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Konrad: "Die Mediaprint ist wie ein Zebra – viel zu zahm!"

Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad im HORIZONT-Interview über die Probleme der Mediaprint, das Überangebot im Magazinsektor und die Zukunft der Epamedia.

HORIZONT: Fangen wir im Großen an – wie hat sich denn der Raiffeisen-Sektor im Krisenjahr 2009 ganz generell geschlagen – um welche Bereiche des Sektors machen Sie sich besonders Sorgen?

Christian Konrad: Sorgen mache ich mir gar keine. Im Bankenbereich geht es uns gut, da konnten die Budgets für 2009 weitgehend gehalten werden. Der Versicherungsbereich hat sich noch nicht ganz erfangen, das hat aber vor allem mit den Bewertungsvorschriften bei Finanzanlagen zu tun – die tatsächlichen Ausfälle sind marginal. Im Produktionsbereich schließt die Agrana nach einem schlechten Jahr 2008 wieder an die Vorjahre an, und im Baubereich meldet die Strabag, dass 2010 besser als das Vorjahr wird, wobei Strabag-Chef Haselsteiner davon ausgeht, dass die Jahre 2011 und 2012 noch schwierig werden, weil die Konjunkturpakete auslaufen. Ich sehe das nicht so pessimistisch wie er, aber es ist mir immer recht, wenn vorgesorgt wird.

HORIZONT: Sie denken nicht, dass die fetten Jahre insgesamt vorbei sind?

Konrad: Fette Jahre? Wir haben in den vergangenen Jahren nie geprotzt und geprasst, daher brauchen wir uns auch in schlechteren Jahren nicht fürchten. Wir bleiben bei einer Politik des nachhaltigen Wirtschaftens. Das unterscheidet uns von vielen anderen, die von Quartal zu Quartal irgendwelchen Rekorden hinterherjagen. Es ist ja die Grundidee einer Genossenschaft, nachhaltig zu wirtschaften. Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht der Shareholder-Value. Daher ticken wir anders.

HORIZONT: In der Medienlandschaft geht’s aber nicht so gut?

Konrad: Ja, das stimmt schon, aber die Medien sind ja nur ein ganz kleiner Teil der Volkswirtschaft, wenn auch ein nicht ganz unwichtiger.

HORIZONT: Beginnen wir beim Komplexesten: Offiziell hat die WAZ die Verhandlungen mit der Familie Dichand über einen Verkauf ihrer 50 Prozent an der Krone ergebnislos abgebrochen. Wenn dem wirklich so ist: Was bedeutet das für die Mediaprint?

Konrad: Ich habe keine Ahnung, was da läuft. Seit Jahren höre ich in unregelmäßigen Abständen: Wir haben eine Vereinbarung. Dann wieder: Nein, wir haben keine Vereinbarung, aber wir führen Gespräche. Und plötzlich heißt es: Nein, die Gespräche sind abgesagt. Was ich jedenfalls weiß, ist, dass wir – das sind die Gesellschaftervertretungen von Kurier und Kronen Zeitung in der Mediaprint, wobei in beiden Unternehmen ja auch Vertreter der WAZ mit dabei sind – im Grunde die Mediaprint in der jetzigen Form so nicht weiterführen wollen. Wir brauchen eine Veränderung in der Geschäftsführung und möglicherweise eine Veränderung im Geschäftsmodell. Und da kommen wir im Moment auch nicht weiter. Es gab immer drei Geschäftsführer: einen von der österreichischen Kurier-Seite, einen von der österreichischen Krone-Seite und einer von WAZ-Seite. Derzeit gibt es nur noch zwei, wenn ich das richtig weiß – ich sitze ja nicht unmittelbar im Gremium drinnen (lacht). Beide wissen, dass es hier zu einer Veränderung kommen soll.

Was das neue Geschäftsmodell betrifft: da wurde ein Beratungsunternehmen engagiert, das vor allem auch die Reorganisation und Restrukturierung begleiten soll. Es muss ja mit Sicherheit ein Kostenprogramm und ähnliche Dinge mehr geben. Das alles ist eigentlich aufgesetzt, wie weit und wann es umgesetzt wird, kann ich im Moment allerdings nicht beantworten. Jedenfalls gibt es die Absicht, eine neue Geschäftsführung zu in-stallieren, aber umgesetzt wurde sie nicht. Noch nicht.

