"Kurier": Ein Coup des Christian Konrad
 

"Kurier": Ein Coup des Christian Konrad

TV-Profi Helmut Brandstätter soll mit 1. August die Chefredaktion der viertgrößten österreichischen Tageszeitung „Kurier“ übernehmen – Vorgänger Christoph Kotanko soll „dem Kurier erhalten bleiben“.

Seit Herbst 2009 verlautete aus der Mediaprint, Abteilung „Kurier“, dass dem Chefredakteur Christoph Kotanko, seit 2005 als Nachfolger von Peter Rabl Herr über eine rund 100köpfige Redaktionsmannschaft, ein „operativer“ Chefredakteur zur Seite gestellt werden sollte. Kolportiert wurde namentlich Richard Grasl – aber der schaffte es schließlich zum Finanzchef (vulgo „kaufmännischer Direktor“) des ORF.



Mediaprint- und „Kurier“-Geschäftsführer Thomas Kralinger skizzierte in einem HORIZONT-Interview (HORIZONT 43-2010) die Überlegung so: Kotanko solle entlastet werden und noch stärker als „Aussenminister“ fungieren, der Gesuchte solle quasi als „Tagesbegleiter“ die Entstehung der Zeitung koordinieren.  



Die Mediaprint und somit auch der „Kurier“ haben sogenannte „gebrochene“ Geschäftsjahre – also von Juli bis Juni. Im Jahr 2009 hatte der „Kurier“ in  - von HORIZONT so genannter – noch selten gekannnter Autonomie und Eigenständigkeit in über 20 Jahren „Geiselhaft“ in der Mediaprint ein ganzes Feuerwerk von Aktivitäten gesetzt: Mit der „tv.woche“ wurde eine eigene TV-Beilage für den Freitag konzipiert, mit den Supplements „Business“, „Motor“ sowie „Reise“ und „mein sonntag“ wurden für den Leser- und Anzeigenmarkt Anreize gesetzt – und seit Juni 2009 läuft eine breit angelegte Kampagne für den „Kurier“ unter dem Claim „Das hab´ ich vom „Kurier““, created by Wirz. Dazu wurde unter Ronald Schwärzler kurier.at sukzessive attraktiviert.



Traditionell gibt es aus der Mediaprint keine Detailzahlen – laut Focus Media Research erzielte der „Kurier“ 2009 brutto knapp 80 Millionen Euro Werbespendings aus den klassischen Raumanzeigen – das könnten netto bis zu 50 Millionen Euro gewesen sein (laut Focus ein nominelles Minus knapp über zehn Prozent). Traditionell ist der „Kurier“ sehr stark im Rubriken- und Personalmarkt-Geschäft – das macht nach Angaben aus der Mediaprint an die 40 Prozent zum Gesamtwerbeumsatz aus. Der Lesermarkt freilich hat die Innovationen 2009 (noch?) nicht honoriert: Die MA 2009 wies für den Kurier eine Reichweite von 8,7 Prozent österreichweit aus (nach 8,9 Prozent 2008), laut ÖAK druckte der „Kurier“ 2009 im Wochen-Jahresschnitt rund 210.000 Exemplare (bei rund 146.000 Einzel- und Abo-Verkäufen – 2008 lagen die Werte bei rund 228.000 zu 149.000…).  



Soviel zur Ausgangslage am Nachmittag des 26. April 2010 – einmal mehr hatte etat.at die richtige Witterung und meldete den Coup rund eine Stunde vor der offiziellen APA-OTS-Meldung der Mediaprint. Nachstehend das „Kommuniqué“ im Wortlaut (Absender ist „Kurier“-Gerschäftsführer Thomas Kralinger):  



„Wien (OTS) - Der Aufsichtsratspräsident, Dr. Christian Konrad, hat heute der Belegschaftsvertretung mitgeteilt, dass Dr. Helmut Brandstätter ab August 2010 Dr. Christoph Kotanko als Chefredakteur des KURIER nachfolgt. 



Dr. Helmut Brandstätter, studierter Jurist, startete 1982 beim ORF und war unter anderem Korrespondent in Berlin und Brüssel, anschließend Hauptabteilungsleiter für Politik und Zeitgeschehen und Moderater des "Report". 1997 ging Brandstätter als Geschäftsführer des Nachrichtensenders N - TV nach Berlin, 2003 kehrte er als Gründungsgesellschafter von Puls TV nach Österreich zurück. 2005 gründete er Brandstätter Business Communications, eine Agentur für Kommunikation und Coaching. Brandstätter lebt in Wien, ist verheiratet und hat drei Kinder. 



Brandstätter: "Ich freue mich nun wieder in den Journalismus zurückzukehren, noch dazu zu einer so renommierten Zeitung wie den KURIER . Selbstverständlich werde ich zu 100% als Chefredakteur tätig sein und deshalb die Anteile an meiner Agentur BBC GmbH verkaufen." 



