In memoriam: Hugo Portisch: Vater der Zeitges...
 
In memoriam

Hugo Portisch: Vater der Zeitgeschichte

Paul Wuthe / Kathpress
Hugo Portisch ist im Alter von 94 Jahren verstorben.
Hugo Portisch ist im Alter von 94 Jahren verstorben.

"Journalisten sollen nicht Mitspieler und Regisseure sein, sondern Kuriere." Ein O-Ton von Portisch. Nach diesem Grundsatz hat er sein Tun ausgerichtet, neutral, objektiv und ohne Dogma. Deshalb wurde und wird er immer noch geliebt – und verstanden.

Dieser Text ist im November 2019 in HORIZONT erschienen und ist anlässlich des Todes von Hugo Portisch hier noch einmal zu lesen. Ein Text von Suzanne Sudermann.


Ein sehr zerbrechlicher Mann macht lächelnd die Wohnungstüre auf. Schief geht er an einem schwarzen Stock mit silbernem Knauf Richtung Wohnzimmer. Der Gehstock ist von seiner verstorbenen Frau, so ein verschnörkeltes, glitzerndes Teil würde er eigentlich nicht benutzen, aber es ist ja von ihr sehr berührend, diese erste Begegnung. Jeder Schritt muss wehtun. Fünf Bandscheiben sind weg, einfach aufgefressen, wie er es ausdrückt, man kann nichts dagegen tun. 92 Jahre verlangen ihren Tribut. 

Abenteuer-Gen trifft Journalismus

Archäologe wollte er werden oder Forscher, in die Welt hinausgehen, unbekannte Plätze entdecken, aber die Umstände kurz nach dem Krieg ließen das nicht zu. 1945 gab es an der Uni in Wien gerade einmal drei oder vier Professoren, er musste nehmen, was angeboten wurde. Geschichte und Germanistik, später Publizistik, das Fach Archäologie war nicht dabei. Ein Segen eigentlich, so kamen Herr und Frau Österreicher in den Genuss anschaulicher Geschichtsstunden im ORF. Geld verdienen während des Studiums musste er auch. Im Jänner 1947 tat er dies bei einer Tageszeitung und wurde im Ressort Außenpolitik eingesetzt. In seinem Zimmer saßen Karl Polly, Leiter der Nachrichtenabteilung im ORF-Radio, und Hans Dichand.

"Wir haben uns gegenseitig Journalismus beigebracht und den Amis abgeschaut, wie Schreiben geht. Die waren ja nach dem Krieg in den Nachrichtendiensten überall präsent", erinnert sich Portisch. Später lernte er den Journalismus auf amerikanischem Boden kennen. Er durfte mit zehn anderen Österreichern die Missouri School of Journalism besuchen und studierte dort die grundsätzlichen journalistischen Parameter. "Check - Recheck - Doublecheck", erklärt er diese. Nur dreifach Überprüftes darf publiziert werden. "Die Leser verzeihen es dir nicht, wenn du sie einmal angelogen hast. Dann ist das Vertrauen verspielt", weiß er und fügt leidenschaftlich hinzu: "Audiatur et altera pars – immer auch die andere Seite anhören und: in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Mich begleiten diese Sätze mein ganzes Leben." 

Wahrheit in diesen Zeiten

In einem Interview sagte Portisch einmal, die stärkste Waffe sei immer die Wahrheit. Das hört sich richtig gut an. Nur wie soll man heute Wahrheit und Fake noch auseinanderhalten? Schwierig zu beantworten, gibt er zu. Das hängt wohl vom Vertrauen des Lesers ab, er muss wissen, welche Art Zeitung er in der Hand hält. Auf bestimmte Medien könne man sich sehr wohl verlassen, die haben eine Verantwortung und auch Gratiszeitungen seien verpflichtet, die Wahrheit zu schreiben, aber sie würden übertreiben und verzerren. Man müsse alle Medien dazu anhalten und nicht müde werden, sie daran zu erinnern. Jeder könne und solle das versuchen, auch die Leser können sich wehren, wenn sie sich gepflanzt fühlen, sie können sich beschweren und zum Beispiel Leserbriefe schreiben. Der heutige Journalismus habe sich den Medien angepasst, er sei schnell geworden, meint Portisch.

