"Klare Schritte sind ausgeblieben"
 

"Klare Schritte sind ausgeblieben"

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Leiter der ORF-Arbeitsgruppe Standort: „Man kann über keinen Antragsentwurf und Vorschlag reden, wenn die inhaltliche Unterfütterung fehlt."

Die Arbeitsgruppe Standort im ORF-Stiftungsrat hat am Montagabend ihre Arbeit niedergelegt und für Aufsehen gesorgt. Der Grund: Man könne mit den von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz vorgelegten Zahlen nicht arbeiten. Der Leiter der Arbeitsgruppe, der Grüne Stiftungsrat Wilfried Embacher, kritisiert im Interview mit HORIZONT online das Fehlen eines Gesamtkonzepts und hofft, dass der "Warnschuss" ernst genommen wird:

HORIZONT online: Die Arbeitsgruppe Standort hat am Montagabend ihre Arbeit demonstrativ eingestellt. Eine Protestnote an den Generaldirektor?

Wilfried Embacher: „Protestnote würde ich nicht sagen, sondern eher die Absicht, auf das bisher Geschehene konstruktiv zu reagieren. Es hat in gezählten fünf Sitzungen den Versuch gegeben, die Entscheidung voranzutreiben und wir haben ersucht, für unsere April und Juni-Sitzungen entsprechende Entscheidungsgrundlagen zu bekommen. Unsere Idee war es, eine Vorlage für einen Antrag an den Stiftungsrat zu bekommen, diesen anzusehen und uns dazu gegenüber dem Stiftungsrat zu äußern.“

HORIZONT online: Die Arbeitsgruppe hat auch immer wieder eine klare Präferenz vom Generaldirektor eingefordert. Was hat er dahingehend in der Vergangenheit vorgelegt?

Embacher: „Klare Schritte sind ausgeblieben. Es gab lediglich vorsichtig ausgedrückte Präferenzen.“

HORIZONT online: In der Aussendung vom Montagabend schreibt die Arbeitsgruppe davon, man habe der Präferenz von Wrabetz für St. Marx mehrheitlich nicht folgen können. Also gab er doch eine Willensbekundung ab?

Embacher: „Ihm wurde von der Arbeitsgruppe die Frage gestellt, ob er einen Antrag im Stiftungsrat stellen wird und wie er aussieht. Die Antwort lautete ‚Ja‘ und ‚Für den Neubau in St. Marx‘. Diese Absichtserklärung war der Arbeitsgruppe aber zuwenig, weil die Entscheidungsgrundlagen nicht geliefert wurden.“

HORIZONT online: Das heißt, das oft genannte Konzept „ORF 2020“ fehlt weiterhin.

Embacher: „Man kann über keinen Antragsentwurf und Vorschlag reden, wenn die inhaltliche Unterfütterung fehlt. Aus derzeitigem Stand haben wir die nicht. Gleichzeitig hat der Generaldirektor erneut erklärt, er werde die Standortfrage nur mit einer breiten Mehrheit im Stiftungsrat entscheiden. Warum hier nicht mehr Vorarbeit geleistet wurde, verstehe ich persönlich nicht. Schließlich waren die Fronten schon im Vorfeld klar. Die Vision hat sich lediglich reduziert auf Studiokonzept, Technikkonzept und trimedialen Newsroom.“

HORIZONT online: Wrabetz hat drei Berechnungsvarianten vorgelegt, zweimal auf Basis der Jahresergebnisse, einmal auf Basis des Cashflows. Eine Beratungsagentur wurde hinzugezogen. Es ist schwer vorstellbar, dass der Stiftungsrat nicht genug Zahlen hat.

Embacher: „Es fehlt das Gesamtkonzept. Bei den Zahlen gibt es möglicherweise eine Verwirrung, die aufklärbar ist. Tatsache ist auch, dass die Zahlen sich insofern relativiert haben, als viele Unsicherheitsfaktoren drinnen sind. Grundsätzlich sind die Berechnungen ja solide gemacht und es hat sich bei den Sitzungen auch gezeigt, dass das Know-how da ist. Offen ist für mich die Frage, ob es am Zusammenführen von Ergebnissen scheitert oder der Wille fehlt, sich für das Projekt zu begeistern.“

HORIZONT online: Ist das Projekt Standort aus ihrer Sicht gestorben?

Embacher: "Das Projekt Standort kann gar nicht gestorben sein, weil man die Frage lösen muss. Daher verstehe ich auch jene nicht, die da jetzt jubeln. Ob das jetzt von Wrabetz als Warnschuss betrachtet wird, wage ich nicht zu beurteilen. Zu wünschen wäre es jedenfalls."

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