,Journalismus mehr denn je gefordert‘
 

,Journalismus mehr denn je gefordert‘

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Eröffnungsrede der 20. Österreichischen Medientage von Initiator Hans-Jörgen Manstein:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Doktor Stoiber, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Medientage!

Guten Morgen! Ob er wirklich gut wird – ich hab’ da meine Zweifel. Das Generalthema ist mir dafür zu groß und zu ernst. „Medien, Politik, Demokratie – ein Widerspruch?“ Allein, dass diese Frage – und auch noch dazu ohne irgendeinen Einwand – einer solchen Veranstaltung die Richtung vorgeben darf, ist an und für sich schon bedenklich.

Wir erleben einen erschreckenden Rückzug der Politik aus dem Politischen und eine Einmischung der Politik in den Alltag, in das Kleinliche, Bürokratische. Amateurmanagement. Wir haben in den vergangenen Tagen die Wahlen zum Deutschen Bundestag erlebt, und einen erschütternd inhaltsleeren Wahlkampf, wenn man von Wahlkampf überhaupt sprechen kann. Was in Erinnerung bleibt, ist die Bernsteinkette der Kanzlerin, der Stinkefinger des Herrn Steinbrück und die Pädophilie-Debatte der Grünen. Und vielleicht Herr Raab. Ansonsten, wie Schröder einmal sagte: „Nichts als Gedöns.“

Vierte Gewalt versus Zielgruppen

Theoretisch ist es so, dass die Medien die Demokratie sichern könnten, dass Politik per se nicht notwendigerweise demokratisch ist, sondern, dass sie von den Medien dazu gezwungen werden könnte … aber, sehr geehrte Damen und Herren, Sie merken es schon: Hier sind zwei Konjunktive zu viel!

Um diese beiden Möglichkeitsformen zu verstehen, ist es notwendig, das Bild, das die Medienmacher von sich selber haben, mit dem zu konfrontieren, was die Öffentlichkeit eigentlich erwartet.

Da haben wir auf der einen (der Medien-) Seite die hehre Selbstwahrnehmung als sogenannte „Watchdogs“ oder auch (noch hehrer) als die „vierte Gewalt“.

Auf der anderen Seite haben wir Zielgruppen, ich behaupte jetzt einmal, das ist die Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher, denen es zunehmend egal ist, was die Medien so treiben. Warum ist das so? Lassen Sie mich das anhand eines auffälligen Beispiels, das durchaus als ein Partikel das große Ganze repräsentiert, veranschaulichen.

Vor Kurzem deckte das Magazin News einen Parteispendenfall auf. Der Konter des Konkurrenten profil (noch dazu zwei Tage später) war dieselbe Geschichte. Unter dem Hinweis: „Ätsch, wir haben das auch schon ein paar Wochen früher geschrieben.“

Das, mit Verlaub, interessiert draußen in Kiosken niemanden. Das ist, wiederum mit Verlaub, ein Paradebeispiel für das heutige Verständnis der Medienmacher: Journalisten produzieren Geschichten für Journalisten. Damit gewinnt man vielleicht Preise in Gremien, in denen Journalisten andere Journalisten beurteilen. Das war’s dann aber auch schon. Watchdog oder vierte Gewalt ist man so nicht. Höchstens langweilig. L’art pour l’art kann man das umschreiben, wenn man höflich bleiben will.

Die Medien von heute produzieren – zumindest in dieser Hinsicht – am Markt vorbei. Sie scheitern an ihrer vornehmsten Aufgabe grandios. Insbesondere, wenn gerade keine Amtsträger, Rechtsanwälte und ähnliche Personen mehr da sind, die das machen, was in der Branche „Papierln verteilen“ heißt. Unter teils fragwürdigen Umständen, wenn Sie die Anmerkung auch noch gestatten.

Zum Zweiten wird durch den selbstverliebten Hype um diese Aktenabschreibungsberichterstattung gerade eine ganze zukünftige Journalistengeneration vernichtet.

Weil es nämlich keine Kunst ist, aus Akten zu zitieren, verlernt die Generation, die jetzt die Medien gestaltet, ihr Handwerk. Journalistische Werkzeuge braucht der, der die Papierln aufstellt, nämlich nicht. Oder zumindest nur kaum. Was nicht in den Akten steht, kann man durch den Generalverdacht auffüllen.

