Martin Thür: Der Mann beim falschen Sender?
 

Martin Thür: Der Mann beim falschen Sender?

ATV/Novotny
Auch 2016 wird Martin Thür mit „Klartext“ zu sehen sein. ATV hat das Format für eine weitere Staffel verlängert.
Auch 2016 wird Martin Thür mit „Klartext“ zu sehen sein. ATV hat das Format für eine weitere Staffel verlängert.

‚Klartext‘-Moderator Martin Thür wird derzeit hoch gelobt und mit dem ORF in Verbindung gebracht. Doch bei ATV scheint er sich eigentlich ganz wohl zu fühlen

Dieser Text erschien bereits am 16. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 42/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat ATV seine damalige Polit-Talkshow „Am Punkt“ abgesetzt. Ein Raunen ging durch die Branche. Der Privatsender wolle sein Informationsangebot ausdünnen, hieß es damals. Doch es kam alles ganz anders. 
Im Herbst 2014 schickte ATV erstmals „Klartext“ mit Martin Thür auf Sendung. Das Format sollte verkrustete Strukturen im Bereich des Polit-Talks aufbrechen und dem Sender wieder zu etwas mehr Relevanz verhelfen. Heute, ein Jahr nach dem Start, lässt sich festhalten: Der Plan ist aufgegangen. „Klartext“ kommt erfrischend anders als andere Formate daher und erfährt großen Zuspruch innerhalb der Branche. Wer sich mit Informationssendungen im TV beschäftigt, kommt an „Klartext“ nicht vorbei. „Was mich überrascht hat war, wie gut die grundsätzlichen Überlegungen, die wir hatten aufgegangen sind. Einer der Punkte war ja, dass es zunehmend schwieriger wird, hochrangigere Gäste ins Studio zu bekommen, für Diskussionen etwa. Das haben wir drehen können, wir hatten vom Bundeskanzler abwärts die halbe Republik schon in den ersten beiden Staffeln bei uns sitzen“, sagt „Klartext“-Mastermind Martin Thür im Gespräch mit HORIZONT. Gleichzeitig habe man sich der Zwänge entledigt, „die eine Live-Diskussion einfach mit sich bringt“. Er sei rundum zufrieden, sagt der Moderator. Das kann er auch sein, denn schon im ersten Jahr konnten er und sein Team Preise abräumen. Bei der diesjährigen Romy-Verleihung erhielt das ­Format den Preis der Jury, Thür selbst erhielt den Journalistenpreis Integration. Österreichs Chef-Twitterer und „ZIB 2“-Anchorman Armin Wolf bezeichnete Thür einmal als „den Mann beim falschen Sender“. Das sorgt für Aufwind. 

‚Müssen uns nicht genieren‘

Durch Auszeichnungen und Lob steigt aber auch der Druck, auch in Zukunft weiterhin anspruchsvolles Fernsehen zu machen. Thür sieht das ganz entspannt: „Ich sehe das umgekehrt als Bestätigung und Befreiung. Einfach dass wir den Weg fortzusetzen, den wir eingeschlagen haben. Wir machen hier wirklich gutes Fernsehen, für das wir uns nicht genieren müssen.“ Und Thür ist nicht nur der Moderator der Sendung: Nach den Aufzeichnungen geht er mit dem ­Regisseur auch an das Schneidepult und schneidet die Beiträge. „Es funktioniert in der Tat so, dass ich bei der Sendung viel selbst mache. Weil es anders auch nicht geht.“ Auch die Auswahl der Themen sowie der Gäste übernimmt Thür, wobei er hier Hilfe von seinem Kollegen Timur Aksak bekommt. Auch mit ATV-Chefredakteur Alexander Millecker wird diskutiert. 
Dass er mit seinen 33 Jahren schon das politische Gesicht eines Fernsehsenders ist, überrascht auch ihn selbst ein wenig, gesteht Thür. „Wobei ich es nie drauf angelegt habe. Ich sehe mich bis heute nicht als den klassischen Moderator, für mich ist es eher die Fortsetzung von dem, was ich auch vorher gemacht habe. Zugegeben, mit anderen Mitteln. Früher habe ich Politiker interviewt – und das mache ich auch jetzt. Im Herzen bin ich Reporter und Journalist.“

Politische Debatte abbilden

Auch wenn man als Journalist früh gelernt hat, dass Qualität nichts mit Quantität zu tun hat, an den Quoten kommt auch Martin Thür nicht vorbei. Die letzte Sendung „Klartext“ am 13. September hatte 67.000 Zuseher.  „Natürlich schaue ich auf die Quoten. Ich kann ja jetzt nicht so tun als wäre mir das völlig egal, das ist es nicht. Klar ist aber auch, dass wir ‚Klartext‘ nicht wegen der Quoten machen. Mit einer politischen Sendung hat man einfach nicht die größten Quoten.“ Das sei aber auch kein Problem, sagt Thür. Schließlich habe „Klartext“ eine andere Funktion: „Es soll zeigen, dass eine Redaktion bei ATV arbeitet, die guten Journalismus macht und die mit den Kollegen der anderen Sender auf Augenhöhe mitspielen kann. ‚Klartext‘ soll dabei helfen, eine politische Debatte auf ATV abzubilden.“

