"Keiner hätte das alleine gekonnt"
 

"Keiner hätte das alleine gekonnt"

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Marcus Ammon, Senior Vice President Film und Entertainment Sky Deutschland, verantwortet Film- und Seriensender und verhandelt entsprechende Deals.
Marcus Ammon, Senior Vice President Film und Entertainment Sky Deutschland, verantwortet Film- und Seriensender und verhandelt entsprechende Deals.

Sky-Deutschland-Filmchef Marcus Ammon über ungewöhnliche Kooperationen für die Serie "Babylon Berlin" und warum der Sender nun auch auf eigenproduzierte Inhalte mit regionalem Österreichbezug setzt.

Dieses Interview erschien zuerst in der Print-Ausgabe des HORIZONT, Nummer 41. Abo-Leser sind früher informiert. Noch kein Abo? Hier klicken!

Horizont: Sie haben im November gemeint, dass „Babylon Berlin“ Fernsehgeschichte schreiben wird. Jetzt ist die Serie abgedreht und feiert Premiere: Woher kommt die Sicherheit, dass dem so sein wird?

Marcus Ammon: (lacht) Damals habe ich den Mund ziemlich voll genommen zu einem Zeitpunkt, als ich nur die Drehbücher, die Regisseure und Produzenten sowie die ersten Muster kannte. Ich wusste also, dass wir hier auf allerhöchstem Niveau produzieren. Alle Partner, neben uns X Filme, ARD Degeto, das Erste und Beta Film waren stets von dem Gedanken getragen, etwas noch nie Dagewesenes – und das auch noch in deutscher Sprache – herzustellen. Jetzt, nachdem ich die fertige Serie mehrmals gesehen habe, ist klar: Ich würde das genauso wieder sagen.

Was unterscheidet die Serie von anderen?

Man könnte jetzt mit vielen Superlativen antworten: „Babylon Berlin“ bietet ein erzählerisches und visuelles Niveau, wie es sonst nur wenige Kinofilme schaffen und wie es in Deutschland und Österreich einmalig ist. Vielschichtige Storylines, cinematographische Umsetzung, ambivalente Charaktere und das Who’s Who der besten Schauspieler machen „Babylon Berlin“ zu einer Serie, die weltweit in die allererste Liga gehört.

Die Serie ist mit kolportierten 40 Millionen Euro auch eine der teuersten der deutschen Fernsehgeschichte. Wie soll die Refinanzierung aussehen?

Den Produktionspartnern liegen völlig unterschiedliche Geschäftsmodelle zugrunde und somit setzen sie auf verschiedene Modelle der Refinanzierung. Unser Ziel ist es, mit „Babylon Berlin“ als Produzent hochwertiger fiktionaler Serien wahrgenommen zu werden sowie neue und bestehende Kunden für unser Portfolio zu begeistern.

Und wie sieht die Aufteilung der Produktionskosten aus?

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns darauf geeinigt haben, über das Finanzierungsmodell nicht öffentlich zu sprechen.

Die Herangehensweise, dass ein Pay TV-Sender mit einem öffentlich-rechtlichen Sender und anderen Partnern gemeinsam produziert, ist ungewöhnlich. Werden Sie dieses Modell künftig forcieren?

Lange Zeit haben wir fast neidisch nach Skandinavien, Frankreich oder England geblickt, wo auf höchstem Niveau und international erfolgreich Serien produziert wurden – Deutschland hatte hier noch Nachholbedarf. Der Ruf nach einer lokalen „High Concept Series“ war groß. Dabei haben wir festgestellt: Um auf Weltniveau produzieren zu können, muss man Kräfte bündeln. Keiner der Partner hätte das alleine gekonnt. Insofern ja, das ist ein Modell, das ich für innovativ und zeitgemäß halte.

Funktionieren Serien im Pay-TV denn genau so wie im Free-TV – oder haben Sie inhaltlich einen Kompromiss finden müssen?

