Interview: Wegscheider: 'Nur weil man mehr bi...
 
Interview

Wegscheider: 'Nur weil man mehr bietet, bekommt man so einen Bewerb nicht'

Servus
Ferdinand Wegscheider hat gut lachen. Mit ServusTV hat er den ORF bei den TV-Rechten für die EM 2024 und 2028 ausgebootet.
Ferdinand Wegscheider hat gut lachen. Mit ServusTV hat er den ORF bei den TV-Rechten für die EM 2024 und 2028 ausgebootet.

Sportrechte-Coup von ServusTV. Der Salzburger Privatsender im Eigentum von Dietrich Mateschitz holt sich die Übertragungsrechte für die Fußball-Europameisterschaften 2024 und 2028 exklusiv. Was Sender-Intendant Ferdinand Wegscheider dazu sagt, im HORIZONT-Interview.

Branchenkennern zufolge wird ServusTV rund 50 Millionen Euro ins neue Rechtepaket investieren, beinahe das Doppelte von dem, was der ORF bislang für die vergleichbaren Rechte aufbringt. Servus-Intendant Ferdinand Wegscheider selbst will sich zu Zahlen nicht äußern, ihm geht es um anderes ...

HORIZONT: Weil ein Sportthema, die Sportreporterfrage zum Einstieg: Was fühlen Sie nach Abschluss des Rechte-Deals mit der UEFA: Triumph, Stolz, Genugtuung?
Wegscheider: Primär große Freude, weil es durchaus ein Meilenstein ist.

Das größte Investment des Senders bisher ...
Über Zahlen will ich ganz bewusst nicht sprechen. Erstens ist das unsere Philosophie, zweitens vereinbart man das mit den Partnern.

Sie sprechen von einer neuen Ära für ServusTV. Inwiefern?
Eine Europameisterschaftsendrunde ist nochmal etwas anderes als der Fußballalltag. Da geht es uns sicher allen gleich: Bei EM und WM herrscht ein Monat lang Ausnahmezustand. Auch Leute, die sonst keine Fans sind, werden da mitgezogen. Man sitzt in Gastgärten, bei Public Viewings und und und ... Das ist das Sahnehäubchen im Fußball. Das den Österreichern als Privatsender bei zwei Europameisterschaften zu bieten, ist aus meiner Sicht schon der Beginn einer neuen Ära.

Was ist die Strategie dahinter: Wachstum um jeden Preis?
Der Mitbewerb muss sich jetzt rechtfertigen, und jeder will plötzlich einen Preis wissen. Aber es ist nicht so, wie sich das der kleine Maxi vorstellt: dass ein frischg'fangter Sender einen Rucksack Geld auf den Tisch stellt und die Rechte bekommt. Das ist naiv und kündet davon, dass man vom Sportrechtebereich keine Ahnung hat. Nur mit Geld oder weil man mehr bietet, bekommt man so einen Bewerb nicht.

Ihr Sportrechte-Chef David Morgenbesser meinte bei den Österreichischen Medientagen, dass es beim Rechtekauf immer auf das Gesamtpaket ankäme. Wie sieht das im Fall der UEFA-Euro aus?
Genau, es geht immer ums Paket, und wie das Produkt bestmöglich bei den Zuschauern ankommt. Das macht uns schon sehr stolz, dass wir uns als relativ junger Sender international den Ruf erarbeiten konnten, dieses bestmögliche Paket für die Zuschauer anbieten zu können. Ich denke, dass wir das in der Vergangenheit - von der MotoGP bis zuletzt bei der Formel1 - unter Beweis gestellt haben. Und was nützt das beste Marketing, wenn der Inhalt nicht überzeugt?
„Wir schwimmen nicht auf der "Koste es, was es wolle"-Welle“