HORIZONT: Wie kann das Geschäftsmodell der Mediaprint Ihrer Meinung nach ausschauen?

Konrad: Da gibt es eine ganze Reihe von Ideen, aber das ist alles sehr schwierig, solange sich die Partner nicht einig sind. Das Geschäftsmodell hängt natürlich sehr stark von der Gesellschaftersituation ab. Wenn es einmal innerhalb der Krone-Gesellschafter einen ernsthaften Status gäbe, dann wäre ich schon sehr froh ...

HORIZONT: Es scheint, als habe sich in dieser seit Jahren verfahrenen Situation innerhalb der Mediaprint der Kurier emanzipiert.

Konrad: Das ist auch so. Die Idee der gemeinsamen Anzeigenvermarktung von Krone und Kurier wurde in der Mediaprint ja nie realisiert. Es gibt keine gleiche Liebe, und daher waren die Anzeigenverkäufer der Mediaprint schwer Krone-lastig, was für den Kurier nicht besonders lustig war. Dabei bekommt die Krone ja von jedem Kurier-Inserat 70 Prozent, weil alle Werbe-Einnahmen im gleichen Topf landen und 70:30 zwischen Krone und Kurier aufgeteilt werden. Aber: Auch nach zwanzig Jahren wird das da und dort immer noch anders gesehen oder nicht verstanden. Jedenfalls haben wir beschlossen, dass wir uns als Kurier, was Anzeigenvermarktung und auch das Marketing betrifft, stärker abheben wollen, anstatt nur zu warten, was wir alles nicht dürfen.

HORIZONT: Das war offen ausgesprochen oder ging schleichend?

Konrad: Natürlich war das abgesprochen. Aber so etwas ist immer auch eine Gratwanderung: Was kann ich noch alleine beschließen und wo muss ich den Partner fragen?

HORIZONT: Die Mediaprint erscheint seit Jahren wie ein Elefant, der am Rücken liegt …

Konrad: Ich habe einen Elefanten noch nie am Rücken liegen sehen, Sie?

HORIZONT: Nein, aber er darf nicht zu lange so liegen, weil ihn sonst das eigene Gewicht erdrückt.

Konrad: Das ist Ihr Bild, nicht meines.

HORIZONT: Was wäre denn Ihre Allegorie für die Mediaprint?

Konrad: Die Mediaprint hätte nach meinem Verständnis ein Löwe oder ein Tiger sein sollen, der die Verlagslandschaft ordentlich vor sich hertreibt und jagt. Dazu kam es nicht ganz.

HORIZONT: Was ist sie jetzt – ein Pro­blembär?

Konrad (lacht): Nein, das ist übertrieben. Ich würde sagen, sie ist ein liebes Zebra: viel zu zahm. Rundherum in der Zeitungslandschaft sind neue Dinge entstanden, die sich alle im gleichen Teich bewegen, manche wie Piranhas. Und was macht die große Mediaprint? Sie lässt das alles geschehen. Aber gut …

HORIZONT: Die Zeitungen, an denen Raiffeisen beteiligt oder als Kreditgeber engagiert ist, sind alle im Osten stark. Kurier, NÖN, aber auch Österreich. Sehen Sie Bedarf für eine Flurbereinigung?

Konrad: Was verstehen Sie unter Flurbereinigung? Glauben Sie, dass ein paar Zeitungen zugrunde gehen? Ich sehe das nicht, wobei man ja aus dem Finanzbereich weiß, dass Unvorhergesehenes auch sehr plötzlich kommen kann. Aber jedenfalls in unserem Bereich sehe ich keine Notwendigkeit und erwarte auch sonst keine dramatischen Veränderungen. Und sollten Sie zufällig Österreich gemeint haben: Totgesagte leben bekanntlich besonders lange.

