"Ich glaube an eine Verschmelzung."
 

"Ich glaube an eine Verschmelzung."

"Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak im Interview über das Digitalgeschäft, Neuerungen in der Führungsmannschaft, wie konservativ der Chefredakteur der "Presse" sein muss und welche internen Compliance-Richtlinien in seiner Zeitung gelten.

Langfassung aus HORIZONT 05, erschienen am 1. Februar

HORIZONT: Herr Nowak, Sie haben kürzlich in einem Interview das Zeitungssterben in Abrede gestellt. Ihren Optimismus in allen Ehren, aber man sieht dennoch, dass die Decke ziemlich dünn ist. Gerade bei „Presse“ und „WirtschaftsBlatt“ hat es im vergangenen Jahr ordentliches Cost Cutting gegeben. Hatten Sie keine Zweifel, den Job eines Chefredakteurs in Zeiten wie diesen anzutreten?

Rainer Nowak: Nein. Weil man so eine Chance wahrscheinlich nur einmal im Leben bekommt. Wir äußern uns zum Thema Cost Cutting und Restrukturierung nicht mehr. Das ist erledigt und wir haben uns im November klar und deutlich dazu geäußert. 

HORIZONT:
"Presse" und "WirtschaftsBlatt" sitzen nun im selben Gefäß. Im November hat der gemeinsame Geschäftsführer für beide Zeitungen, Michael Tillian, ein Sparziel von 5 Millionen Euro festgesetzt, 21 Leute aus der „Presse“ mussten danach gehen. Wie viele Journalisten haben Sie letztendlich verloren?

Nowak: Wie gesagt: Das Thema ist abgearbeitet. Jetzt steht Inhaltliches auf meiner Agenda, von einem Relaunch bis zur Wahljahr-Berichterstattung.

HORIZONT: Hält die Zeitung noch ein Sparpaket aus, ohne sich inhaltlich einschränken zu müssen?

Nowak: Sie sind sehr hartnäckig, das ehrt Sie. Und ich bin ausnahmsweise in der Politiker-Situation, Ihnen nicht zu antworten zu können und zu wollen. Oder mich wiederholen zu müssen.

HORIZONT: Sie haben für das erste Quartal einen Relaunch angekündigt. Wann sehen wir den?

Nowak: Bald. Man muss unterscheiden zwischen inhaltlichen Neuerungen, die Step by Step passieren und dem grafischen Neuauftritt, der schon am Tisch liegt. Geleitet wird er von Stefan Fuhrer, den wir extern beschäftigen. Wir haben gesehen: So gut das „Presse am Sonntag“-Layout funktioniert,  haben wir unter der Woche Verbesserungsbedarf. Die Zeitung verdient ein Upgrading. Es wird aller Voraussicht im März zu sehen sein.

HORIZONT: Was ist inhaltlich geplant?

Nowak: Zunächst einmal die älteste und beste Neuerung, die sich täglich bewährt, nämlich: ‚Verdichten, verdichten, verdichten, werten, werten, werten, Mut zur Lücke etc…‘ Alles, was dem Leser einen besseren Überblick bringen - so altmodisch und einfach ist es wirklich. Um dem Leser Navigation zu bieten, muss ich entscheiden: Was lasse ich weg, was mache ich kurz, worauf lege ich meinen Schwerpunkt. Ein Beispiel: Vergangenen Samstag hat Oliver Pink eine Geschichte darüber geschrieben, wieviel Wolfgang Schüssel in Michael Spindelegger steckt. Das ist ein Prototyp einer Geschichte, mit denen Tageszeitungen meiner Meinung nach besser leben können, weil der Leser dort Inhalte – bestehend aus Text, Aufmachung und dem dazupassenden Spindelegger-als-Schüssel-Bild, die er nur in der Zeitung bekommt. Die ist vermutlich magazinig, aber ohne Fünf-Tagesrecherche. Auf jeden Fall ist der große Unterschied zum agenturgetriebenen Tageszeitungsformat.

