'Journalismus ist Demokratie, Demokratie kein...
 

'Journalismus ist Demokratie, Demokratie kein Luxus'

Johannes Brunnbauer
Der neue Adel heißt Print! vlr: Thomas Kralinger, Hermann Petz, Wolfgang Winter, Georg Weiland, Christian Cohrs, Stefan Häckel, Christian Rainer - Medientage 2017 Tag1 am Erste Campus, am 20.09.2017 | (c) Medientage/Brunnbauer
Der neue Adel heißt Print! vlr: Thomas Kralinger, Hermann Petz, Wolfgang Winter, Georg Weiland, Christian Cohrs, Stefan Häckel, Christian Rainer - Medientage 2017 Tag1 am Erste Campus, am 20.09.2017 | (c) Medientage/Brunnbauer

Hat Print weiterhin eine Zukunft? Kann man das Medium als Adel bezeichnen? Welche Herausforderungen auf die Branche künftig zukommen und welche spannenden Zeiten bevorstehen.

Passend zu diesem Bericht finden Sie auch einen ausführlichen Artikel über Christian Cohrs „Business Punk“ in der aktuellen Ausgabe des HORIZONT – und in wenigen Tagen auch online. Noch kein Abo? Hier klicken!

Unter der Moderation von Georg Wailand, Kronen Zeitung diskutierten Christian Cohrs, Redaktionsleiter Business Punk, Stefan Häckel CEE VICE Österreich, Thomas Kralinger, VÖZ-Präsident, Hermann Petz Geschäftsführer Moser Holding, Christian Rainer, Chefredakteur und Herausgeber profil und Wolfgang Winter, General Manager Red Bull Media House Publishing beim Panel "Der neue Adel heißt Print! Von der Marke zum Medium".

Als Einstieg erinnert Wailand sich, dass vor einigen Jahren für "Print noch eine eindeutige Prognose galt, dass Print vorbei" sei. Heute ist es allerdings so, dass Print "von neuen Möglichkeiten überrollt wird". Es gäbe sehr wohl Printaktivitäten die von Bestand geblieben sind, "die sich aber auch mit dem Umfeld verändert haben, und gerade dadurch erfolgreich geblieben sind", sagt Wailand. Seit kurzem sei Print wieder im Aufstieg begriffen, in dem Markt der digitalen, modernen Informationsmedien, werde plötzlich wieder Ideen wach, wie das hochwertige Reise- und Tourismusmagazin von Airbnb, oder das Modemagazin von Zalando. Große Unternehmen publizieren zusehends Printmagazine. Wichtig ist es zu wissen, laut Wailand, gerade für die Werbewirtschaft, die Leserstruktur, und die politische Leserbildung, "wer sind diese Medien und warum setzen sie sich durch? Welchen Nutzen können sie bieten?"

Print als 'coffee-table Ding'

Christian Cohrs sagt, dass er bisher die "Angst hatte, zum Establishment zu werden", jetzt gehöre er zum Adel. Er könne nur für Business Punk aus dem Hause Gruner+Jahr sprechen, und sagt, dass das Businessmodell sehr klassisch ausgerichtet ist. "2009 ist Business Punk aus einem internen Innovationswettbewerb entstanden, neben Beef und damals Gala Man, das nicht mehr am Markt ist, war es von Anfang an für die männliche Zielgruppe vorgesehen."

Business Punk gibt es mittlerweile im vierten Jahr, mit sechs Ausgaben im Jahr. Hauptsächlich gibt es das Heft, aber auch eine starke Facebook Community, "durch die wir im Endeffekt die eigenen Webseite aufbauten." In der jetzigen Phase sind wir eine Marke, unter der wir zwei Kanäle vereinen, sagt Cohrs zum Geschäftsmodell des Business Punk. Wailand hakt nochmals nach, dass er sich wundere, weil der Business Punk vermehrt das jüngere Publikum anspricht, warum es der Printtitel geschafft hat. Das sei die "Paradoxie hinter dem Business Punk", sagt Wailand.

Stefan Häckel etablierte VICE in Österreich. Das internationale Projekt begreife sich als "einflussreichstes youth millenial Brand", spezifiziert er. VICE wolle dahin, wo "unsere Zielgruppe auch ist, auch über die Grenzen hinweg." VICE wurde 1994 in Montreal Kanada, als "Voice of Montreal" in einem Umfang von 16 Seiten gegründet. Dann, kam 1998 die Übersiedlung nach New York. VICE produziert eigene Inhalte zu 50 bis 60 Prozent.

