"Journalistische Aufbruchsstimmung" durch Ibi...
 

"Journalistische Aufbruchsstimmung" durch Ibiza-Skandal

Kathpress / Henning Klingen
Helmut Brandstätter ("Kurier"), Rubina Möhring (Reporter ohne Grenzen), Rudolf Mitlöhner ("Die Furche"), Paul Wuthe (Kathpress)
Helmut Brandstätter ("Kurier"), Rubina Möhring (Reporter ohne Grenzen), Rudolf Mitlöhner ("Die Furche"), Paul Wuthe (Kathpress)

Eine journalistische "Aufbruchsstimmung" in Folge der Veröffentlichung des Ibiza-Video haben Journalisten und Medienschaffende in Österreich bei einer Podiumsdiskussion am Wochenende konstatiert. Nun bestehe die Chance für seriösen Journalismus, sich aus den Fängen der "Message Control" durch die Regierung zu befreien und Einschüchterungsversuche seitens der Politik mutig abzuwehren, so "Kurier"-Herausgeber Helmut Brandstätter.

"Wir fürchten uns nicht mehr!", erklärte Brandstetter bei der Diskussion zum Thema "Die Rolle der Medien für die Demokratie", die im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" im Wiener Club Stephansplatz 4 stattfand. Mit Brandstätter diskutierten die Präsidentin von "Reporter ohne Grenzen" (ROG), Rubina Möhring, und Furche-Chefredakteur Rudolf Mitlöhner. Moderiert wurde die Veranstaltung von "Kathpress"-Chefredakteur Paul Wuthe. Brandstetter erklärte, er habe in seinem gesamten Berufsleben eine derartige Politik der Einschüchterung von Journalisten. und den Versuch seitens der Regierung, Kommunikation zu kontrollieren, noch nicht erlebt.

Es sei immer schwerer, als Journalist zu bestehen, so Brandstetter. Das führte er auf verschwimmende Grenzen zwischen PR, Social Media und Journalismus sowie den enorm gestiegenen Druck in der Branche zurück. Umso mehr liege es an Leitungspersonal und Chefredaktionen, sich bei wachsenden Begehrlichkeiten seitens der Politik oder direkter, unverfrorener Drohkulisse schützend vor die Journalisten zu stellen. Von der Politik forderte Brandstetter ein effizientes Informationsfreiheitsgesetz und eine Neuordnung und Erhöhung der Medienförderung.

Warnung vor journalistischer "Überlegenheitspose"

Mitlöhner sah auch bei Branchenkollegen Grund zu Kritik: Es brauche eine Rückbesinnung auf das journalistische Ethos und eine "selbstkritische Absage an jede Form moralischer Überlegenheitspose". "Unsere Branche neigt zum Selbstreferentiellen: Wir klopfen uns gegenseitig auf die Schultern und suchen wechselseitige Bestätigung". Die aktuelle Situation böte nun - vor dem Hintergrund des "dramatischen Wandels" in der Medienbranche - die Chance, sich wieder stärker auf das eigentliche Geschäft zu konzentrieren.

Als Wochenzeitungsjournalist verwies Mitlöhner weiters darauf, dass Journalismus und auch die Demokratie in gleicher Weise auf "Phasen der Reflexion" angewiesen seien. Auch wenn es in einer enorm beschleunigten Medienlandschaft "utopisch ist, zu sagen 'Runter vom Gas'", so brauche es doch Orte und Räume wie etwa Wochenzeitungen, die sich dieser Geschwindigkeit bewusst entzögen, um grundsätzlicher an die Themen heranzugehen. Die Berichterstattungen rund um die "Ibiza-Gate"-Affäre erachtete Mitlöhner dennoch als "Sternstunde des Journalismus", da "alle mehr gelesen, gesurft und Medien konsumiert haben".

Einigkeit unter Journalisten gefordert

Möhring rief anhand zahlreicher Beispiele in Erinnerung, wie sehr sich die Situation der Pressefreiheit in Österreich seit Beginn der ÖVP-FPÖ-Regierung verschlechtert habe. Das Abrutschen Österreichs von Platz 11 auf Platz 16 des internationalen Pressefreiheits-Rankings zeige, "dass hierzulande manches nicht in Ordnung ist". Journalisten würden bedroht oder der Lüge bezichtigt und denunziert - dies habe dazu geführt, dass sich "die Atmosphäre verändert" habe und es schwieriger werde für Journalisten, "Rückgrat zu zeigen". Nun jedoch sei es mit dem Ende der Koalition auch an der Zeit, dass Journalisten medienübergreifend Solidarität zeigten und der Politik stärker aufzeigten, "dass es so nicht weitergehen kann", so Möhring.

Als beunruhigend bezeichnete Möhring einen prinzipiellen Bedeutungswandel der Medien - weg von der "vierten Gewalt" im Land hin zu einer "bloßen Handelsware", in der Posten und Funktionen nicht nach professionellen Kriterien sondern nach persönlicher Nähe oder Parteibuch vergeben würden. Ein mögliches Gegenmittel könnte eine forcierte Medienbildung in den Schulen sein, so Möhring - nicht im Hinblick auf die technische Handhabung von Medien, sondern auf den Umgang mit medialen Inhalten. Nur so würden mündige Bürger entstehen, die sich später auch kritisch der Medien bedienen könnten.

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