HORIZONT: Habe ich nicht, aber wo wir dabei sind: Wie nehmen Sie Österreich wahr – und die Rolle, die es in der Zeitungslandschaft einnimmt?

Konrad: Ich bin kein regelmäßiger Österreich-Leser und ich werde nur darauf angesprochen, wenn es irgendwelche besonderen Ausreißer gibt – also etwa am Tag nach der Hypo-Vereinbarung, als Österreich schrieb, die Bayern hätten dem Finanzminister die Lederhose ausgezogen. Das war wirklich an den Haaren herbeigezogen, und in solchen Fällen rufe ich schon dort an …

HORIZONT: Sie sehen kein Überangebot bei Printmedien?

Konrad: Ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube: Wenn, dann gibt es eher im Magazinsektor ein Überangebot. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob die Welt untergeht, wenn ein Magazin, das First heißt, morgen nicht mehr da ist – oder anders gesagt: ich bin ziemlich sicher, dass die Welt nicht untergeht, wenn First nicht mehr erscheint.

HORIZONT: Über das profil würden Sie das wohl nicht sagen …

Konrad: Nein, aber es ist auch nicht immer einfach, das profil zu besitzen. Es gab Zeiten, da habe ich mich schon ein bisschen gefürchtet, wenn ich es am Wochenende in die Hand genommen habe. Aber darüber bin ich heute längst hinweg. Das profil hat seinen Platz – man kann damit einverstanden sein oder nicht. Immer, wenn Betroffene sich artikulieren, sage ich ihnen, ein Magazin hat in aller Regel noch nicht die Welt bewegt, sondern es sind schon immer noch die Menschen selbst und deren Reaktion.

HORIZONT: Was meinen Sie damit?

Konrad: Man darf die Macht der Medien nicht überbewerten. Also zum Beispiel Christian Rainers Leitartikel zu den Minaretten, der zu 95 Prozent ganz harmlos war (profil 50/2009, Anm.). Nur am Schluss fordert er, man solle die Kreuze abschaffen und mehr Minarette in Österreich bauen. Da ist ihm schon der Pegasus durchgegangen, aber es war eine gezielte Überspitzung. Und selbst wenn er es tatsächlich so gemeint hat – ich misch’ mich nicht ein. Das hat auch einen der Leitartikler der Krone gewundert, dass der Hauptgesellschafter des profil für den Stephansdom Spenden sammeln geht und der Herausgeber schreibt, schafft die Kreuze ab. So what? Ich werde Christian Rainer nicht dahingehend missionieren, dass er wöchentlich zur Beichte geht, aber er soll einen Journalismus betreiben, den er mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Punkt.

HORIZONT: Welche Medienbeteiligungen machen Ihnen derzeit Freude?

Konrad (lacht): Grundsätzlich habe ich alle Kinder gleich gerne, wie ein ordentlicher Vater. Manchmal brauchen die schwierigeren Kinder besondere Liebe. Das ist gegenwärtig sicher die Epamedia. Ich habe erst unlängst gesagt: Die Monika Lindner ist unsere Trümmerfrau. Das ist aber bitte als Ehrentitel zu verstehen. Sie räumt uns dort wirklich die Trümmer auf, wobei die schwierige Situation der Epamedia zwei Aspekte hat: Einerseits die Situation am Markt generell und zweitens die großen Probleme, die sie im Unternehmen vorgefunden hat, vor allem in Ungarn. Sie hat diese Aufgabe mit großem Einsatz und viel Herzblut übernommen, wobei ich nicht sagen würde, dass es ihr Spaß macht. Dass sie sich das antut, ist bewundernswert.

HORIZONT: Es wird erwartet, dass sich die Epamedia von ihren Auslandsbeteiligungen trennt …

Konrad: Es ist klar, dass es in so einer Situation keine Tabus gibt. Auf der anderen Seite liegt der Eigentümer – also Raiffeisen – ja nicht flach am Boden. Wir sind schon in der Lage, dieses Unternehmen in einer schwierigen Situ­ation zu halten und durchzutragen. Es ist nicht in Stein gemeißelt, dass alles so bleiben muss, wie es jetzt ist – aber wir haben sicher keine Not- oder Panikverkäufe notwendig. Dazu kommt, dass die Epamedia in Ländern präsent ist, in denen auch Raiffeisen stark verankert ist – egal ob über die Banken, die Versicherungen oder die Baufirmen bis zur Agrana. Da gibt es genug Verwandte, die nicht nur Kunden sind, sondern auch Beziehungen in den jeweiligen Ländern haben.

