Kunst im öffentlichen Raum
 

Kunst im öffentlichen Raum

Die Gewista affichiert Sujets von vier Unternehmen, die der Künstler Otto Mittmannsgruber gestaltete.

Im Juli 2011 präsentiert die Gewista in zwei Wellen auf 500 stark frequentierten 24-Bogen-Gewista-Plakatstellen in Wien Otto Mittmannsgrubers Kunstaktion „paint the town red“.

Aktuelle Sujets von UniCredit Bank Austria, Wiener Städtische Versicherung, Konica Minolta Business Solutions Austria und Taxi 31300 wurden von dem Künstler in einem intensiven aufmerksamkeitsstarken Rotton übermalt - nur die Marke und wenige Teile des ursprünglichen Sujets bleiben sichtbar.

Nach zwei Wochen sorgt eine zweite Plakatierungswelle für neuerliche Aufmerksamkeit. Eine Figur in Latzhosen erscheint auf den roten Flächen – mit einem Schwamm, der einen kleinen Teil der übermalten Bildfläche freilegt. Der lebensgroße „Plakatputzer“ ist mit der Wiederherstellung der gewohnten Ordnung beschäftigt und bringt durch seine Funktion im Disput um Botschaften im öffentlichen Raum einen ironischen Kommentar in das Kunstprojekt ein.

Konica Minolta Business Solutions Austria üblicherweise nur im btb-Bereich aktiv, fand Gefallen an der künstlerischen Idee: "Das Plakat ist ein besonderes Medium und die Verbindung zur Kunst ließ uns diese, für uns ungewöhnliche Form der Werbung wagen", erklärt xx, Marketing Manager Konica.

Der Künstler Otto Mittmannsgruber beschäftigt sich bereits seit 1995 intensiv mit Groß-Plakatflächen und die Verbindung von Kunst und Plakat. "Ein Grundziel ist für mich Reflexion in den Medienraum zu bringen. Mir geht es darum fundamentale Aspekte des Mediums im Medium selbst anzusprechen", sagt Mittmannsgruber.

Als Vorreiter sieht er die Konzeptkünstler der 70er Jahre. "In den 90ern gab es den Plakatpiraten. Es nannte sich 'Once'. Ihm ging es um Subversion im Medienraum. Er verfremdete Plakate, aber auf eine Art, dass es erschien, als handle es sich um das Originalsujet. Mehr als fünf Plakatstellen konnte er aber nicht verändern - trotzdem musste dieser Künstler schließlich das Land verlassen, da er von mehreren Unternehmen mit hohen Summen angeklagt wurde. Mein Partner Martin Strauß, der leider im Dezember verstorben ist und ich machten es anders. Wir sprachen die Unternehmen direkt an und mit der Gewista gemeinsam starteten wir alljährlich Projekte der Kunst im öffentlichen Raum", erinnert sich der Oberösterreicher.

Der Künstler ist diesmal selbst am Sujet zu sehen. Er ist der Mann, der im zweiten Teil der Kampagne ein Stückchen des Ursprungsujet freilegt und sich dabei an der "roten Wand" wie ein Kletterer festhält. "Ich selbst klettere sehr gern", kommentiert Mittmannsgruber seine sportliche Haltung am Sujet.

Karl Javurek, COO Gewista freut sich, dass auch in diesem Jahr eine spannende Kunstaktion auf den Gewista-Plakaten ermöglicht werden kann: „Die jährliche Kunst-Plakat-Aktion führen wir nun bereits seit vielen Jahren sehr erfolgreich durch. Sie zeigt eindrucksvoll wie impactstark Out of Home-Werbung ist. Ich bin mir sicher, dass man in ganz Wien über die Plakate sprechen wird. Und für die Gewista ist es immer ein essenzielles Anliegen, Kunst zu fördern und zu ermöglichen: Innovation, Kreativität und die Umsetzung von neuen, unkonventionellen Ideen ist auch Teil unseres kommerziellen Kerngeschäfts. Es geht darum Marken in ein künstlerisches Umfeld zu transferieren.“

Er selbst hielt die nun affichierte Idee für die herausragendste, denn der Künstler hatte mehrere Ideen gebracht. "Die Idee 'paint the town red' hier wollte ich eigentlich gar nicht zeigen, sie erschien mir zu gewagt, aber Karl Javurek entschied sich für diese", lacht Mittmannsgruber. "Es geht darum über den eigenen Schatten zu springen, deshalb fiel mit die Idee ins Auge", so Javurek, "es ist eine Überwindung, aber künstlerisch zu spielen ist legitim".