Die Frage nach einer Refinanzierung - ob monetär oder in Imagewerten ausgedrückt - stellt sich dennoch.
Es geht auch aus Sicht des Senders darum, das beste Gesamtpaket zu schnüren, um den Sender erfolgreich zu machen und weiter zu wachsen. Aber Wachstum um jeden Preis ist es eben genau nicht. Wir schwimmen nicht auf der "Koste es, was es wolle"-Welle, sondern die Kosten-Nutzen-Relation muss passen, und das Produkt gleichzeitig zu unserem Senderbild. Wenn das gegeben ist, bemühen wir uns um solche Rechte. Wobei wir nach wie vor weit davon entfernt sind, ein Sportsender zu sein. Aber natürlich weiß man, dass attraktive Sportrechte einen Sender ordentlich nach vorne bringen können. Letztlich haben attraktive und große Sportrechte dafür gesorgt, dass der ORF jahrzehntelang seine gute Performance hatte. Österreich war eines der letzten Länder, wo sich alle großen Sportrechte beim öffentlich-rechtlichen Sender befanden.

Insofern also eher der Schlusspunkt einer Ära?
Ja.

Ist eine Sublizensierung von Teilen Ihres Rechtepaketes denkbar? Und falls ja, lieber ORF oder Fellner?
Wie wir mit allfälligen Parallelspielen in der Vorrunde der EM umgehen, werden wir sehen. Aber grundsätzlich: Jeder seriöse Partner ist uns willkommen.

Next step dann die Rechte an der Fußball-WM 2026?
Die ist nicht ausgeschrieben. Aber, Sie kennen unseren Satz dazu: An attraktiven Sportrechten sind wir immer interessiert (lacht).

Inwieweit müssen Sie jetzt bei anderen Programmgenres wie Information, Serie oder Show sparen?
Auch hier geht's um ein wohlaustariertes Gesamtpaket. Wir müssen nirgendwo kürzen, um uns den Fußball leisten zu können. Das war nie unser Ansatz.
„Wir werden keine Sprechverbote erlassen.“

Aktuell kommt ServusTV auf 3,5 Prozent Marktanteil. Wie sieht Ihr konkretes Szenario für das Senderwachstum aus? Wie soll sich die Quotenkurve mit Formel 1, Fußball und Co. in den nächsten fünf Jahren entwickeln?
Natürlich bergauf, und durchaus - wenn ich's mir wünschen darf - steil bergauf. Aber in Zahlen ist das immer schwer auszudrücken. Unsere Planungen, Hoffnungen und Wünsche bei der Formel 1 zum Beispiel sahen vor, dass wir zu Ende der Saison bei den Rennen die Flughöhe des ORF erreichen. Das haben wir schon am ersten Rennwochenende geschafft - und hätten wir nie zu träumen gewagt. Wenn das so weiter geht, könnte natürlich schon ein ordentlicher Sprung drinnen sein.

Zuletzt zum Thema Corona-Berichterstattung bei ServusTV. Ihr Sender hat unbestritten Erfolg, Sie bauen an einer Alternative zum ORF. Setzt man mit der Einladung von sogenannten Corona-Leugnern in Talk-Formate hier nicht mutwillig Image aufs Spiel - oder ist das eine bewusste Strategie?
Ich glaube nicht, dass das unser Senderimage beschädigt. Abgesehen von Einzelfällen. Es ist aber auch keine bewusste Strategie im Sinne einer Marketingstrategie. Wie damals bei meinem Hungerstreik gegen ORF-Monopol und Sendeverbot ist das ein spontanes Reagieren. Als Journalist - und nicht als Marketingexperte oder Senderleiter - sage ich: Wenn mehr als 90 Prozent aller Medien in eine Richtung berichten, dann ist es für mich ein journalistisches Erfordernis, auch die andere Seite zu hören.
Das passt für mich in die aktuelle demokratiepolitische Diskussion. Wir leben in einer Zeit, wo an den Universitäten - eigentlich ein Hort der freien Meinungsäußerung und der offenen Diskussion - gewisse Gruppierungen aus ideologischen Gründen es verweigern, mit Andersdenkenden zu sprechen oder zu diskutieren. Hier wird es eng in einer Gesellschaft. Das erklärte Ziel unseres Senders ist es aber, diese offene Diskussion zu ermöglichen. Bei allen Themen, auch bei Corona. Wir werden keine Sprechverbote erlassen.

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