Laute Misstöne vor DAB+-Testbetrieb
 

Laute Misstöne vor DAB+-Testbetrieb

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Start der digitalen Übertragung ist frühestens im Mai. Nach überraschendem Ausstieg von ORF und Kronehit sollen bald andere Sender an Bord sein

Die Radiozukunft muss warten. Noch im April sollten 14 Sender, darunter  die großen privaten Player und der ORF, erstmals auch via DAB+ digital on air gehen. Doch wenige Tage vor dem offiziellen Starttermin des Testbetriebs zogen sich der ORF wie auch Kronehit, die beiden programmierten Quotenbringer, zurück. Beim Verein Digitalradio Österreich (VDÖ), dem ,Business Enabler‘ für die Radios, die  bei DAB+ mitmachen wollen, ist man versucht, die Situation zu kalmieren.

Geschäftsführer Gernot Fischer im HORIZONT-Gespräch: „Fakt ist, dass Kronehit und ORF ausgestiegen sind, aber der Testbetrieb wird wie geplant starten, alle haben schon viel Geld investiert“, versichert er. Für die freien Plätze gebe es bereits zumindest einen Bewerber, dessen Teilnahme in wenigen Tagen fixiert werden soll. Fischer merkt auch an: „Der Rückzug vom Testbetrieb ist nicht so einfach, die beiden haben Verträge mit der ORS (die ORF-Infrastruktur-Tochter, Anm.) geschlossen.“ Allein die technische Abwicklung kostet die 14 oder aktuell zwölf DAB+-Pioniere gesamt rund 350.000 Euro im Jahr.

Über die Motive für den Rückzug von ORF und Kronehit will Fischer nicht spekulieren. Kronehit-Geschäftsführer Ernst Swoboda macht kein Hehl aus den Gründen für seinen Rückzug. „Ich war nie ein Fan von DAB+, denn ich glaube, dass es erst in ferner Zukunft ein wesentlicher Verbreitungskanal sein wird. Wir haben im Verein mitgemacht, um die Entwicklung nicht zu blockieren.“ Zuletzt habe sich aber die Stimmung im VDÖ klar gegen UKW und damit, so Swoboda, gegen die Gattung Radio an sich gedreht, man habe dort über UKW-Abschaltungsszenarien und ORF-Ideen zu dessen neuen Sendern via DAB+ gesprochen. „Dabei wird seit 20 Jahren von den Privaten um einen echten dualen Rundfunk gekämpft“, ärgert sich Swoboda. 

Der ORF hat seinen Ausstieg damit begründet, dass die Medienbehörde KommAustria ein Radioformat namens Ö3-Visual untersagt hatte und man daher bei DAB+ ebenso wenig mit einer Genehmigung für neue Probeformate rechne. „Für den ORF kommt nur die Teilnahme (bei DAB+, Anm.) mit einem eigenen Programm infrage“, so Generaldirektor Alexander Wrabetz. Die KommAustria hatte besagtes Ö3-Visual allerdings nicht als „Radio“ untersagt (und es war dafür auch kein Probe- sondern ein Regelbetrieb via Internet beantragt worden), sondern hat das Format als Fernsehprogramm qualifiziert und daher schon am 19. Februar nicht genehmigt. Also etwa vier Wochen, bevor sich der ORF jetzt – mit dieser Untersagung vom 19. Februar als eine der Begründungen – von DAB+ zurückzog.

Ö3-Visual sah unter anderem vor, dass via Internet bewegte Bilder von den im Studio werkenden Moderatoren sowie Videoclips statt der bloß akustischen  Musiktitel gesendet werden. Ein Antrag für den Probebetrieb eines ORF-Radioprogramms (weder auf DAB+ noch über UKW) langte bei der Komm­Austria bis dato gar nicht ein. 

Nachdenkpause über Ostern
Der Start von DAB+ im Testbetrieb dürfte angesichts dieser Dissonanzen in zumindest mittelweite Ferne rücken. VDÖ-Geschäftsführer Fischer rechnet mit Mai statt April, andere sehen noch größere Verzögerungen he­raufdräuen. Bei Life Radio, einem weiteren sehr wichtigen DAB+-Pionier, will man daher erst einmal abwarten. Geschäftsführer Christian Stögmüller: „Man muss sorgsam nachdenken, ob es sinnvoll ist, eine neue Technologie ohne die relevanten Player zu starten. In der Woche nach Ostern könnte eine Entscheidung fallen, ob wir aussteigen oder dabei bleiben. Es sind sehr viele Fragen in der Luft.“
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