Bezüglich Geschäftsmodell sagt Häckel: "Wir starten niemals mit einer leeren Webseite oder einem leeren Heft, denn wir haben eine internationale Content-Datenbank, wo unsere Niederlassungen weltweit Content einspielen." Zum Titel des Panels ist zu sagen, "für uns ist Print ein coffee-table Ding für long-reads, denn wir gehen davon aus, dass das Publikum Print zur Hand nimmt, wenn sie Zeit haben". Auch ist "es unser Ziel, unsere Zielgruppe der 19 bis 34-jährigen durch den gesamten Tag zu begleiten" Dabei stellt VICE seiner Zielgruppe eher die "relevantesten Themen zur Verfügung, die in keinem anderen Medium so zu finden sind." Dabei achte man bei VICE auf "unterhaltsame Inhalte."

Für Christian Rainer steht fest: Adel sei Luxus. Adel sei zwar seit 1919 in Österreich abgeschafft, trotzdem sei das Thema noch wichtig, wie beispielsweise in Großbritannien. Aber: "Print braucht niemand mehr, in dem Sinne, dass es nicht mehr überlebensnotwendig ist, Print ist aber zum Luxusgut geworden, und wer will schon auf Luxus verzichten?" Für Rainer steht auch fest, dass am Ende des Tages die "starken Marken überleben werden, weil man diese unbedingt haben möchte. Luxus Print wird so zur Lebensnotwendigkeit." Wolfgang Winter sieht seine Aufgabe als Verleger vorwiegend darin, "die richtigen Produkte für die richtigen Menschen zu finden. Dabei läge ihm die Lesefähigkeit wichtig, weil Zeitungen und Zeitschriften einen wichtigen Beitrag für die Volkswirtschaft leisten. Jedenfalls einen wichtigeren als Katzenvideos." Für Winter steht fest, dass die Branche mehr ins Zentrum gerückt werden sollte. Auch am Beispiel des Red Bull Media House zeigt sich: "Das The Red Bulletin ist mit einer Auflage von 2,1 Millionen in acht Ländern vertreten". Es werde weiterhin gelesen, die Frage dabei sei: "Wie schaffe ich es, mit der Marke zu überzeugen?"

Migranten als neue Zielgruppe

Das Thema Migration und Zuwanderung scheint die Branche auch zu beschäftigen. Gerade weil die "Lesefähigkeit in circa zehn Jahren unser Business einzuschränken droht", sagt Winter. Die Frage sei auch, wie "wir diese Menschen abholen sollten?" Wie schaffe es die Medienbranche diese Zielgruppe mit einem dieser Kanäle zu erreichen? Das wäre die große Aufgabe für die Zukunft, meint Winter, gleichzeitig aber auch eine gesellschaftliche Herausforderung.

Das Geschäftsmodell der Moser Holding, und der regionalen Markenpositionierung mit nationaler Vermarktung scheint aufzugehen. Bei der Tiroler Tageszeitung im Speziellen, sei allerdings nicht die Marke zu einem Medium geworden, sondern das Medium zur Marke. "Vor 27 Jahren habe ich bei der Moser Holding begonnen, und da gab es nur die Tiroler Tageszeitung", erinnert er sich. Dabei ist heute wie einst klar: Die Tiroler Tageszeitung wird über alle Altersschichten gelesen - das Regionalmedium sei eine gute Chance - auch für die Zukunft, und daher sei es "weit weg von einer Luxuserscheinung".

Der VÖZ-Präsident Kralinger konnte sich nicht wirklich mit dem Thema des Panels identifizieren. "Adel mit Print ist eigentlich nicht zielführend", sagt er. Der größte Fehler in der Branche sei, sich "nicht um die Zielgruppe zu kümmern." Kralinger sagt deshalb: "Wir müssen uns mehr darum kümmern, was die Menschen beschäftigt, auf dessen Fragen gute Antworten zu geben". Mit der Krone und dem Kurier habe die Mediaprint zwei "großartige Marken, die vorwiegend als Kommunikationskanäle fungieren." Auch habe man vor kurzem den Fernsehsender Schau TV vom Bohmann Verlag übernommen und versuche vermehrt "Menschen über verschiedene Plattformen, wie Apps, e-Paper et cetera zu erreichen". Speziell bei e-papern sagt Kralinger, dass "das Bedürfnis groß sei Magazine auch digital zu lesen."

