„Medien sind primär ein demokratiepolitisches...
 

„Medien sind primär ein demokratiepolitisches Thema“

Johannes Brunnbauer
Ladina Heimgartner (SRG SSR), Thomas Bellut (ZDF), Ulrich Wilhelm (ARD), Alexander Wrabetz (ORF), Marlene Auer (Horizont), Markus Breitenecker (ProSiebenSat.1 PULS 4) und Hans Demmel (VAUNET) (v.l.n.r.)
Ladina Heimgartner (SRG SSR), Thomas Bellut (ZDF), Ulrich Wilhelm (ARD), Alexander Wrabetz (ORF), Marlene Auer (Horizont), Markus Breitenecker (ProSiebenSat.1 PULS 4) und Hans Demmel (VAUNET) (v.l.n.r.)

Unter der Moderation von Marlene Auer (Herausgeberin und Chefredakteurin HORIZONT) diskutierten bei den Österreichischen Medientagen bei der TV-Elefantenrunde Thomas Bellut (ZDF), Markus Breitenecker (ProSiebenSat.1 PULS 4), Hans Demmel (VAUNET / NTV), Ladina Heimgartner (SRG SSR), Ulrich Wilhelm (BR) und Alexander Wrabetz (ORF).

Soll es ein europäisches YouTube geben, welche Rolle spielen öffentlich-rechtliche Medien in der Zukunft, wie soll die Zusammenarbeit mit den privaten Sendern aussehen und welche Rahmenbedingungen müssen dafür geschaffen werden? Dies waren einige der Fragestellungen, die vom Podium erörtert wurden.

„Europäischen Content erzeugen“

Zunächst diskutierte das Podium über den Vorstoß von ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm ein „europäisches YouTube“ als Gegenpol zu den amerikanischen Internet-Giganten ins Leben zu rufen. Für ORF-General Alexander Wrabetz ist diese Idee Verfolgenswert: „Ich finde es gut, wenn Deutschland und Frankreich hier vorangehen und wir würden natürlich auch unsere Überlegungen dazu beisteuern. Es geht aber auch vor allem darum, mehr europäischen Content zu erzeugen, der möglichst vielen Personen über diese Plattformen zugänglich gemacht wird“, so Wrabetz, der aber auch ergänzte, dass „wir gleichzeitig den nationalen Markt mit Leben füllen müssen.“

Unterstützung gab es auch von Markus Breitenecker von ProSiebenSat.1 PULS4: „Alleine die Vision zu sagen, rufen wir nicht nur nach Regulierung, sondern investieren wir in Forschung, um eine eigene Plattform auf die Welt zu bringen, ist gut.“ Zwar gebe es auch berechtigte Kritik, die man ernst nehmen müsse, aber „die Alternative es nicht zu machen und im Schrebergarten zu streiten, ist kontraproduktiv.“ Breitenecker drängte auch darauf, dass die Medien hier vorangehen müssen. „Wir können hier nicht auf die Politik warten, sondern wir müssen der Politik einen Vorschlag machen. Und: Wir werden scheitern, wenn jedes Medium einen eigenen Player auf den Markt bringt und die anderen einlädt mitzumachen“, so der Sender-Chef. Vielmehr brauche es einen Player mit allen Sendern als gleichberechtigte Partner. 

„Weißer Ritter noch nicht gefunden“

Thomas Bellut vom ZDF sieht noch viel Arbeit auf den Markt zukommen, um dieses Projekt zu realisieren. „Wir haben oft nach dem weißen Ritter gesucht, um den großen Playern etwas entgegenzusetzen. Das haben wir bisher nicht geschafft. Ich bin offen für alle Modelle, die man sich aber erst erarbeiten muss.“ Ulrich Wilhelm, der die Diskussion vorige Woche erneut angefeuert hat, konkretisierte seine Aussagen: „Wir haben auch Serien bei Netflix gezeigt, sind auch auf den sozialen Kanälen unterwegs. Da ist das Ökysystem so, wie es entstanden ist“, so der ARD-Vorstand, der das aktuelle Dilemma auf den Punkt brachte: „Wir haben in Europa jedoch keine Alternative. Da braucht es einen Anschub. Alle müssen schicksalhaft auf YouTube & Co gehen. Kann es sich Europa leisten, alleine und abhängig von amerikanischen Angeboten zu sein“, so die Fragestellung. Europa brauche neben den amerikanischen Plattformen eine eigene Option.