Wir stellen uns immer die Frage, wie wir uns von dem, was es im Free TV bereits gibt, differenzieren können: kontroverser erzählen, expliziter darstellen, frecher besetzen, politisch unkorrekter sein, Grenzen überschreiten. Nun haben wir uns mit der ARD zusammengetan, die üblicherweise für ein anderes Publikum andere Wege geht. Bei „Babylon Berlin“ funktioniert die Zusammenarbeit dennoch hervorragend, weil alle Partner gewohnte Bahnen verlassen haben, immer von der Idee besessen, etwas außergewöhnlich Großes herzustellen.

Sie haben zu Beginn dieses Jahres gesagt, dass Ihnen derzeit enorm viel an Serienstoff angeboten wird. Was davon werden Sie denn künftig auch eigenproduzieren?

Unsere Herausforderung besteht darin zu erkennen, welcher Stoff Potenzial hat und was zur DNA unseres Angebots und auch unserer Kunden passt. „Babylon Berlin“ wird kein Strohfeuer sein, das man einmalig zündet, um dann abzuwarten, was passiert. Wir werden strategisch fokussiert, inhaltlich konsequent und langfristig Eigenproduktionen anbieten.

Welche werden folgen?

Ausnahmeregisseur Andreas Prochaska dreht für Bavaria Fiction, Sonar Entertainment und uns in Prag momentan die achtteilige Serie „Das Boot“, basierend auf Wolfgang Petersens Erfolgsfilm, unter anderem mit Robert Stadlober an Bord. In Berlin filmen wir gemeinsam mit NeueSuper gerade „Acht Tage“ mit Stefan Ruzowitzky hinter der Kamera: Acht Tage bleiben, bis ein Asteroid weite Teile Westeuropas zerstören wird – wie würden Sie mit solch einer Situation umgehen? Und dann drehen wir ab Ende des Jahres gemeinsam mit Wiedemann & Berg „Der Pass“ im bayrisch-österreichischen Grenzgebiet mit Ermittlern aus beiden Ländern – angelehnt an die schwedisch/ dänische „Brücke“, allerdings beziehen wir uns stark auf Traditionen und Brauchtümer aus dieser Gegend.

Aus allen vier Produktionen höre ich inhaltlich eine starke regionale Verankerung heraus. Ist das bewusst oder Zufall?

Gemeinsam mit unseren Partnern bei Sky UK und Sky Italia produzieren wir auf internationaler Ebene, beispielsweise „Gomorrha“, „Britannia“ oder „The Young Pope“. Daneben präsentieren wir aus Deutschland heraus Stoffe, die noch direkter als Sky-Produktionen wahrgenommen werden, da sie unter anderem nicht synchronisiert werden müssen. Wir glauben an das Talent deutscher und österreichischer Filmemacher und auch in der Vermarktung lässt sich eine lokale Geschichte noch glaubwürdiger darstellen. Nicht zuletzt deshalb fokussieren wir bei Eigenproduktionen stark auf deutschsprachige Geschichten.

Inwiefern soll das auch eine Abgrenzung zu immer stärker in den Markt drängenden Konkurrenten wie Netflix oder Amazon sein?

Amazon hat mit „You Are Wanted“ bereits die erste deutsche Eigenproduktion veröffentlicht. Von Netflix kommt in Kürze die deutsche Serie „Dark“ – ich bin gespannt und freue mich darauf. Alle Anbieter werden und müssen einen Weg finden, sich von anderen abzugrenzen um das eigene Publikum bestmöglich zu bedienen. Dabei möchte ich nicht ausschließen, dass wir ein Projekt umsetzen, das von anderen abgelehnt wurde und umgekehrt. Wenn andere Pay-Anbieter eigene Inhalte produzieren, so finde ich das gut, weil es grundsätzlich die Aufmerksamkeit auf Bezahlinhalte lenkt und den Zuschauer im Hinblick auf seine Zahlungsbereitschaft für besondere – oft sogar bessere – Inhalte sensibilisiert.
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