Dr. Christoph Kotanko, in dessen Zeit das Digital-Ressort des KURIER eine massive Aufwertung erfahren hat, wird in leitender Funktion die redaktionelle Konzeption der KURIER-Ausgaben für digitale Lesegeräte vorantreiben und mit seiner journalistischen Kompetenz dem KURIER erhalten bleiben. Aufsichtsratspräsident Dr. Christian Konrad: "Ich bedanke mich bei Dr. Christoph Kotanko für die hervorragenden Leistungen in den letzten Jahren, seine journalistischen Kenntnisse werden dem KURIER erhalten bleiben. Mit Dr. Helmut Brandstätter ist es uns gelungen, einen angesehenen Journalisten für diese wichtige Position zu gewinnen, der in Zeiten des medialen Umbruchs gleichzeitig für Erneuerung und Fortsetzung des Qualitätskurses des KURIER steht." 



Soweit der „Kurier“ in eigener Sache.



Erster Nachtrag: Ja, Christian Konrad hat als (Mehrheits-) Eigentümervertreter ein Vorschlags- und Dirimierungsrecht in Sachen Chefredaktion – das letzte Wort hat allerdings die Redaktion, und da braucht Helmut Brandstätter eine Mehrheit.



Zweiter Nachtrag: Helmut Brandstätter ist verheiratet mit Patricia Pawlicki, Moderatorin des „Hohen Haus“ im ORF und davor langjährige Korrespondentin für den ORF in Berlin – als dortselbst Brandstätter n-tv-Chef war, bevor ihn der damalige RTL-Informationsdirektor Hans Mahr ablöste. Zuletzt trat Brandstätter als "Kommunikationsberater" im Umfeld der Schönborn/Klasnic-Initiative im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche - ungewollt - in Erscheinung (und fungierte nach Berichten "unentgeltlich").



Dritter Nachtrag: Das erwähnte „Digital-Ressort“ des „Kurier“ ist eine eigene Gesellschaft (mit Gewerbeschein aus der Fachgruppe Werbung + Marktkommunikation, mit eigenem Gewerbe-Kollektivvertrag, der wesentlich anders ausgestaltet ist als der Journalisten-Kollektivvertrag der Tageszeitung „Kurier“) und hat unter der Firmierung „Telekurier“ einen eigenen Leiter: Ronald Schwärzler, langjähriger Digital-Chef in Eugen Russ´ Vorarlberger Medienhaus, unter Monika Lindner der erste Online-Direktor des ORF – der mit der Wahl von Alexander Wrabetz Thomas Prantner weichen musste. Stichwort Wrabetz: Unter den Bewerbern um die Nachfolge von Monika Lindner als Generaldirektor war – Helmut Brandstätter.



Vierter Nachtrag: Brandstätters Beratungsfirma BBC ist nicht irgendeine Klitsche – seit März 2009 ist Brandstätter Teil des „Superclusters“ von Wolfgang Rosam und Dietmar Ecker (siehe HORIZONT 11-2009 und eine interessante Überlegung in der verdienstvollen Publikation "Datum"), bereits 2008 trat Brandstätter als Buchautor in Erscheinung: „Hör. Mir. Zu. Drei Schritte ins Jahrtausend der Kommunikation" lautete der programmatische Titel. Und bereits im September 2006, kurz nach dem – gescheiterten – ORF-Hearing, gab Brandstätter in einem Online-Talk auf etat.at zu Protokoll: „Ich bin auch deswegen Journalist geworden, um immer wieder etwas dazuzulernen und neue Dinge zu machen. Und das erwarte ich von jeder intelligenter Redaktion. Wehleidigkeit hat noch keinem geholfen.“



Fakt bleibt jedoch: Der Mann hat Zeitlebens TV-Bilder produziert… lässt da womöglich Robert Hochner selig grüßen (wir erinnern uns: Ein spektakulär glückloser Ausflug der TV-Legende in die Chefredaktion der damals, Anfang der 90er Jahre, gerade von Hans Schmid übernommenen „Arbeiter Zeitung AZ“).  


Zum Formalen: Christian Konrad (geboren im Juli 1943) bestellt also Helmut Brandstätter (geboren im April 1955) zum Nachfolger von Christoph Kotanko (geboren im Juli 1953 – der seinerseits, nach über zehn Jahren als Stellvertreter, diese Funktion von Peter Rabl, geboren im Juni 1948, im Jahr 2005 übernahm).   Anm.d.Red.: Die Gerburtsjahre von Kotanko und Brandstätter standen, leider, vertauscht bis 21.00 Uhr in diesem Text - jetzt stimmt´s aber!



Helmut Brandstätter ist das Glück des Tüchtig(en Vernetzten) zu wünschen.
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