Medien könnten von Schleppern Honorar fordern
 

Medien könnten von Schleppern Honorar fordern

Johannes Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer

Medientage: Das Frühstücksformat des management club Ofner & Ofner gastiert mit ORF-Korrespondent Christian Wehschütz: „Bei Demos fliegen die Steine, wenn die Kameras eingeschaltet sind – sonst hat das ja keinen Sinn…“

Die Einschränkung wird mehrmals gemacht bei dem Interview & Referat, das Christian Wehrschütz beim Eröffnungspanel am Tag 2 der Österreichischen Medientage gibt: „Zynisch gesprochen…“. Diese einschränkende Vorgabe ist auch notwendig, denn wenn Wehrschütz ein wenig über die Mechanismen seines Geschäfts als Osteuropa-Korrespondent des ORF – seit mittlerweile 24 Jahren – erzählt, dann fällt die Widersprüchlichkeit deutlich auf: „Wie viele Steine sind bei Demos, gleich wo auf der Welt, erst geflogen, als die Kameras eingeschaltet worden sind – sonst hätte es ja keinen Sinn gehabt“, reflektiert Wehrschütz, wenn er seine aktuellen Erfahrungen an der ungarischen, serbischen und neuerdings slowenisch/kroatischen Grenze beschreibt.

Natürlich werden da Kinder und Frauen ins Bild gerückt, natürlich sind die Dankes-Taferln, die Flüchtlinge in die Kamera halten, nicht notwendig von ihnen selbst beschrieben (oder zitieren bereits Gesehenes aus Social Media und TV) – und natürlich gibt es eine Illusion, dass die vielzitierten Zahnärzte aus Syrien samt ihren christlich enkulturierten Familien die Asylsucher seinen. „Das sind“, sagt Wehrschütz trocken, "überwiegend junge Männer zwischen 25 und 35 Jahren, die ein paar Brocken Englisch sprechen - ,I want to go to Germany‘ ist der Standardsatz, viel mehr geht nicht“. Es sei ihm ein Rätsel, wie die Politik es schaffen wolle, schlicht ausreichend Deutschlehrer zur Verfügung zu stellen. „Wie soll das gehen“, fragt sich Wehrschütz, „für allein einen Zug mit 1500 Menschen, der am Wochenende nach Deutschland unterwegs war, genug Deutschlehrer zur Verfügung zu haben – rechnen Sie sich das doch bei einer Schülerzahl von 10 bis 20 einmal aus!“

Es sei unbestritten, dass die modernen Nachrichtenübertragung via Handy und Social Media Plattformen und die Bilderflut über die winkenden Österreicher und Deutschen eine weitere Wanderbewegung auslöst – „die Schlepper sollten eigentlich den Medien ein Honorar zahlen“, sagt Wehrschütz, und sagt vor dem Satz: „Zynisch gesprochen“.

Im Format Ofner & Ofner laden die Günther Ofner, Vorstandsdirektor der Wiener Flughafen AG, 'Vizepräsident des mc Wien und Präsident des mc Niederösterreich und Anton Ofner, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Wien, Gremialobmann des Wiener Medizinproduktehandels und Inhaber der MBB BioLab GmbH, im Namen des management club regelmäßig Persönlichkeiten des Zeitgeschehens zu Frühstück. Der Management Club ist eine Plattform für leitende Angestellte und Unternehmer, Fragen und Themen der Unternehmensführung zu diskutieren – das Ofner & Ofner-Format brachte bei seinem Gastspiel bei den Medientagen auch tatsächlich eine Hundertschaft von Managern auf den WU-Campus.

Christian Wehrschütz erscheint "live" ziemlich authentisch so, wie ihn Millionen Österreicher als Dauerberichterstatter in den Nachrichtensendungen des ORF kennen - sorgfältig argumentierend, unaufgeregt, aber mit Nachdruck. „Es warten noch gut eine halbe Million Menschen, die sich noch heuer auf den Weg nach Norden machen wollen und werden – und es passiert nichts, was uns vorbereitet“.  Allein dass der Westen – Europa und die USA – dem Hilfswerk der UNO UNHCR nach wie vor zwei Milliarden Euro Unterstützungsgeld verweigert, hätte einen Gutteil der Flüchtlingsbewegung ausgelöst – Lösung ist keine in Sicht.

Wehrschütz, aktiver Milizoffizier des Bundesheers, sieht nur eine Lösung: Wer Syrien und Irak und Afghanistan befrieden will, muss „militärisch eingreifen“. Auch am Boden. Das ist weniger zynisch als illusionslos gesprochen, und es schwingt deutlich mit, dass Wehrschütz bezweifelt, ob die EU und wie auch immer Österreich zu solchem Handeln willens oder gar fähig sind. „Das Handeln der politischen Eliten ist der wunde Punkt“, sagt Wehrschütz: „Zwischen Abschwächen und Dramatisieren fehlt einfach der realistische Blick“.

Der allerdings sei auch durch die (Bild-)Medien und ihre Formatierungen beeinflusst: Die Nachrichtenformate, sagt Wehrschütz, „müssen länger werden.  Sie können mit 20-Sekunden-Wortspenden in einem 80-sekündigen Beitrag der Komplexität der Vorgänge nicht gerecht werden!“  Nachsatz: „So leisten Medien der banalen Interpretation der Ereignisse Vorschub.“

Gesinnungsethik allein – „man muss das stoppen!“ – reiche eben nicht aus: Es brauche auch Verantwortungsethik, „zwei Grundprinzipien, nach denen sich Journalisten leiten lassen sollten“. Nachsatz: Bliebe nur die Frage, „wer ist denn dieses, man‘, dessen Aktivität eingefordert werden könne?

An das eigene Haus gerichtet kann Wehrschütz dieses „man“ bezeichnen: Es sei dringend notwendig, ein ORF-Format wie den Auslandsreport wieder zu beleben – „das war ein Format mit Acht-Minuten Beiträgen, in denen wir politische Geschichten erzählen konnten“, wünscht sich Wehrschütz, und  mit Verweis auf die Konzeption der ZIB-Kurznachrichten Beiträge, „eben Beiträge, die nicht nur menscheln“.
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