Die Schuld der Mediaagenturen

Wobei diese Situation, das muss, um der Wahrheit die Ehre zu geben, einmal gesagt sein, nicht nur dem durchaus vorhandenen Kostendruck, mit dem sich die zuständigen Organe auseinandersetzen müssen, zu verdanken ist, nein: Schuld sind vor allem, neben der globalen wirtschaftlichen Situation, die Mediaagenturen, die oft nach eigenem Gutdünken schalten und walten, nicht immer den Vorteil des Kunden vor Augen habend.

Durch diese Faktoren entsteht eine Lücke, die sich so schnell nicht mehr schließen wird. Und wir sehen die Auswirkungen schon jetzt: Medien – und beileibe nicht nur die sogenannten „Krawallzeitungen“, wie sie von Herrn Rauscher so gerne bezeichnet werden – erfinden teilweise Geschichten, wenn es ihnen nicht gelingt, zu Fakten zu kommen. Wenn zum Beispiel ein Papierl-Verteiler gerade auf Urlaub ist.

„Wir gehen einfach einmal davon aus, dass es so ist“, hört man immer wieder, wenn man einzelne Journalisten auf die sogenannten Tatsachen anspricht.

Demokratie sichernde Medien sehen, sehr geehrte Damen und Herren, doch wohl ein wenig anders aus. Erstes Fazit: Die Medien, wie wir sie heute kennen, sichern die Demokratie nicht oder zumindest nicht wirklich. Zweites Fazit: Wenn diese Medien, etwa wie die Dinosaurier, von heute auf morgen von der Bildfläche verschwinden würden, was würde dann passieren?

1. Wir könnten keine Medientage mehr abhalten. Das wäre schlimm!

2. Es gäbe eine erkleckliche Anzahl von Arbeitslosen. Das wäre noch schlimmer!

3. Hätten wir aber weniger Demokratie?

No, ich glaube nicht!

Ich möchte deshalb wieder zum Thema zurückkehren: Politik und Medien. Was erleben wir de facto? Was sollten wir und was sollen die Medien in Zukunft machen?

Wir erleben in der Tat eine Situation der Medien, die kritischer noch nie war, wobei ich ein Anhänger der griechischen Krisis-Theorie bin, wonach die Krise der erste Schritt der Heilung und der Änderung ist. In dem Sinn bin ich, was die Medien und ihre Aufgaben betrifft, hoffnungsvoll und zuversichtlich. Aber: Wir brauchen gute, engagierte Medien. Ohne Medien gibt es keine Demokratie und ohne Demokratie kann auch Politik nicht gefordert werden. Politik, wie wir sie heute erleben, ist ja nicht per se demokratisch.

„Wir erleben eine Raserei des Stillstandes“, um mit dem französischen Soziologen Paul Virilio zu sprechen. Wir erleben eine erstaunliche Degenerierung der politischen Kultur und der Intellektualität in der Auseinandersetzung.

Daran haben die Medien mit Schuld. Wir erleben in wenigen Tagen die Wahlen zum Österreichischen Nationalrat. Ich möchte keine Prognosen stellen, sondern konstatieren, dass auch die Wahlauseinandersetzungen bislang nicht gerade von demokratischer Kultur und hohem Niveau geprägt waren. Daran sind auch nicht die Medien schuld, auch wenn sie ein erbärmlicher Spiegel des intellektuellen Niveaus sind, das wir derzeit in Österreich erleben.

Bildungspolitik kommt zwar in den Worten vor, Unbildung aber hat den Primat. Auch daran sind nicht die Medien schuld. Und schon gar nicht die Leser, die es nicht gibt, weil die Schulpolitik versagt hat, sodass die Kulturtechniken nicht mehr flächendeckend beherrscht werden. Ich meine simpel: Lesen, Schreiben, Rechnen, Miteinander-Kommunizieren. Das alles ist keine apokalyptische Vision, die ich Ihnen vorlege, sondern knochentrockene Realität.

Keine geschützten Werkstätten

Die Zeitungen, und ich sage Zeitungen und meine den gesamten Medienbereich, sind an einem schuld: Sie haben sich in eine Larmoyanz verflüchtigt und fühlen sich offensichtlich wohl in einem Beklagungspaternalismus, den sie erwarten. Medien sind keine geschützten Werkstätten.

Nicht die Medien sind es, die von der Politik etwas zu erwarten haben, gleichgültig, ob Subventionen, Inserate, Presseförderungen und Sonstiges: Sondern die Medien sind es, von denen die Politik gefordert sein müsste.

