"Ich halte es für unerheblich, aus welchem Ka...
 

"Ich halte es für unerheblich, aus welchem Kastl das Radioprogramm kommt"

GEORG HOCHMUTH
Download von www.picturedesk.com am 08.02.2017 (14:03). ABD0002_20170202 - WIEN - ÖSTERREICH: Die ORF-Radiodirektorin Monika Eigensperger am Dienstag, 31. Jänner 2017, während eines Interviews mit der APA - Austria Presse Agentur in Wien. - FOTO: APA/GEORG HOCHMUTH - 20170131_PD9246
Download von www.picturedesk.com am 08.02.2017 (14:03). ABD0002_20170202 - WIEN - ÖSTERREICH: Die ORF-Radiodirektorin Monika Eigensperger am Dienstag, 31. Jänner 2017, während eines Interviews mit der APA - Austria Presse Agentur in Wien. - FOTO: APA/GEORG HOCHMUTH - 20170131_PD9246

ORF-Radiodirektorin Monika Eigensperger im HORIZONT-Interview über Einsparungen bei Ö1, die Ausrichtung von Ö3 und dem Wunsch nach mehr technischen Möglichkeiten.

HORIZONT: Vom spitz positionierten FM4 zur Radiodirektorin mit inhaltlich breiter Ausrichtung – wie stark ist die Umgewöhnungsphase, erleben Sie inhaltlich eine Art „Kulturschock“?

MONIKA EIGENSPERGER: (lacht) Nein, davon kann überhaupt nicht die Rede sein. Ich bin ja nicht operative Channel-Managerin für Ö3 und Ö1; und durch meinen persönlichen Werdegang bin ich mit allen Sendern bestens vertraut. Ich sehe meine Aufgabe in der Moderation und im Bemühen, dass Entwicklungen, die für das Radio an sich unbedingt notwendig sind, gemeinsam vorangetrieben werden.

Welche konkreten Maßnahmen schweben Ihnen vor?

Es gibt ein paar große Herausforderungen. Alle drei nationalen Radios sind sehr gut bimedial mit Radio und Online aufgestellt. Dazu kommt künftig – als ein Resultat des steigenden Onlinekonsums – die Bildebene, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Und der Konsument erwartet, Inhalte zeit- und ortsunabhängig zu erhalten. Bei Themen der technischen Infrastruktur verfolgen wir gemeinsame Interessen – hier werden gemeinsame Schritte auch absolut notwendig sein. Nicht aber beim Look and Feel, wo Eigenständigkeit der Inhalte und Unterscheidbarkeit immens wichtig sind.

Die einzelnen Senderidentitäten sollen also klar ausdefiniert und beibehalten bleiben?

Was unsere Sender stark macht, sind klar erkennbare Identitäten. Das kommt bei unseren Hörerinnen und Hörern sehr gut an. Das zeigt sich bei den 71% Marktanteil für die ORF-Radios. Unsere Radiosender bieten klar definierte unterschiedliche Assets für die jeweiligen Zielgruppen. Ich halte es für wesentlich, dass die Sender autonom ihr Profil bewahren und weiter schärfen.

Bei angesprochenen technologischen Innovationen sind Sie stark auf den Gesetzgeber angewiesen. Wieviel Gestaltungsraum bleibt da?

Wir müssen jedes neue Angebot einreichen, überprüfen und genehmigen lassen. Bedauerlicherweise kann das sehr lange dauern. Bestimmte Spezialisierungen sind uns leider auch nicht gestattet. Unter dem Blickwinkel, dass zunehmend Angebote von außen auf den Markt drängen, sind fehlende Möglichkeiten für den gesamten Medienstandort Österreich nicht zum Besten.

Sie sind mit Sparmaßnahmen konfrontiert – das Radiobudget ist etwa zwei Millionen Euro geringer als im Vorjahr. Wie soll bei gleichzeitig steigenden Kosten die Qualität aufrecht erhalten werden?

Es gelingt nur, indem wir unsere Anstrengungen weiter verstärken - und acht geben, beim Inhalt keine Abstriche zu machen. Aber das ist ja nicht das erste Einsparungsprogramm, vor dem wir stehen. Ich gehe daher davon aus, dass es uns gelingt.

Wo wird bei Ö1 beispielsweise konkret eingespart?

Die Sparvorgaben betreffen alle Sender. Bei Ö1 sind es Fokussierungen auf unterschiedlichen Ebenen: von Rechteverhandlungen bis zu günstigeren Nachbesetzungen, so wie das die anderen Sender auch machen müssen. Die Channel-Chefs überlegen sich das autonom und bringen ihre Vorschläge ein.