Möglichst ohne "Schönfärberei"

Christian Cohrs sieht für das Business-Lifestyle Magazin Business Punk gute Chancen, auch in Zukunft zu punkten, gerade weil "wir eine sehr spitze Zielgruppe bedienen." Auch könne er sich über die hohe Nachfrage nicht beklagen. Für Wailand stellt sich die Frage, ob Wirtschaftsthemen nicht nur seriös sein müssten? Für Cohrs ist das nicht unbedingt der Fall, denn "Wirtschaft kann eben auch spannend sein." Im Vergleich zu anderen Ländern, wie der Schweiz, wo 20 bis 27 Prozent der Werbeeinnahmen zurückgehen und Redaktionen zusammengelegt werden, wie am Beispiel Tamedia ersichtlich, stehe Österreich noch sehr gut da. In Österreich werde nach wie vor mehr "als 50 Prozent in Print investiert, die Frage ist, wie diese Tendenz, die um uns herrscht, nach Österreich kommt und in welcher Form?", fragt er sich.

Auch die Herstellung von Corporate Publishing Produkten sie "so billig wie noch nie. Beispielsweise Airbnb oder BMW produzieren Kundenmagazine in Millionenfacher Auflage." Dabei wurme ihn, dass ein Kanal, wie Print als "adelig benannt wird", weil hier eine "Preistreiberei herrsche, geradezu eine Knechtschaft." In vieler Hinsicht sei auch, sagt Rainer, ist er der Meinung von Häckel. Die Branche solle nicht nur "Dinge schön färben, sondern auch an ein Worst Case Scenario denken, denn auch wir beim profil haben fallende Anzeigenumsätze, wo wir die Abopreise bei gleichbleibender Abonnenten-Zahl erhöhen mussten."

Das zeige, dass bei einer starken Marke auch die Vertriebserlöse so angekurbelt werden können. Auch gelinge es seit vergangenem Jahr dem profil, "die Anzeigenumsätze plötzlich zu steigern. Das liege laut Rainer an Markus Posset, dem Managing Director für profil und trend, aber auch an der starken Marke. Für Winter zähle allerdings wirklich die Frage, "ist es eine gute Geschichte?" Dabei gäbe es einen Kampf zwischen den verschiedenen Mediengattungen, wie TV, Display, Radio und Zeitung. "Da muss sich die Marke stark machen, aus der Vielfalt der Kanäle sollten hochwertige Produkte entstehen, sodass der Leser sagt, toll dafür möchte ich meine Zeit opfern." Das müsse das Ziel sein.

Demokratie ist kein Luxus

Wailand stellt noch die Abschlussfrage in die Runde, wer in Zukunft Medien machen wird - welcher Typ Mitarbeiter und Journalist dies sein wird? Ob es sogar jemand ist, der einen IT-Background hat, oder gar ein Journalist der alten Schule. Christian Cohrs fällt es schwer, eine Prognose dazu abzugeben, aber er merke, dass die "Lust an Inhalten und die Neugier dabei helfe, eine besondere Qualität hervorzubringen." Dies funktioniere mit Quereinsteigern gut, meint er - weil sie einen eigenen Blickwinkel auf bestimmte Geschichten hätten. Für Häckel komme es stark darauf an, wie sich ein Medium "selbst definiert, über pure Reichweitenmaximierung oder eben über Inhalte?" Pure Reichweitenmaximierung, wie "sie Gratismedien praktizieren und reine Werbeflächen-Träger sind können auch automatisiert werden", sagt Häckel. In Sachen Machine Learning werde einiges "auf uns zukommen, insbesondere um Texte zu lesen und zu verarbeiten." Um künftig am Markt zu bestehen, sei eine starke Marke wichtig, um auch zu verifizieren, inwieweit "meine Marke eine Markendehnung verträgt", sagt Häckel.

Auch ist er davon überzeugt, dass "wir in Zukunft großartige Inhalte konsumieren werden; die in Summe aus vielen Teilen" bestehen werden. Es ginge für Rainer auch darum die "alte Schule zu reaktivieren, im Kampf um das Wort Medien" sei das wichtig. Er plädiert dafür, neben all den Begriffen wie Content Marketing und Co., dass "wir uns Journalismus nicht abkaufen lassen." Die Differenzierung des Berufsbildes sei in diesen Zeiten von Social Media wichtig - da sich der Journalist als Gatekeeper versteht. Journalismus sei schließlich Demokratie, und Demokratie dürfe nicht zu Luxus verkommen, meint Rainer.

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