"Jetzt kommt Ainetter"
 

"Jetzt kommt Ainetter"

Erste Ausgabe unter neuem Chef - Eine Blattkritik von HORIZONT online (mit Voting)

Man hat den alten Slogan wieder in den Ohren, wenn man das neue Heft durchblättert: "Jetzt kommt News", will uns der Magazinriese, der diese Woche erstmals mit dem neu bestellten Chefredakteur Wolfgang Ainetter erscheint, offenbar auf jeder Seite sagen. Ein gelungenes Debüt, so der Eindruck nach dem ersten Durchblättern: So kompakt, frisch und trotzdem un-trashig war "News" schon lange nicht mehr.

Artig vorgestellt

Ainetter selbst stellt sich im Editorial auf Seite sieben artig vor: "Themen setzen", "Aufdecken", "Bewegen" und "Überraschen" markieren die Eckpunkte seiner Regentschaft, will man dem kurzen Text glauben. Zumindest in dieser Ausgabe ist der Anspruch verwirklicht: Da macht der Ex-Magna-Boss Siegfried Wolf einen auf Wutbürger und erteilt der gesamten politischen Riege in einem groß und gut inszenierten Gespräch eine Absage, der obligatorische FPÖ-Aufreger ist ebenfalls an Bord, wobei auch hier der Zugang erstaunlich frisch wirkt: Das Heft ist ja unter anderem mit der Skandalisierung von Haider groß geworden, dass man FPÖ-Chef Heinz Christian Strache und Uwe Scheuch vorm Sonnwendfeuer zeigt, darf also als Evergreen gelten. Selbstreferenziell, aber dennoch irgendwie neu.

Preisliste für Promis

Sehr geil (verzeihen Sie den Ausdruck) ist jene Geschichte geraten, in der die heimische B-, C- und D-Promischaft anhand ihrer Preislisten vorgeführt wird. Für 250 Euro kann man bereits Bambi Bruckner als Aufputz für die eigene Party buchen, erfährt man dort. 3.000 Euro sollen es noch vor zwei Jahren gewesen sein. Ein längst fälliges Ranking. Bereits am Cover erfährt man außerdem, dass Lindsey Vonn trotz Schönheit und Erfolg einsam ist. Ein Stoff, der nach Hollywood rufen würde, würde man sie in ihrer Heimat ebenso verehren wie ein Good old Austria.

Apropos Promi: "News" hat einen neuen Engel im Hause Swarovski ausgemacht: Nicht Fiona, nein Julia heißt demnach der neue Funkelkristall aus der Dynastie der superreichen Tiroler Glaserzeuger. Die KHG-Gattin hat sich die Glamour-Hochzeit ihrer Konkurrenz aus dem eigenen Stall erspart, erfährt der geneigte Leser - und wundert sich, wie er auf diese Seite geraten ist. Gelungen aufgemacht also.

Achja: Und der obligatorische Karl-Heinz Grasser-Skandal darf natürlich nicht fehlen: Finanzprobleme, alte Porsches und so weiter - will man das wirklich alles noch wissen? "Graf Ali" Mensdorff-Pouilly ist ebenfalls für ein paar Seiten gut. Das handelnde Personal können sich die politischen Journalisten eben nicht aussuchen.

Hygiene und Advertorial

So hoch die hygienischen Ansprüche an die Politik sowie deren Wirkumfeld auf den vorderen Seiten ist, so wenig hat man offenbar Angst, bei genau dieser anzustreifen, wenn es um bares Inseratengeld geht. Im hinteren Viertel darf der Wiener Wohnbaustadtrat Michael Ludwig, verbrämt mit zweiseitigen Inseraten, von seinen neuen Wohnbauprojekten schwärmen. Ein zart eingefügtes "Advertorial" an irgendeiner Ecke der Seite würde das mulmige Gefühl beim Durchlesen wohl ein wenig vertreiben. Aber irgendwie muss man heutzutage ja sein Geld verdienen, auch als Magazinriese. Und offenbar ist Wien wirklich toll, wie man lesen kann. Auch schön.

Unterm Strich steht ein erfreuliches Fazit: Hut ab, der Ex-"Heute"-Chefredakteur kann eindeutig auch auf größeren Orgeln spielen.

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