,Im Ausland ist das ganz normal‘
 

,Im Ausland ist das ganz normal‘

Medien-Start-up: Conny Absenger bietet ihre 30-jährige Erfahrung im Verlagsmarketing als externe Dienstleisterin an – ein Hausbesuch

Willkommen im Dogenhof in der Wiener Praterstraße. Es ist eines der extravaganteren Häuser der Stadt. 1902 erbaut, die venezianische Prachtvilla am Canale Grande Ca’ d’Oro imitierend und obendrein ­eines der ersten aus Beton gebauten Häuser der Stadt. Was für ein passendes Domizil für Absenger Media, das neu gegründete Unternehmen von Cornelia „Conny“ Absenger. Ja, die Venezianer waren geschickte Händler. Ja, Absenger und ihre Arbeitgeber über Jahrzehnte, Helmuth und Wolfgang Fellner, haben in den goldenen Jahren der Verlagsgruppe News Anzeigenkunden immer wieder nach Venedig eingeladen. Und ja, das ­Anzeigengeschäft braucht spielerische Verzierungen und ist doch in seiner Substanz ein Geschäft hart wie Beton. Absenger führt durch die hellen Räume, die eigentliche Espressomaschine ist noch verpackt, also muss die gewöhnliche Kapselmaschine herhalten. Auf ihrem Besprechungstisch stapeln sich – no na – Magazine und Zeitungen. Alles schon Kunden? Absenger lacht: „Nein, ­leider noch nicht.“ Und nimmt von ganz oben vom Stapel ein Magazin mit dem Titel Ursache & Wirkung.

,Den Ersten schickt man nie weg‘

Es ist ein „Magazin für den spirituell inspirierten Menschen“. Und es ist Absengers erster Kunde. Sie schwärmt davon, als wäre es ihr eigenes. „Es macht einen großen Spaß, auch für solche Nischenmagazine zu arbeiten und ihnen bei der Vermarktung unter die Arme zu greifen.“ Dann schaut sie verschmitzt und sagt: ­„Außerdem war das meine erste Kundenanfrage. Und den Ersten schickt man nie weg.“ Da ist sie, die erfahrene, mit allen Wassern gewaschene Vollblut-Verkäuferin. Sie arbeitete schon in den Achtzigern mit den Fellner-Brüdern bei Basta, war vom ersten Tag an bei News und der später danach benannten Verlagsgruppe dabei und folgte den Verlegerbrüdern zur Tageszeitung Österreich, wo sie bis vor Kurzem im Spitzenmanagement war. Die Funktionsbezeichnungen wechselten immer wieder, ihre eigentliche Aufgabe war aber immer klar. „Ich war immer die, die sich um den Erlös gekümmert hat. Immer wenn es an Einnahmen gefehlt hat, hieß es lapidar: Conny, mach mehr Geld!“ Warum sie von der Mediengruppe Österreich und den Fellners, in deren Dienst sie über 30 Jahre gestanden hat, wegging, war bislang nirgendwo zu lesen. „Weil ich es auch nirgendwo gesagt habe“, lacht sie. Bereits 2005 habe sie in ihren Vertrag mit der Tageszeitung Österreich vermerken lassen, dass sie nach sieben Jahren ­ihren eigenen Verlag aufbauen dürfe. „Ich bin nie dazu gekommen, und jetzt war der Zeitpunkt da, wo es einfach passt.“ Und sie schießt nach: „Österreich ist gut aufgestellt.“ Wie sie ihre Rolle im „System Fellner“ erlebt hat? „Ich habe dort sicher viel ausgeglichen – auch zwischen den Eigentümern und den Mitarbeitern.“ Und was ihr auch wichtig ist: „Ich war nicht deshalb so lange bei den Fellners, weil ich so wahnsinnig treu bin oder nichts anderes gefunden hätte. Es war eine großartige Zeit, ich habe wahnsinnig viel gelernt – besonders die ersten 22 Jahre mit Helmuth Fellner waren sehr interessant.“

Vermarktung und Content Marketing

Nun also die Selbstständigkeit. Was macht Absenger Media genau? „Wir sind eine externe Vermarktungsagentur, die auf 30 Jahre Erfahrung im Anzeigengeschäft zurückgreifen kann. Neben dem klassischen Anzeigengeschäft bieten wir auch Corporate Publishing bis hin zur Konzeption und Umsetzung von Beilagen. Und ohne es geplant zu haben, werde ich auch als Consulterin für Verlage angefragt.“ Dabei werden Tagessätze verrechnet, überall anders läuft die Honorierung ausschließlich über Provisionen. ­Neben Ursache & Wirkung wurde Absenger schon von schauMagazin sowie einigen Titeln der Medecco Holding (Parnass, Datum, architektur.aktuell) beauftragt. Für die Verlagsgruppe News vermarktet Absenger den „profil High Potential Day“. Es ist der erste Auftrag für die Verlagsgruppe. Absenger lässt wenig Zweifel erkennen, das es nicht der letzte sein wird. Zudem sei man mit einem großen Frauenmagazin – der Maxima –  sowie im Bereich Corporate Publishing mit einer der relevanten Versicherungsunternehmen in Verhandlung.
Verlegerversäumnisse

