Klare Werte, parteipolitische Unabhängigkeit
 

Klare Werte, parteipolitische Unabhängigkeit

Rita Newman
Gudula Walterskirchen ist Publizistin und neue Obfrau des Preßvereins in der Diözese St. Pölten und damit Herausgeberin der NÖN und BVZ.
Gudula Walterskirchen ist Publizistin und neue Obfrau des Preßvereins in der Diözese St. Pölten und damit Herausgeberin der NÖN und BVZ.

Erstmals steht mit Gudula Walterskirchen eine Frau an der Spitze der NÖN. Im Interview mit HORIZONT kritisiert die praktizierende Katholikin die Einflussnahme der Politik auf Medien und erläutert ihre neue Rolle als Herausgeberin der Niederösterreichischen Nachrichten.

Die NÖN bespielen mit ihren 28 Regionalausgaben Österreichs größtes Bundesland von Amstetten bis Zwettl und erreichen damit 527.000 Leser (34 Prozent Reichweite im Bundesland) bei einer verbreiteten Auflage von 113.063 Stück (MA 2016; ÖAK 2016).

Erst im Vorjahr wurden nach dem Abschied von Harald Knabl auf Geschäftsführungsebene die Weichen neu gestellt: seit Juni 2016 agieren Friedrich Dungl, sowie Michael Steinwidder, der im November 2016 auf Lydia Gepp folgte, als Geschäftsführer des NÖ Pressehauses. Im Mai wurde auch die Herausgeberschaft neu geregelt.

Der 1874 gegründete „Preßverein in der Diözese St. Pölten“ fungiert als Herausgeber der Niederösterreichischen Nachrichten und der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ). Den Prinzipien des Vereinszwecks ist man bis heute verpflichtet. Mit einer anderen Tradition hingegen hat man nun überraschend gebrochen.

Mit dem Amt der Herausgeberschaft, welches in den vergangenen Jahrzehnten stets Priester innehatten, wurde nach dem Tode von Bischofsvikar Prälat Franz Schrittwieser die Publizistin Gudula Walterskirchen betraut.

HORIZONT: Frau Walterskirchen, Sie sind seit einigen Wochen Herausgeberin der NÖN und der BVZ. Ist ihre Wahl ein Signal der Öffnung, der Veränderung? Sie sind ja die erste Frau in dieser Position …

Gudula Walterskirchen: Ich selbst war von der Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, diese Funktion zu übernehmen, völlig überrascht. Die Entscheidung ist allerdings sehr gut nachvollziehbar, dass es nämlich in schwierigen Zeiten für eine Branche wie diese einen Medienprofi braucht. Aber Herausgeberinnen sind tatsächlich eine Seltenheit. In dieser Hinsicht war der Katholische Pressverein sehr progressiv in seiner Wahl.

Was verbindet Sie mit den Werten der katholischen Kirche?

Ich bin praktizierende Katholikin und fühle mich natürlich den christlichen Grundwerten verbunden. Etwa bei der Frage, inwieweit man bei Kritik an Personen gehen darf, inwieweit die Menschenwürde und persönliche Integrität trotz aller sachlicher Kritik zu wahren ist. All das sind ethische Fragen, bei denen ein klares Wertegerüst sehr hilft.

Sie fordern in Ihren Kommentaren „wirklich unabhängige und von keiner Partei beeinflusste Medien, die ohne Rücksicht auf parteipolitische Interessen berichten“. Hat Österreich hier wirklich Nachhol- und Handlungsbedarf? 

In manchen Bereichen absolut. Denken wir etwa an den ORF, wo die Kollegen tagtäglich gegen parteipolitische Einflussnahme kämpfen müssen. Wo ORF-Landesintendanten den Sanktus des jeweiligen Landeshauptmanns brauchen. Oder an Medien, die von Parteien mittels Inseraten geködert oder gar gekauft werden, um gefällige Berichte abzusondern. Und es ist nicht ungewöhnlich, dass Parteien Medien mittels Entzug von Inseraten bestrafen oder dieses unverhohlen androhen, wenn sie in ihren Augen zu kritisch berichten. Das alles ist einer reifen Demokratie unwürdig.

Sie gelten als Publizistin mit klaren Standpunkten und wollen Ihre Tätigkeit aktiv anlegen. Wie konkret werden Sie sich einbringen? Was haben Sie mit den NÖN vor?

Meine Hauptaufgabe als Herausgeberin ist, auf die Blattlinie zu achten, dafür bin ich gewählt und das entspricht auch meiner tiefen persönlichen Überzeugung. Der eine Eckpfeiler ist die christliche Grundhaltung, wie ich sie bereits beschrieben habe, und der andere die parteipolitische Unabhängigkeit. Zusätzlich verstehe ich mich, da ich aus der Branche komme, als Coach der Redaktion, um die Qualität der Berichterstattung noch zu verbessern. Einerseits wollen wir die wichtigen aktuellen Themen besetzen, selbst Themen setzen und Themen, die das Land bewegen, vertiefen. 

Ein Asset der NÖN ist der Fokus auf Regionalität. Der Mantel, die Regionalausgaben, umfasst oft mehr als 90 Seiten, die überregionale NÖN-Landeszeitung im Kern kommt auf gut 40 Seiten. Wollen Sie diese Struktur beibehalten?

Diese starke Regionalität ist tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal, das sind starke Wurzeln. Natürlich ist das sehr aufwendig, personell und finanziell, aber bisher klappte das sehr gut und die NÖN können ja auf eine sehr lange Tradition und Erfahrung zurückblicken. 

[Marko Locatin]
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