'Ich denke wie ein Drogendealer'
 

'Ich denke wie ein Drogendealer'

Österreichischer Presserat
Investigativ-Journalist David Barstow sieht seinen Job als Ehe. Nicht jeder Tag sei ein Picknick, scheiden lassen will er sich aber nicht.
Investigativ-Journalist David Barstow sieht seinen Job als Ehe. Nicht jeder Tag sei ein Picknick, scheiden lassen will er sich aber nicht.

Pulitzer-Preis-Gewinner David Barstow erklärt in Wien, warum ihn mit dem investigativen Journalismus eine Hassliebe verbindet

Dieser Text erschien bereits am 16. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 42/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

David Barstow hat so ziemlich alle Freiheiten, die man sich als Journalist nur erträumen kann. Als Investigativ-Mann bei der New York Times kann es ihm schon mal passieren, dass er ein Jahr an einer Geschichte recherchiert; so geschehen bei seinen großen Enthüllungsstorys über Wal-Mart und das Pentagon. Für beide Geschichten erhielt Barstow den Pulitzerpreis. In Wien sprach er nun auf Einladung von Medienhaus Wien, Presseclub Concordia und Forum Journalismus und Medien (fjum) über sein Verständnis von investigativem Journalismus und seine Hassliebe zu ihm. 
So sagt er etwa, er hasse Social Media. Weil es die Journalisten dazu bringe, eigenständige Marken werden zu wollen. „Sie denken zu sehr an sich selbst und weniger an spannende Geschichten“, sagt Barstow. Auf der anderen Seite liebe er Social Media, weil sich dadurch viele neue Möglichkeiten ergeben. So wurde seine Wal-Mart-Story mehr als 20.000 Mal geteilt. „Ich liebe den Fakt, dass die sozialen Netzwerke uns einen explosiven Weg geben, eine globale Zuschauerschaft zu erreichen.“ Außerdem könne er sich durch Twitter & Co. schnell mit Experten vernetzen. 

Quellenschutz als Problem

Was den Pulitzer-Preisträger fast täglich umtreibt und was er daher hasst: Quellenschutz. Oder besser gesagt: Die Komplexität des Quellenschutzes. Durch die massenhafte Überwachung elektronischer Geräte sei es viel schwieriger als früher, Quellen effektiv zu schützen. Auf der anderen Seite mag er, sagt Barstow, dass diese neue Welt ihn sehr „old fashioned“ macht. „Ich denke wie ein Drogendealer“, sagt er. So lässt er keine elektronischen Geräte, vor allem Smartphones, in sein Auto. Auch von elektronischen Nachrichten will er nichts wissen. Wenn er mit Informanten reden will, geht er ganz klassisch zu ihnen nach Hause. 
Barstow hasst es außerdem, dass Beamte Anfragen oft als Anlass nehmen, um Journalisten zu nerven. Da heißt es dann schon einmal, dass man die Papiere gerne aushändige, das koste nur eben 15.000 Dollar oder dauere drei Jahre. „Ich habe schon jede Ausrede gehört, die es unter dieser Sonne gibt“, zeigt sich Barstow sichtlich genervt. Was der Pulitzer-Preisträger dagegen mag: seine Siegquote vor Gericht gegen uneinsichtige Beamte. So habe er bislang noch jeden Prozess gewonnen. Die schlimmste Behörde von ­allen sei das Pentagon – Barstow muss es wissen.

‚Du schreibst immer noch daran?‘ 

Wenn David Barstow zu Weihnachten mit seiner Familie zusammen kommt, hört er diese Frage immer wieder. „Was? Du schreibst immer noch an der Geschichte?“ Das nerve auf Dauer ziemlich. Was ihm dagegen sehr gefalle: seine Antwort auf diese Frage. Die lautet nämlich meist: ja. Das Geschäftsmodell der New York Times sei eben darauf ausgelegt, Leser zu erreichen, die besser gebildet sind und die Qualität wollen. Daher sei es gerechtfertigt, auch mal mehrere Monate an einer Geschichte zu recherchieren. „Das sind Storys, an die sich jeder in den nächsten Jahren erinnert.“•
stats