Zehn Leute passen in ihr Büro im ­Dogenhof. Derzeit sind es vier. Bei ihrem Team setzt Absenger auf junge Verkaufstalente, die mit der Zeit von ihrem Erfahrungsschatz profitieren. „Jeden Morgen um 9 Uhr sitzen wir im Team zusammen. Danach wird den ganzen Vormittag lang telefoniert.“ Denn, so erzählt Absenger, das Telefon ist immer noch das wichtigste Instrument im Verkauf. Beim Thema Ausbildung und Nachwuchs im Verkauf wird sie plötzlich sehr ernst. Bei der scherzhaften Frage, ob das hier die Conny-Absenger-Verkaufsakademie sei, schlägt sie dezent mit der Faust auf den Tisch. Und erklärt bestimmt: „Die Verlage – aber auch der Verlegerverband – haben in den vergangenen 20 Jahren zwar wahnsinnig viel in die Ausbildung von Journalisten investiert, aber so gut wie gar nichts in die Ausbildung der Verkäufer. In Deutschland gibt es den Lehrberuf Verlagskaufmann, da hat man sechs Jahre Erfahrungen, bevor man das erste Mal in den Außendienst darf, also auf einen Kunden losgelassen wird. Bei uns gibt es nichts in der Art. Und dann darf man sich nicht wundern, dass Anzeigenverkauf in Österreich so ein schlechtes Image hat. Dabei ist das ein Beruf, der sehr viel Feingefühl, Erfahrung und Ausdauer bedarf.“ Generell sei der Stellenwert des Verkaufs in den Verlagen viel zu niedrig. „Jeder Verlagschef ist gut beraten, sich viel intensiver mit dem Anzeigengeschäft zu befassen, auch im Detail und auf Branchen bezogen.“ Dabei ist der Umstand, dass das eben nicht passiert, dass die Vermarktung vielerorts so vernachlässigt wird, genau der Nukleus für Absengers eigene Geschäftsidee. „Das ist die Lücke, wo wir einspringen“, sagt sie. Im Übrigen seien solche unabhängigen Vermarktungsagenturen im Ausland ganz normal, etwa auch in Deutschland oder der Schweiz, wo es mehrere gleich große Wirtschafts­zentren gebe.

Medientransparenz? Wozu?

Angesichts der überschaubaren heimischen Medienszene drängt sich die Frage auf, wie Absenger mit Kundenkonflikten umgehen wird. Darauf meint sie: „Ich denke, mein Ruf in der Branche ist gut genug, dass sich meine Kunden darum keine Sorgen machen müssen, gegeneinander ausgespielt zu werden. Konkurrenzausschluss aktzeptiere ich keinen, schon gar nicht bei generischen Ressorts.“ Und wie sie ihre Rolle im Gefüge aus Auftraggeber, Mediaagentur und Medium definiert? „Ich bin ein spezialisierter Marktteilnehmer und glaube nicht, dass ich dieses Gefüge störe. Aber vielleicht reden wir darüber noch einmal, wenn wir zehn Prozent Marktanteil haben.“

Ein ernstes Thema noch: Der Befund, dass Printwerbung von öffent­lichen Auftraggebern so in Verruf ­gekommen ist und die Frage, ob Absenger mit ihrer Tätigkeit bei Österreich dazu nicht auch einen Beitrag geleistet habe? Absenger: „Ich habe es immer als unanständig empfunden, einem Kunden zu sagen: ‚Wir haben eine Jahresvereinbarung, also macht’s irgendwas bei uns!‘ Das finde ich aber bei einem Autohändler ­genauso unanständig wie bei einem Ministerium. Man muss Verständnis für die Herausforderungen des ­Kunden aufbringen, sich in ihn hineindenken und ihm etwas anbieten, womit er echten Mehrwert bekommt. Und warum soll man das bei öffentlichen Auftraggebern nicht tun?“ Und zum Medientransparenzgesetz sagt sie nur: „Es ist das beste Instrument zur Konkurrenzbeobachtung und zur Nachbearbeitung von Kunden – noch dazu mit Echtzahlen, einfach fantastisch. Wem außer Anzeigenverkäufern es etwas bringt? Keine Ahnung.“

Dieser Artikel erschien am 24. April in der HORIZONT-Printausgabe 17/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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