Internationales Projekt soll helfen, TV-Seher...
 

Internationales Projekt soll helfen, TV-Seher besser zu verstehen

webLyzard
Ein Analytics-Dashboardd mit der umfassenden Analyse des Sehverhaltens der Serie „Game of Thrones“.
Ein Analytics-Dashboardd mit der umfassenden Analyse des Sehverhaltens der Serie „Game of Thrones“.

Ein internationales Projekt mit Wiener Beteiligung will aufzeigen, wann Bewegtbild wie auf welchem Kanal konsumiert wird. So soll die Ausspielung von Inhalten noch effizienter erfolgen. Die TV-Branche bekundet erstes Interesse daran.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 12/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Die rasant wachsenden Möglichkeiten zur digitalen Vernetzung und Veröffentlichung schnell und punktgenau zu nutzen, ist ein zentrales Anliegen von TV-Anbietern. Jetzt beginnen internationale Experten im Rahmen des neuen Projekts „ReTV“, unter maßgeblicher Beteiligung der österreichischen Partner Modul Technology und webLyzard, dieses Anliegen in die Tat umzusetzen. Das Projekt wird mit 3,5 Millionen Euro durch die EU gefördert und soll TVAnbietern künftig Entscheidungsgrundlagen liefern, um bestehende Inhalte an das enorme Angebot digitaler Netzwerke rasch und zielgerichtet anzupassen.

Der Kampf um die Seher

„Die Fernsehsender von heute erleben eine neue digitale Welt und müssen um ihre Zuseher kämpfen. Unser Ziel ist es, eine Plattform zu entwickeln, um anhand anonymisierter Nutzerdaten zu verstehen, welche Inhalte wo, wann und warum konsumiert werden“, so Lyndon Nixon, CTO von Modul Technology und Assistant Professor am Institut für Neue Medientechnologie der Modul University Vienna, im Gespräch mit HORIZONT. Daraus will man dann Empfehlungen ableiten, auf welchen Plattformen man bestimmte Inhalte veröffentlichen sollte, und welche Anreize zu setzen sind, um die Attraktivität von Programmen zu steigern und somit um neue TV-Seher zu gewinnen.

Die aktuelle Marktforschung rund um die Mediennutzung gibt den Projektinitiatoren Rückenwind. So wollte das Linzer Meinungsforschungsinstitut Spectra in der Studie „Digimonitor“ im Februar 2018 wissen: „Es gibt Dinge, die kann man online oder offline, also digital oder analog, machen. Wie ist das bei Ihnen? Wie schauen Sie Filme, Serien, Dokumentationen?“ Vier Prozent der Befragten antworteten, dass sie exklusiv über Streamingdienste derartige Inhalte konsumieren. Sieben Prozent gaben an, Streamingdienste zu bevorzugen. Bei 17 Prozent hält sich die Nutzung von Online- und Offlinediensten die Waage. 50 Prozent der Befragten sehen entsprechende Inhalte ausschließlich über analoge TV-Kanäle. Ergebnisse wie diese zeigen: Die Art und Weise, wie Bewegtbild konsumiert wird, variiert immer mehr. Und es wird im Vergleich zu früher unübersichtlich.

‚Trans-Vector-Plattform‘

Das erklärte Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer „Trans-Vector- Plattform”, die TV-Anbietern schnell und zuverlässig Informationen darüber liefert, wer ihre Produktionen wann, wo und wie konsumiert. So bietet diese Plattform fundierte Entscheidungsgrundlagen und Empfehlungen, für welche sozialen Netze und digitalen Verbreitungswege sich eine – aufwendige – Anpassung lohnt.

Dazu Nixon: „TV-Anbieter sind gezwungen, ihre Inhalte über zahlreiche Verbreitungswege wie Social Media, Mobile Apps, Hybrid TV oder auch in digitalen Archiven anzubieten. Im Gegensatz zu Printmedien – die unter demselben Druck stehen – sind ihre Inhalte aber technisch viel komplexer. Zu entscheiden, welche Inhalte auf welche Weise angepasst werden sollen, ist daher wesentlich, um den Ansprüchen der Konsumenten auf kosteneffiziente Weise gerecht zu werden.”