„YouTube nicht nachmachen“

Ladina Heimgartner vom SRG zeigte sich, auch als Nicht-EU-Land, an der Initiative interessiert: „Wir verfolgen ähnliche Überlegungen, eine nationale Plattform zu machen, wir haben die Herausforderung, dass wir vier Sprachen abdecken müssen. Das lässt sich überwinden.“ Bei den Überlegungen gehe es aber nicht darum, „YouTube nachzumachen, sondern die öffentliche Idee auf andere Kanäle zu bringen, um einen Großteil der Personen zu erreichen.“ 

Auch Hans Demmel sieht die Diskussion rund um einen gemeinsamen Player in Europa grundsätzlich positiv. Die Frage sei jedoch, „welche Inhalte sieht man dort und welche Regeln gibt es. Wir müssen bei allen Diskussionen aber auch unsere Geschäftsmodell schützen.“ Die Diskussion um die Zukunft der Medien sei laut Demmel eine von Morgen und Übermorgen. „Wir haben US-Giganten auf der einen Seite, wir haben öffentlich-rechtliche Giganten und in der Mitte drinnen privates Fernsehen mit einem Geschäft, wo der lineare Anteil weniger wird und wir nicht wissen, wie die Marge sich im nicht-linearen Geschäft entwickeln wird.“

„Nicht sinnvoll, das Budget umzuverteilen“

Im zweiten Teil der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion ging es um die Wertigkeit des Öffentlich-Rechtlichen TVs und wie die Zusammenarbeit mit privaten Sender künftig aussehen solle. Markus Breitenecker wiederholte dabei die Forderung, dass öffentliche Gelder auch für Privatsender geöffnet werden müssen. „Es kann aber nicht dafür verwendet werden, um Bilanzen zu verbessern oder um kommerzielle Aktivitäten wie Hollywood-Rechte zu finanzieren.“ Konkret schlug Breitenecker vor, die öffentlichen Gebühren dem ORF zuzuführen, den Werbemarkt für die privaten Sender vorzusehen. „Aber natürlich sollte der ORF weiterhin für den Werbemarkt offen sein. Diese Gelder sollten jedoch in einen gemeinsamen Topf fließen, um derartige Projekte wie ein europäisches YouTube zu finanzieren.“

Davon zeigte sich Alexander Wrabetz wenig begeistert: „Es ist nicht sinnvoll, das bestehende Budget einfach nur umzuverteilen. Wir erstellen aus unserem Budget, das sich aus Gebühren und Werbung speist, ein Gesamtangebot, das wir dann nicht mehr in dieser Form machen könnten. Das würde den Medienstandort schwächen.“ Vielmehr müsse man laut Wrabetz schauen, mehr Mittel in den Markt zu bekommen und brachte die vieldiskutierte Digitalsteuer ins Spiel. „Diese Mittel sollten in einen Fonds fließen, um derartige Projekte voranzutreiben.“

„Würde das System sprengen“

Thomas Bellut vom ZDF pflichtete Wrabetz bei: „Wenn hochprofitable Sendergruppen aus einem öffentlich gespeisten Topf Geld bekommen: Was ist das für ein Signal? Wo will man da die Grenze ziehen, diese Büchse der Pandorra sollte man aus Sicht der Privaten nicht aufmachen. Es würde das System sprengen. Das duale System funktioniert gut.“

Schlussendlich ging es dann auch noch um die Frage, wie es um das Image der öffentlich-rechtlichen Sender bestellt ist. Dazu konnte Heimgartner vom SRG, die erst vor wenigen Wochen in der Schweiz eine Abstimmung über Rundfunkgebühren überstehen musste, berichten: „Die Gruppe, die sich am deutlichsten für die Beibehaltung der Gebühren ausgesprochen hat, war die jüngste Gruppe. Es ging dabei um Themen wie Vielfalt und Unabhängigkeit.“ Die öffentliche Diskussion, ob Public Value damit gerechtfertigt ist oder nicht, werde für immer weiter gehen. „Wir sind gefordert, diese Werte und den Wert des öffentlichen Fernsehens an sich im Bewusstsein zu halten“, so Heimgartner, der die Diskussionen darüber zu oft  in eine falsche Richtung gehen: „Medien sind primär ein demokratiepolitisches und nicht ein kommerzielles Thema. Das wird in vielen Diskussionen oft genau anders dargestellt.“ ARD-Vorsitzender Wilhelm pflichtete bei: „Die Idee eines öffentlichen Gutes, das der ganzen Gemeinschaft gehört, ist unverändert zeitgemäß.“

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