Lachend verstehen
 

Lachend verstehen

Editorial von Sebastian Loudon, Herausgeber (HORIZONT 15/2015)

In Deutschland hält eine Satireshow mit einem gefakten Fake-Video eine Woche lang die Medienwelt in Atem. In den USA und weit über deren Grenzen hinaus macht ein Brite Furore, obwohl er sich so sperrigen Themen wie Netzneutralität widmet. Und in Österreich verblüfft eine Satireseite mit einem Coup nach dem anderen. Was haben Jan Böhmermann (ZDF-„Neo Magazin“), John Oliver („Last Week Tonight“) und dietagespresse.com gemeinsam? Sie reiten auf der perfekten Welle der digitalen Medien- und Unterhaltungswelt – der schnellen, kompromisslosen Satire. Denn kaum etwas verbreitet sich im Netz so schnell wie unterhaltsame Stücke zu aktuellen Themen – außer vielleicht Katzenvideos, aber das ist eine andere Geschichte.

Satire schafft Reichweite, ganz besonders in einer nach flotter Unterhaltung gierenden ­digitalen Welt. Sie schafft im Idealfall aber noch viel mehr, nämlich eine intelligente Annäherung an ein Thema. Sie ist eine intellektuelle Herausforderung, macht Lust aufs Verstehen und belohnt die Aufmerksamkeit. Denn für das Entschlüsseln bekommt man ein Auflachen, ein Lächeln und manchmal auch nur einen „Bist-du-deppert“-Effekt. Satire ist Kritik mit Humor. Und ihr Publikumserfolg sollte uns in einer zunehmend an Humorlosigkeit leidenden Welt Hoffnung geben und Ansporn sein. Dass intelligenter Humor die geistigen Poren des Publikums öffnet und dieses empfänglicher für allerlei Botschaften macht, gilt als Binsenweisheit der Werber. Doch es scheint, als hätten sie diese Lektion verdrängt – oder wann haben Sie das letzte Mal bei einem Plakat so richtig aufgelacht? Ist den Werbern am Ende selbst das Lachen vergangen?

Während die Werbung scheinbar zunehmend der Humorlosigkeit anheim fällt, erlebt die politisch-journalistische Satire also ein echtes Hoch (siehe Titelgeschichte). Aber nicht nur in der politischen Information, auch in der Wissensvermittlung kann intelligent eingesetzter Humor Wunder bewirken. Das bewies Josef Hader im grandiosen ORF-Film „Morgenland im Abendland“ (nachzusehen bis Dienstag in der TVthek), in dem er der Zeit, in der die Mauren über die iberische Halbinsel herrschten, nachspürt. Das ist keine Komik, keine Satire. Dafür aber anschaulich und unterhaltsam vorgetragene Vermittlung einer Episode der europäischen Geschichte, aus der viel zu lernen ist.
Bitte weiter so: Denn wenn die Welt um uns schon reichlich unwitzig und mitunter schwer begreiflich ist – lasst sie uns wenigstens mit einem Schmunzeln im Gesicht versuchen zu verstehen.
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