Der Generaldirektor hat in seiner Bewerbung zur Wiederwahl gemeint, Ö3 sei „sowohl beim älteren als auch beim ganz jungen Publikum von ‚Aussegmentierung‘ bedroht“ und stehe unter Druck.Wie kann der Sender den Spagat schaffen zwischen neuen Hörern gewinnen und bestehenden binden? Wie soll die Positionierung von Ö3 vonstatten gehen?

Diese Herausforderung ist keine neue. Diesen Spagat unternimmt Ö3 seit vielen Jahren äußerst erfolgreich. Mit 76, teils sehr spitz aufgestellten Mitbewerbern ist das keine leichte Aufgabe, nichtsdestotrotz hat Ö3 im letzten Radiotest in der Gesamtbevölkerung beim Marktanteil zugelegt. Mir fällt kein Fall in Europa ein, wo das sonst der Fall ist.

Aber offensichtlich gibt es Handlungsbedarf – Alexander Wrabetz hat das sehr klar angesprochen.

Selbstverständlich arbeiten wir täglich daran, das Programm weiter zu entwickeln und noch zielgruppenadä- quater zu machen. Und die Marktanteile des Radiotests 2016 sind ein schöner Beweis dafür, dass uns das gelingt.

Stichwort Programm: Bei Ö3 ist der Anteil österreichischer Musik immer wieder ein Thema. Wollen Sie sich als neue Radiodirektorin österreichische Inhalte verstärkt auf die Fahnen heften?

Ö3 bietet extrem viele österreichische Inhalte und ist mit mehr als 2,5 Millionen täglichen Hörerinnen und Hörern auch ein sehr verbindend agierendes Medium, was sich bei Initiativen wie Team Österreich deutlich zeigt. Und ja, Ö3 hat die Musik-Charta im vergangenen Jahr mit vereinbarten 15 Prozent Anteil heimischer Musik erfüllt, was mich freut und natürlich damit zusammenhängt, dass die vitale österreichische Musikbranche auch Angebote für einen breit aufgestellten Popsender liefern konnte. Ich gehe davon aus, dass uns das weiterhin in der Form gelingen wird.

Kommen wir zum Thema Funkhaus; der Widerstand der Mitarbeiter aus der Argentinierstraße zur geplanten Übersiedlung ist hoch; das Funkhaus an sich ist noch nicht verkauft – wie geht’s weiter?

Das ist ein laufender Prozess, den ich nicht kommentiere. Die nächsten Schritte – und das ist mir ein besonderes Anliegen – werden zuerst intern kommuniziert.

Aber Sie gehen davon aus, dass die Pläne, einen Großteil auf den Küniglberg zu übersiedeln, auch realisiert werden?

Es gibt zu diesem Thema derzeit nichts Neues zu sagen.

Streaming, personalisiertes Radio & Co.: Wie sieht denn der Radiokonsum in zehn Jahren aus?

Ich hatte da immer schon einen klaren Standpunkt: Ich halte es für unerheblich, aus welchem Kastl das Radioprogramm kommt. Wichtig sind zwei Punkte: dass wir Schritte setzen, um die Erreichbarkeit unserer Inhalte auch auf allen Ausspielwegen zu gewährleisten – vom klassischen UKW-Radio über PC-Boxen bis zu Alexa –, und dass wir auffindbar bleiben. Meiner Meinung nach wäre ein Schulterschluss österreichischer Medien gegen mächtige internationale Konzerne überlegenswert. Auch, weil nicht zu erwarten ist, dass österreichische Programmware bei internationalen Playern vorrangig platziert wird. Österreich ist ein kleines Land und daher müssen wir neue Wege gehen, um die Auffindung heimischer Kreativität jeglicher Art zu gewährleisten. Da ist der ORF ein wichtiger Sichtbarkeitsfaktor, der unbedingt gegeben sein muss. Jede Einschränkung bei diesem Thema ist eine Einschränkung der Verbreitung österreichischer Information und Kultur.

Sie würden sich also, was die Distribution betrifft, mehr wünschen als Sie derzeit dürfen?

Ja, ich würde mir da mehr Flexibilität wünschen.

Also neue Angebote und Services?

Ja. Damit meine ich Plattformen, die zeitgemäßen Medienkonsum gewährleisten und nicht kommerzielle Plattformen – diese meine ich ganz bewusst nicht.
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