HORiZONT: Immer wieder wird Raiffeisen wegen ihrer zahlreichen Medienbeteiligungen unter Beschuss genommen – etwa von der Kronen Zeitung oder der FPÖ. Was sagen Sie dazu?

Konrad: Nichts. Das halte ich leicht aus.

HORIZONT: Dennoch: Welche Zielsetzungen verbindet Raiffeisen mit diesen Medienbeteiligungen? Rein strategische oder ideologische Interessen oder schlichte Finanz-Investments?

Konrad: Es stimmt: Medienbeteiligungen sind keines unserer ursprünglichen Kerngeschäfte. Es begann mit einer 25-Prozent-Beteiligung am Kurier und ist seitdem gewachsen. Meine Intention war immer die einer finanziellen Beteiligung, die sich auch rechnen soll. In den vergangenen dreißig Jahren hat sich das auch gut gerechnet. So gut, dass wir selbst jetzt, wo die Ergebnisse aus der Mediaprint zurückgegangen sind, noch kein großes Problem haben. Wir haben ja andere Medienbeteiligungen auch – etwa den News-Verlag, der auch 2009 ein tolles Jahr hingelegt hat. Also wir haben grundsätzlich nach wie vor Freude mit unseren Medienbeteiligungen.

HORIZONT: Aber?

Konrad: Womit wir weniger Freude haben, ist, wenn uns unterstellt wird, dass der Hameseder, der Rothensteiner oder der Konrad für einzelne Artikel in den Medien verantwortlich seien. Auf der einen Seite wird uns oft vorgeworfen, wir kümmern uns zu wenig, was da drinnen steht, und dann wieder heißt es, alles wird von uns gesteuert. Beides ist nicht wahr. Wir haben den Kurier nicht, um ihn zu schreiben, sondern um ihn zu besitzen und um ihn zu halten – das habe ich schon oft gesagt.

HORIZONT: Ihre Medienbeteiligungen lassen sich doch sicher nicht auf ein Finanz-Investment reduzieren. Ein bisschen strategisches Kalkül ist wohl dabei.

Konrad: Natürlich ist das auch ein strategisches Investment.

HORIZONT: Und ein ideologisches?

Konrad: Nein, überhaupt nicht.

HORIZONT: Einer der Gründe, warum Raiffeisen beziehungsweise ihr mediales Engagement als Bedrohung wahrgenommen wird, sind Mutmaßungen, Sie wären nach einer Teilprivatisierung des ORF an den Filetstücken wie ORF?1 oder Ö3 interessiert. Was ist wirklich dran?

Konrad: Ein für alle Mal und für alle Zukunft: Da war nie was dran. Und ich gehe auch davon aus, dass niemand ernsthaft daran denkt, den ORF zu teilen.

HORIZONT: Derzeit ist ein neues ORF-Gesetz in der Pipeline. Haben Sie einen Zustand dazu?

Konrad: Nein, habe ich nicht. Wir sind an diesem Unternehmen, wie gesagt, nicht beteiligt.

HORIZONT: Aber an einer seiner Töchter, der ORS – Wann werden Sie dort die Mehrheit übernehmen?

Konrad: Da sitzen wir nicht im Driver-Seat – wenn der ORF kommt und mit uns darüber sprechen möchte, sind wir bereit. Wir stehen zu diesem Unternehmen und sind auch bereit, die unternehmerische Führung zu übernehmen, wenn das gewünscht wird.

HORIZONT: Was halten Sie denn vom neuen ORF-Finanzchef, Richard Grasl?

Konrad: Ich war mit ihm im Gespräch über eine Aufgabe im Kurier. Das zeigt, wie sehr ich ihn schätze.

Interview: Hans-Jörgen Manstein und Sebastian Loudon

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