Gute Medien brauchen keine Unterstützung, und vor allem keine Almosen. Die Medien brauchen mündige, kritische, neugierige, interessierte Bürger, sprich Leser. Damit es diese kritischen, engagierten, mündigen Bürger gibt, braucht es eine lebendige, bürgernahe und interessierte Politik. Es ist nicht Aufgabe der Medien, den Menschen das Lesen beizubringen, das Rezipieren zu lehren, das ist Aufgabe der Politik.

Aufgabe der Medien ist es, denjenigen, die lesen, rezipieren, wahrnehmen können, permanenten Auseinandersetzungsstoff und Diskurs zu bieten.

Zuerst aber hat Politik ihre Aufgaben zu machen: Bildungs-, Sozial-, Medienpolitik und nicht Politik mit den Medien, wo sie vermeintliche Macht ausspielen und so tun, als seien die Medien von ihren Gnaden abhängig, als hänge der ORF an ihrem Budgettropf, die Zeitungen an der Presseförderung, die Filmwirtschaft an der Filmförderung und die Kreativwirtschaft an den wenigen Subventionen, die jenseits der Massenspektakel wie Salzburger Festspiele und Ähnlichem gerade noch abfallen. Es sind Brosamen, elendigliche Brosamen. Eine Politik, die ihr Verständnis als Manager des Alltags hat, eine derartige Politik hat nicht begriffen, wozu sie da ist. Eine Politik, die nicht mehr weiß, was Gewaltentrennung ist, die das Parlament missachtet, zwischen Legislative und Exekutive nicht mehr unterscheiden kann, eine Politik, die so tut, als sei sie Manager, Architekt und Baumeister oder Handwerker und nicht Politik, die Rahmen vorgibt: Eine derartige Politik hat abgewirtschaftet und muss sich erneuern.

Aber, wie schon gesagt: Medien haben ihren Primat ihres Seins, den Inhalt, den Geschäftsführern, den Börsenmaklern, den Produktmanagern, den Personalisten und Rationalisten überantwortet. Diese Manager und Personalisten, erfolgsabhängig bezahlt, haben als Erstes an den Ressourcen gesägt, die das Leben von Medien ausmachen: an den Redakteuren und Redaktionen, an den Lehrredaktionen, an den Korrespondenten, an den Rechercheuren und Wissensmanagern, an den Schreibern und Literaten.

Dafür haben sie Brand-Manager eingesetzt, Plattform-Universalisten, Vermarktungsspezialisten, marktkonforme Layoutisten und Sonstiges. Gekommen sind Spielwiesen für ECommerce, für Handels-Brand-Formen, Gebrauchtwagenverscherbelungsästhetiken und dazwischen ein paar Sätze, übernommen aus Agenturen, geschrieben von Teilzeitkräften, die in Indien über die Befindlichkeiten der österreichischen oder nordamerikanischen Lokalpolitik texten.

Wenn Sie glauben, das ist ein Scherz, nein, das ist Realität. Politik hat das Politische abgegeben, Medien das Mediale. Aus diesem Grund ist die Fragestellung unserer Österreichischen Medientage vielleicht falsch, weil es nicht Widerspruch gibt, sondern Belanglosigkeit.

Dennoch habe ich Mut, bin ich optimistisch, weil die Medien gezwungen sind, sich neu zu erfinden, weil sie den Inhalten und den Hintergründen wieder auf die Spur kommen müssen. Weil sie sonst nicht überlebensfähig sind.

Kultur der Auseinandersetzung

Jetzt ist Journalismus mehr denn je gefordert.

Dazu aber bedingt es, dass Journalismus auch geschätzt wird. Und Journalismus kann nur geschätzt werden, wenn es eine demokratische Kultur der Auseinandersetzung gibt, ernsthafte Bildungspolitik und ernsthafte Politik im eigentlichen politischen Sinne. Geld ist genug da.

Das ist die Aufforderung an die Politik, die heute aus Wahlkampfgründen nicht so vertreten ist. Aber das ist die Botschaft an sie. Wenn sie sich nicht repolitisiert, ist die Politik am Ende und wird abgestraft.

Was dann kommt, darüber möchte ich den Mantel des Schweigens breiten. Die Aufgabe der Medientage, hier und heute, wird es sein, den ersten Schritt in diese richtige Richtung zu tun. Und damit die Distanz, etwas zu verkürzen. Und der Politik, die in einer Art Glashaus der geplatzten Träume am wirklichen Leben konsequent vorbeilebt, die nötigen Visionen wieder zu geben.

Und nur dann, sehr geehrter Herr Ministerpräsident und meine Damen und Herren, wird es auch fruchtbar sein, wenn die Medien unser Zusammenleben prägen.

Aude sapere. Mehr habe ich nicht zu sagen.
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