HORIZONT: Hat sich an der Schnittstelle zwischen Magazin und Zeitung in den vergangenen Jahren ein neues Genre entwickelt? Sie sagen ja selbst: Der Tageszeitungsjournalist liefert einen magazinigen Beitrag, ohne fünf Tage dafür recherchieren zu können.

Nowak: Das kann er für bestimmte Beiträge sehr wohl. Das was Sie meinen könnte man jetzt Feature, Hintergrund oder Magazingeschichte nennen, aber ich glaube da geht es eher um Reaktion und Auf-den-Boden-bringen von Dingen, die sich ohnehin gerade viele Leute überlegen und besprechen. Im konkreten Fall: Jeder weiß, dass aller Voraussicht nach nach der Nationalratswahl eine rechte Mehrheit möglich ist. Daraus ergibt sich die nächste Frage: Traut sich Michael Spindelegger über schwarz-blau-Stronach? Die Konsequenz daraus ist eben die Geschichte, wieviel Wolfgang Schüssel in Michael Spindelegger steckt. Damit schwingt mit: Was ist Michael Spindelegger für die ÖVP? Auch Schüssel war zu Beginn seiner Amtszeit unterschätzt, geht es dem Außenminister auch so. Oder nicht? All das sind natürlich sehr magazinöse Ansätze, aber ganz offen gestanden: Den kann ich auch unter der Woche haben.

HORIZONT: Unterm Strich bleibt dennoch der Tageszeitungsjournalist, der mit weniger Zeit-Ressourcen nun auch den Anspruch des Magazinschreibers erfüllen muss.

Nowak: Die Frage ist ja vielmehr: Habe ich den gehetzten Tageszeitungsjournalisten, der sieben Ministerien durchtelefoniert, um eine Meldung zusammen zu bekommen, die dann ohnehin schon so ähnlich die APA liefert oder einen Kollegen, der möglicherweise mit Unterstützung des gesamten Ressorts eine solche Geschichte oder eine exklusive Eigenrecherche über die Postenbesetzungen im staatsnahen Bereich wie wir sie zuletzt hatten, liefert? Die anderen Dinge passieren in Einspaltern und Kurzmeldungen trotzdem.

HORIZONT: Es steht jedenfalls für den neuen „Presse“-Chefredakteur außer Frage, dass die Zukunft der Tageszeitung im Magazinigen liegt.

Nowak: So neu ist er gar nicht mehr. Auch das Magazinige ist schon längst passiert. Aber das ist es natürlich nicht alleine, das wäre auch nicht neu. Es geht einfach darum, die Abgrenzung zu den Mitbewerbern und dem Netz zu finden. Da kann es nicht sein, das Pressekonferenz X oder Sachverhalt A, der ohnehin über alle Kanäle kommt, bei uns mit leichter Kalibrierung nur ein bisschen anders gesehen wird. Schauen Sie sich mal die österreichischen Zeitungen an: Es stehen immer noch zu viel gleiche Inhalte in allen Zeitungen am gleichen Tag. Wir brauchen aber Leser, die dafür Geld ausgeben, um nur uns weiter zu abonnieren. Das kann übrigens auch über die Blattlinie gehen. Ich glaube ja, dass mehr Platz für ein konservativ-liberales Blatt im Land ist. Und nein, das ist kein Widerspruch.

HORIZONT: Was bringt der Relaunch auf inhaltlicher Ebene? Sie haben zuletzt jeden Montag das Ressort „Mein Geld“ auf den Weg gebracht. Was kommt sonst noch?

Nowak: Da gehen wir Schritt für Schritt vor, über wichtige Nebenschauplätze wie „Menschen“, „Reise“ und „Karriere“ bis zu den Ressorts, die über neue Führungen ohnehin inhaltlich neu positioniert werden.

HORIZONT: Wer wird wo das Ruder übernehmen?