Der Akt des Übermalens wird durch Mittmannsgrubers Intervention zum neuen Inhalt der Plakate. Geht es nach dem Willen des Künstlers, so wird sich ein Teil der Betrachter aufgefordert fühlen und selbst den Pinsel schwingen, um die Plakate weiter zu verfremden. "Ich will Menschen ansprechen, die mit offenen Augen durch die Stadt gehen, Flaneure, Menschen, die mit ihrer Umwelt kommunizieren", so Mittmannsgruber. Jene mit passiver oder gar ablehnender Haltung hingegen, werden den „blinden“ Plakaten – wie jenen der werbenden Wirtschaft – eine ungestörte Präsenz über die Dauer der Aktion garantieren und wie es üblicherweise passiert, subtil trotzdem eine Botschaft mitnehmen.

Historie der Plakatprojekte und von Kunst im öffentlichen Raum (www.kunstundmedien.org, www.mittmannsgruber.info) Seit 1995 realisiert Otto Mittmannsgruber Kunstprojekte in großen Stückzahlen im Medium des Großplakates, wobei seither mehr als zwanzig Kampagnen im In- und Ausland umgesetzt wurden. Dazu gehören kontrovers diskutierte Projekte wie "13 Tote Österreicher", das anläßlich der Tausendjahrfeier Österreichs die großen Kulturheroen unseres Landes als von der Polizei verfaßte Fahndungsbilder ans Plakat schlagen ließ, oder kuratierte Großplakatprojekte wie "Fremd", wo sechs internationale KünstlerInnen auf 800 x 24 Bogen Formaten ihre Beiträge zu Xenophobie und Ausgrenzung formulierten.

Die Auseinandersetzung mit dem Werbemedium und seiner Bedeutung für den öffentlichen Raum wurde im ersten Projekt von 1995 begründet: in der Aufsehen erregenden Aktion "Monolog des Vertrauens" traten zwanzig international bekannte Marken und Unternehmen als einheitlich reduzierte Schriftembleme auf den Plakaten in Erscheinung, und vermittelten den überraschten Passanten ein Bild der Uniformierung, wo normalerweise Diversität und die strikte Einhaltung der Corporate Identity an der Tagesordnung stehen.

Das Moment der Uniformierung war und ist bei allen Kampagnen, die sich mit Werbung im öffentlichen Raum auseinandersetzen, Angelpunkt für die Vermittlung der Projektidee: erst wenn mehrere Medienteilnehmer einer - normalerweise für die Werbung irrelevanten Systematik - unterworfen werden, ist für die Passanten die Distanz zur Werbung hergestellt.

In Publikationen wie "Kampagnen ohne Auftrag", "Cultural Hacking" und "Souveräne Markenführung" wurden die Strategien dieser Plakat-Kunst-Aktionen von den unterschiedlichsten Standpunkten erörtert. In dem seit Jahren vergriffenen Buch "Plakat.Kunst" konnten die Autoren die Verbindung früher, autonomer KünstlerInnenprojekte zum Aussenmedium Plakat eindrucksvoll belegen.

Das Besondere an den Kampagnen von Otto Mittmannsgruber ist ihre hohe Stückzahl, und die damit erzielte Präsenz im gesamten Stadtraum. Bei der hohen Dichte von Plakaten in Wien ist diese Strategie wohl die einzige Möglichkeit, um der Werbung mit "offenem Visier" zu begegnen. Medienkritische Ansätze, wie sie etwa in den 60er und 70er Jahren entwickelt wurden, und wo mit Hilfe von Strategien wie Detournement, Subversion und Appropriation heterogene Inhalte in Massenmedien eingeschleust wurden, sind aktueller denn je. Weil sie von vornherein auf die ausgewiesene und markierte Sonderstellung der Kunst verzichteten, hielten sie das Spektrum der Wahrnehmung offen.

So blieben auch bei allen bisherigen Kampagnen von Otto Mittmannsgruber - insgesamt wurden etwa 15.000 Großplakate in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz seit 1995 affichiert - der Name des Künstlers oder irgendeine andere kunstspezifische Markierung ausgespart. Eine allzu enigmatische, verklärende, und auf Insider-Wissen hin konzipierte Funktionsweise wäre Verschwendung nicht nur an Ressourcen, sondern auch Missachtung der kommunikativen Grundgesetze im Außenraum.

Schon lange bevor der öffentliche Raum als erweiterte Präsentationsfläche für den Kunstbetrieb entdeckt wurde, bot das dominante Außenmedium verschiedenen KünstlerInnen die Möglichkeit zur Intervention und zur punktuellen Subversion. Als Bildschirm für eine breitangelegte, medienkritische Kommunikationsstrategie, die mit Präsenz und hoher Auflage verknüpft ist, fungiert das Medium aber erst seit der ersten Kampagne von 1995, die von Otto Mittmannsgruber initiiert wurde.

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