‚Nicht nur Unterhaltungssender‘

Auch beim Sender selbst weiß man um den Schatz, den man mit „Klartext“ im Programm hat. „ATV hat sich in der Nachrichtenwelt seinen Platz erkämpft. Wir wollen nicht nur ein Unterhaltungssender sein, sondern auch Informationen liefern“, sagt ATV-Chef Martin Gastinger bei der Präsentation des Programms für die neue TV-Saison. Und auch wenn die aktuelle, dritte Staffel von „Klartext“ noch gar nicht vorbei ist, steht schon fest, dass es 2016 mit neuen Ausgaben weitergehen wird. Das liegt zum einen Teil an den positiven Kritiken, aber auch den guten Quoten, die das Format regelmäßig einfährt. 

Förderung von der RTR

Wie viele andere Informationssendungen bei den Privatsendern, wird auch „Klartext“ finanziell von der RTR unterstützt. Laut der Förderungstabelle der Behörde erhielt ATV heuer 142.882 Euro, um das Format umzusetzen. Beim Sender legt man Wert auf die Tatsache, dass dieser Betrag nur einen Teil, genau genommen etwa 30 Prozent, der Produktionskosten abdecke. Damit mache es die RTR etwas leichter, „eine Sendung zu produzieren, deren Fokus nicht auf die Refinanzierbarkeit am Werbemarkt, sondern auf der Schaffung von Relevanz und politischem Diskurs liegt.“

‚Das halte ich für entbehrlich‘

Die Finanzierung der Sendung ist die Sache des Senders, hier kann Moderator und Mastermind der Sendung, Martin Thür, nicht mitreden. Und auch wenn es um den Sendeplatz am späten Montagabend geht, muss sich Thür auf seine Kollegen in der Programmplanung verlassen. Dass „Klartext“ nun neuerdings gegen „Pro & Contra“ von Puls 4 antritt, weil man dort die Startzeit etwas nach vorn verlegt hat, wurmt ihn dennoch sehr. „Dass ich nicht wahnsinnig glücklich darüber bin, kann man sich wohl denken. Ich halte das für entbehrlich, weil die Leute sich eben nicht zweiteilen können. Es gibt eine eingeschworene Gruppe, die sich solche Polit-Formate anschaut. Wenn man diese zwei Formate dann gegeneinander programmiert, ist das auf Dauer sicher nicht zielführend.“

‚Können machen, was wir wollen‘

Dennoch will sich Thür nicht darüber beklagen, politischen Journalismus bei einem Privatsender zu machen. Im Gegenteil: „Es ist ehrlich gesagt sehr befreiend und eigenständig. Die Unabhängigkeit bei ATV ist sehr groß und das leben auch alle, mir hat noch nie jemand etwas politisch angeschafft. Privatfernsehen hat andere Probleme: Wir haben nicht das Geld und die Ausstattung wie andere Sender. Aber zumindest sind wir unabhängig und können machen, was wir wollen.“ Es hört sich nicht so an, als würde Thür in naher Zukunft zum ORF wechseln, so wie es in jüngster Zeit in der Branche immer wieder gemunkelt wird. Das Nachrichtenmagazin News berichtete zuletzt, dass es schon Versuche gab, Thür auf den Küniglberg zu lotsen. Das sei aber am Betriebsrat gescheitert. Doch wenn man Thür reden hört, merkt man, dass der ganz zufrieden zu sein scheint beim kleinen ATV. Und der Sender selbst wird sich auch alle Mühe geben, sein Sendergesicht zu halten. Thür arbeitet schließlich schon seit etwa zwölf Jahren bei ATV. 
In Zukunft will Martin Thür weiterhin darauf achten, dass „Klartext“ abwechslungsreich bleibt. So sei es wichtig, hin und wieder auch „andere“ Ausgaben zu machen, die zwar den Geist des Formats haben, sich aber dennoch unterscheiden. Die Flucht-Folge, in der er Flüchtlinge begleitete, sei etwa Talkshow wie Reportage gewesen. Das Wichtigste sei aber auch in Zukunft: gute Vorbereitung. Man müsse wissen, was der Inter­viewpartner zu gewissen Fragen schon gesagt hat. „Weil dann wird er das mit großer Wahrscheinlichkeit wieder sagen, so funktionieren Menschen.“ Daher sei es wichtig, viele Interviews zu lesen und zu schauen. „Ich habe immer große Freude dabei in der Recherche Sachen zu finden, auf die die Politiker noch nicht geantwortet haben.“

‚Nerd-Club‘ Twitter

Dabei hilft ihm auch Twitter, wo er auf mehr als 18.800 Follower kommt. „Ich bekomme dort Geschichten früher in meinen Stream.“ Er sei durch Twitter ein besserer Journalist geworden, sagt Thür, der die Plattform aber auch als „Nerd-Club“, bezeichnet. Thür weiter: „Ich denke nicht, dass es sich ein politischer Journalist heutzutage in Österreich erlauben kann, auf Twitter zu verzichten. Das heißt ja nicht, dass man aktiv mitmachen muss, aber man kann diesen Kanal nicht ignorieren.“
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