Nowak: In der Wirtschaft folgen Hanna Kordik und Gerhard Hofer Franz Schellhorn nach. Im Sonntag folgt mir selbst Ulrike Weiser (vorher Innenpolitik) zusätzlich zu Christian Ultsch nach. Weiser wird außerdem das Wien-Ressort übernehmen. Außerdem gibt es eine neue Struktur für das Inland: Das Großressort „Inland“ wird künftig Innenpolitik, Chronik und Wien umfassen und wird von Dietmar Neuwirth zusammengehalten. Unter ihm gibt es zwei Fachressortleiter: Oliver Pink für Innenpolitik und Weiser für Wien/Chronik. Und Christoph Schwarz (Bildung) wird Chef vom Dienst.

HORIZONT: Warum haben Sie sich dafür entschieden, ein Großressort „Inland“ zu machen?

Nowak: Weil ich als Wien- und Innenpolitikchef ein guter Schrebergartenverteidiger war und daher weiß, was diese Mentalität in Zeitungen bewirkt - nämlich eine Inflexibilität bei Inhalten und Ressourcenplanungen. Jeder weiß, dass in einem Wahljahr in der Innenpolitik mehr Leute vonnöten sind, als – sagen wir -  in einem Legislaturperioden-Jahr Rot-Schwarz zwei. Da ist der Fokus wieder mehr darauf, was die Leute wirklich bewegt und weniger das, was sich Ministersekretäre und Pressesprecher gegenseitig ausrichten.

HORIZONT: Stichwort Wahljahr: Wie ist die „Presse“ in den Bundesländern aufgestellt?

Nowak: Wir haben Korrespondenten in Salzburg und in der Steiermark und freie Mitarbeiter in den anderen Bundesländern. Zusätzlich haben wir eine Art „Hubsystem“ eingeführt: Oliver Pink als gebürtiger Kärntner betreut beispielsweise die Wahl in seiner alten Heimat, andere Kollegen kümmern sich um andere Bundesländer.

HORIZONT: Wie sieht die Zusammenarbeit im Newsroom aus? Werden die Schnittstellen zur „Presse.com“ gestrafft?

Nowak: Wir machen das, was alle Verlagshäuser derzeit tun, nämlich die Fusion zwischen Print und Digital zu prüfen und voranzutreiben. Wir sind jetzt in der Phase, auf beiden Seiten gewisse Vorurteile abzubauen. Ich persönlich glaube an eine Verschmelzung.

HORIZONT: Sie möchten auch Paid Content einführen, haben Sie bei Ihrem Antritt erklärt. Wo und wann?

Nowak:
Ich glaube persönlich daran, dass das für alle journalistischen Inhalte sinnvoll wäre, die dafür verantwortlich sind, dass die Leser die Zeitung immer noch abonnieren. Meldungen und reine Nachrichten müssen frei bleiben. Eigene Digital-Elemente ohnehin auch. Aber das ist keine Entscheidung, die wir morgen fällen werden. Ich glaube auch nicht, dass das die große Erlösquelle sein wird, aber durchaus eine Strategie ist, ein noch immer funktionierendes Geschäftsmodell zu stützen: Nämlich die Tageszeitung in Papierform. Wir werden digital viel mehr Ressourcen hineinstecken müssen, auch von der Printmannschaft. Elemente wie Meinung, Livechats oder Interviews müssen eine größere Rolle spielen als die 180-Zeilen-Reportage aus Salzburg oder Kärnten.

HORIZONT: Es gibt eine Diskussion über redaktionsinterne Leitlinien, bei der ihre Kollegin beim „Standard“, Alexandra Föderl-Schmid, mit öffentlichen Debattenbeiträgen Punkte sammeln konnte, etwa indem sie klare Vorschriften in punkto Unvereinbarkeit bei der Wirtschaftsberichterstattung fordert. Wieso ist es bei der „Presse“ in dieser Frage so still?

Nowak: Sind wir nicht. Wir werden ab sofort Einladungen und Reiseeinladungen  ausschildern. Das betrifft sowohl den Reisejournalismus als auch den Flug mit dem Bundespräsidenten, wo wir nur einen Teil bezahlen. Dort werden wir vermerken, dass wir dies nicht selbst bezahlen. Im Wirtschaftsbereich haben wir bereits Regelungen, sehen diese aber ein wenig anders wie der „Standard“. Wir verlangen von unseren Wirtschaftskollegen, dass sie über ihr Portfolio dem Ressortleiter und Chefredakteur Bescheid geben und das nennen. Wir verlangen Offenlegung und Klarstellung, damit ist verbunden, dass man nicht über Firmen schreibt, deren Aktien man hält. In diesen Fragen bin ich mit Alexandra Föderl-Schmid übrigens auch in Kontakt.  

