 meist positive Stimmen, allein die Tatsache, dass mit Josef Broukal ein aktiver Politiker moderiert hat, stößt einigen störend auf.



"Unterschichtfernsehen"

Für Fleischhacker liegt der Erfolg der Wahlarena auch daran, dass keine Zweierduelle ausgetragen wurden, denn diese seien für ihn „Unterschichtfernsehen für Stammwähler“, und nicht förderlich für Entscheidungsprobleme. Seiner Meinung nach lässt das Setting und die Aufmachung den ORF ein bisschen alt aussehen. Das wiederum kontert Wolf als tapferer ORF-Vertreter mit dem innovativen Format des ORF, in dem Schüler Politiker interviewen, dass aber „dummer Weise“ erst um 23.30 Uhr ausgestrahlt wurde. Aber selbst hier betont Wolf die höhere Zuschauerquote als bei den beiden privaten Zusammen.





"Internet wird überschätzt"

Die fehlende Präsenz des Wahlkampfes im Internet argumentieren die Anwesenden unterschiedlich, lobend äußert sich keiner: Kotanko sieht das Medium von der Politik und der Werbewirtschaft sogar überschätzt, Dichand als unterentwickelt und Wolf weist auf den US-Wahlkampf hin, bei dem die Parteien von den Spenden, die auch zu einem wichtigen Teil online lukriert werden, abhängig sind, „was sich dort wiederum positiv auf die Ressourcen der Online-Redaktionen auswirkt“, wie Wolf betont. Für Fleischhacker ist es ein Fehler, im Internet nur die jungen Menschen zu suchen, und „sie mit dem selben Schrott bombardieren, den sie schon analog kommunizieren.“  





Die starke vierte Macht

Blogs und YouTube-Videos räumen die Anwesenden im österreichischen Wahlkampf eine geringe Rolle ein, auch dem Vorstoß der Bildzeitung in Deutschland, Leserreporter mit Kameras auszustatten als Zukunft des Journalismus, begegnet das Podium mit Skepsis, Rainer warnt wieder, diesmal vor der Gefahr dieses Leserjournalismus, und appelliert an die „kritische Öffentlichkeit, die in Österreich als Spurenelemente vorhanden ist“, die Medien als vierte Macht nicht abzusetzen. Gedanken macht sich Armin Wolf nur über die aktuelle Berufsimagestudie, die den Journalisten den fünftletzten Platz  und damit 24 Prozent einräumt, wenn es um das Vertrauen der Bevölkerung dieser Berufsgruppe gegenüber geht.
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