Hier setzt das Projekt ReTV an, das von der Vrije Universiteit (VU) Amsterdam koordiniert wird und neben Modul Technology und web- Lyzard aus Wien auch weitere Partner aus Deutschland, der Schweiz, Griechenland und den Niederlanden zusammenbringt. Die Kooperation ist dabei in drei ganz klare Abschnitte gegliedert: Neben der „Aggregation“, das heißt dem Aufbau eines stetig wachsenden Verzeichnisses an TVInhalten, spielen auch die „Analyse” und „Anpassung” dieser Inhalte eine wesentliche Rolle in dem Projekt.

Aggregieren und Annotieren

Pro Monat sollen so mehr als 10.000 Stunden Videocontent und über 50 Millionen Dokumente von Nachrichtenquellen, sozialen Medien und den Websites von TV-Anstalten gesammelt und verarbeitet werden. Diese enorme Datenmenge wird anschließend automatisch analysiert, um jedes Dokument mit Metadaten anzureichern. Zu diesen Metadaten zählen neben „harten Fakten“ wie enthaltenen Links, Namen und auffallenden visuellen Merkmalen auch eine automatische Einschätzung der Onlinestimmungslage im Hinblick auf genannte Themen, Personen oder Organisationen.

„Bisher gab es in der Analyse vorrangig die klassische Markt- und Meinungsforschung. Mit dem neuen Projekt können wir das Targeting noch genauer und vor allem schneller definieren“, erklärt Nixon. So werden auch Social-Media-Postings in Echtzeit analysiert. „Man kann dann daraus schließen, auf welchen Kanälen ein Beitrag für die aktuelle öffentliche Debatte besonders relevant ist.“ Auf diese Weise soll ReTV helfen, Werbestrategien zu optimieren – etwa durch Hinweise auf gesellschaftlich relevante Themen, die derzeit von Konsumenten besonders aktiv diskutiert werden.

Alle Daten anonym

Die Projektbetreiber betonen, dass die Sammlung der gewaltigen Menge an Daten anonymisiert erfolgt. „Es gibt hier eindeutige Richtlinien, die wir allesamt befolgen. Es geht nicht darum, persönliche Daten zu sammeln und zu verarbeiten. Unsere Profile sind anonym, und es geht lediglich darum, ein besseres Bild zu vermitteln, welche Personengruppen welche Inhalte ansehen.“

Zusätzlich wird ReTV Vorhersagen über den optimalen Zeitpunkt der Veröffentlichung und den zu erwartenden Erfolg von originalen und adaptierten Inhalten wagen. Dank der laufenden Sammlung und Aufbereitung relevanter Daten aus unterschiedlichsten Quellen ist das System auch lernfähig. Weicht der tatsächliche Erfolg von der Vorhersage ab, führt dies zu einer automatischen Optimierung des Systems.

Der erste Prototyp soll laut Nixon in rund 15 Monaten fertig sein. Nixon: „Die Zielgruppe sind in erster Linie natürlich alle TV-Sender, egal in welcher Form. Aber auch andere Medienorganisationen sowie Unternehmen, die die Veröffentlichung von Bewegtbildinhalten planen, können daraus einen Nutzen ziehen.“

Reaktion der Branche

Für die TV-Branche ist das Projekt neu. „Wir haben die Aussendung von ReTV gelesen und werden auch Kontakt aufnehmen, um auszuloten, wie man sich eventuell gegenseitig befruchten kann“, meint Walter Zinggl, Obmann der AGTT, die die gewichtigste TV-Erhebung Österreichs durchführt. „Mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, da das Projekt offensichtlich gerade erst gestartet wurde.“

[Michael Fiala]

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