HORIZONT: Die Gruppe der U35, ein Zusammenschluss von „Presse“-Redakteuren unter 35 als interner Ideeninkubator wurde wiederbelebt, der sie früher selbst angehörten. Welche Revolutionen werden dort geplant?

Nowak: Das Thema Digital/Print ist dort eines der Hauptthemen. Da liegen ein paar Modelle am Tisch, ebenso über mögliche Erlösquellen, oder wie wir die Zeitung ausrichten wollen. Die Gruppe bleibt jedenfalls bestehen und dient nicht zuletzt als regelmäßiger Sparringpartner für den Chefredakteur.

HORIZONT: Ihr Vorgänger Michael Fleischhacker hatte eine sehr pointierte Negativmeinung über die Media-Analyse. Sehen Sie das Thema ähnlich?

Nowak: Sagen wir mal so: Sie ist methodisch kompliziert und lernintensiv für den neuen Chefredakteur der „Presse“. Aber prinzipiell sind die sportlichsten Ziele wahrscheinlich die interessantesten.

HORIZONT: In der ÖAK gab es im 1. Halbjahr 2012 einen Zuwachs in der verkauften Auflage und einen Rückgang in der Gesamtauflage…

Nowak: … was ideal ist.

HORIZONT: Gibt es dazu eine Vorgabe der Geschäftsführung?

Nowak: Und meine eigene: Wachsen. Und ich glaube, das gelingt.

HORIZONT: Der vorletzte Chefredakteur der "Presse" war Andreas Unterberger, seines Zeichens wohl der konservativste Journalist Österreichs, dann wehte mit Michael Fleischhacker der liberale Geist. Sie nehmen wieder gerne das K-Wort in den Mund. Wie konservativ muss der Presse-Chefredakteur denn sein?

Nowak: Er muss es nicht sein, aber er kann es sein. Das ist doch genauso gut.

HORIZONT: Und wie konservativ ist Rainer Nowak?

Nowak: Ein ganz gutes Beispiel fand ich die Debatte über Sexfibel über Volksschüler. Als Vater hat mich das interessiert. Es war interessant zu beobachten: Es gab Aufregung von rechts, dann haben alle Sexexperten und Erziehungsexperten einhellig erklärt, die Fibel sei "State of the Art", total cool und das müsse genau so sein. Jene Menschen, die dagegen etwas sagten, wurden sofort als verklemmt und altmodisch niedergeprügelt. In dem Folder wurde eine Heterofamilie genauso gewertet wie homosexuelle Lebensgemeinschaften, Transgender-Lebensformen - das stand dort wörtlich – bekamen ebenso viel Platz. Wer im Jahr 2013 mit Homosexuellen oder Transgender ein Problem hat, lebt in einem anderen Jahrtausend. Aber: Man darf doch auch sagen, dass man sich für die Familie nicht schämen muss und sie nicht ständig als von gestern dargestellt wird. Viele Menschen leben in der Konstellation und kämpfen dafür, mitunter mit großen Schwierigkeiten. Vater, Mutter, Kind kann durchaus daran scheitern und später in einer Patchwork-Variante glücklich sein. Da dürfen keine bürokratischen oder andere Prügel in den Weg gelegt werden. Jedoch so zu tun, als wäre Teil eins lächerlich, empfinde ich gelinde gesagt eine Frechheit. Das ist vielleicht das neue Bürgerliche.

HORIZONT: Sie würden aber auch keine Tränen vergießen, wenn Ihre Tochter in 20 Jahren eine Frau heiratet.

Nowak: Ich würde sogar genauso weinen, wie wenn sie einen Mann heiratet. Glück nennt man das dann landläufig.
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