Aber die jungen Leute in der Branche seien besser ausgebildet als früher. Heute gehört es dazu, dass man gebildet ist, das war nicht immer so. Reporter konnte man schnell einmal werden, auch mit weniger Bildung, heute seien bessere Leute dran, ist er sicher. Dass sich einige Medien einließen auf reinen Leserfang und mittels Sensationen und schreiender Aufmachung von der Wahrheit abweichen, sei traurig. Den lügnerischen Boulevard habe es so früher nicht gegeben, das gedruckte Wort sei einmal in Stein gemeißelt gewesen. 

Lesen und Erinnerungen

Ja, er liebt das gedruckte Wort. Jetzt, wo es ruhiger um ihn geworden ist, liest er noch mehr; zum Frühstück und weit darüber hinaus die wichtigsten Tageszeitungen und Bücher wie am Fließband. Aktuell liegt auf seinem Nachttisch "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" von Yuval Noah Harari. Da geht es um Gleichheit und Freiheit, wie wir in dieser unübersichtlichen Welt noch moralisch handeln können und ob Gott zurück ist. Glaubt er an ein Leben nach dem Tod? Nein, da ist er ganz Realist und Agnostiker.

Was man nicht erfahren und beweisen kann, bleibt für ihn ein unbekanntes Terrain, da spekuliert ein Portisch nicht. In eine Seniorenresidenz mag er nur ungern gehen, er will nicht von alten Leuten umgeben sein. Während des Gesprächs rufen einige jüngere Menschen an, man hört es an den Stimmen, zu denen er liebevoll spricht. Ein Treffen, ein Wiedersehen, Verabredungen werden vereinbart. Man fühlt, er ist nicht allein. Seine beiden Nichten umsorgen ihn und managen sein Leben. "Die Schmellermädchen sind meine rechte und linke Hand", grinst er. Mit der Innen- und Außenpolitik lebt er so gut es geht mit, auch mit der Weltpolitik. Und wenn der ORF einen Beitrag von ihm braucht, zieht er seinen Anzug an und geht hin.

Ungebrochene Entdeckungslust

Wie würde sein letzter Satz lauten? Pfeilschnell kommt seine Antwort: "Vergesst mich!" Er hält sich nicht für so wichtig, und das klingt alles andere als kokett. Portisch ist wohltuend bescheiden, aber einmal musste es doch etwas üppiger sein. Die Bedingung für das Arbeitsverhältnis 1958 beim Kurier war ein Jaguar als Firmenwagen. Den bekam er und besaß ihn zehn Jahre. Zuletzt fuhr er einen kleinen Citroen für die Stadt und einen Nissan Qashqai für die Toskana. Beide Autos hat er vor Kurzem verschenkt. Der geliebte Landsitz in der Toskana ist verkauft, kurz nach dem Tod seiner Frau. Der neue Eigentümer hat das Bauernhaus umfassend umgebaut und Portisch eingeladen. Jetzt fährt er noch einmal hin. Da werden sicher viele Erinnerungen wach. Zum Beispiel an Oliven. Unter ihrem Mädchennamen Traudl Reich veröffentlichte seine Ehefrau zahlreiche Kinderbücher. Ein Buch schrieben sie gemeinsam. "Die Olive und wir", heißt es und gibt ganz persönliche Einblicke in ihr Leben dort im italienischen Refugium.

Die Liebe zur Archäologie ist immer noch ein Thema. Er würde ja gern noch forschen, irgendwo etwas entdecken, über etwas berichten, über das noch nicht berichtet wurde – und wieder grinst er von einem Ohr zum anderen, und dazwischen ist kein Alter, und man würde es ihm wünschen, ein letztes großes Abenteuer.

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