„Ich bekam Gänsehaut, als ich das erste Mal d...
 

„Ich bekam Gänsehaut, als ich das erste Mal die Bilder sah“

RTVE
Zum 500. Jubiläum der ersten Weltumsegelung wiederholte Spaniens Armada die Reise. Das Lab-Team war mit an Bord und filmte mit 360-Grad-Kameras. Mit VR-Brillen kann man fast "hautnah" am Erlebnis teilhaben.
Zum 500. Jubiläum der ersten Weltumsegelung wiederholte Spaniens Armada die Reise. Das Lab-Team war mit an Bord und filmte mit 360-Grad-Kameras. Mit VR-Brillen kann man fast "hautnah" am Erlebnis teilhaben.

Ein 16-köpfiges Team tüftelt beim spanischen Sender RTVE an neuen Formen, Zuseher in Fernsehbilder einzutauchen und Emotionen erlebbar zu machen. Der von Generationen gehegte Kindheitstraum, in den Fernseher zu steigen, spielt dabei immer mehr eine Rolle.

Dieser Artikel erschien zuerst in update #3/2019, dem Digitalmagazin des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken!

Spaniens öffentlich-rechtlicher Rundfunk, die Corporación de Radio y Televisión Española, S.A (kurz RTVE) hob bereits 2011 ein „Innovationslabor“ aus der Taufe. Das RTVE Lab dient dazu, klassische TV-Formate, insbesondere im Dokumentarbereich mit interaktiver Steuerung der Inhalte und Zusatzinfos sowie neue Narrativ-Stränge zu modernisieren. „Im Lab fokussieren wir stark auf transmediale Inhalte“, betont Miriam Hernánz Rodríguez, Chefredakteurin des RTVE-Labs im Interview mit UPDATE: „Webdocs und interaktiver Content sind neben Virtual Reality und ‚immersiven‘ 360-Grad-Videos der aktuelle Fokus der Arbeit im RTVE Lab. Es geht um das Erleben in der digitalen Welt“, folgert Hernánz aus: „Und das Einbinden löst Emotionen beim Zuseher aus.“

Auf der anderen Seite gehe es auch darum, klassische TV-Formate mit Zusatz-Service aufzustocken, wie es etwa um den Korruptionsskandal des Kirchner-Clans in Argentinien („Cuadernos de Coimas“, siehe unten) der Fall war. Um hochkomplexe Sachverhalte oder umfangreiche Daten logisch, einfach-rezipierbar und vor allem verständlich, manchmal auch spielerisch erfahrbar zu machen, dafür eigne sich transmedialer Content ideal, sagt Hernánz.

 „Immer im Digitalen“

Nach dem Journalistik-Studium an der Madrider Complutense Universität arbeitete Hernánz bei elmundo.es, damals eine Referenz in Sachen Online-Journalismus, und lernte unter anderem von Borja Echevarría (aktuell bei El País Vize-Chefredakteur). Über Praktika gelangte sie schließlich zur RTVE. Erst bei einem TV-Programmformat, bis die Beamtenprüfungen anstanden, und die damals 24-jährige Journalistin 2008 mit Best-Score eine Fixstelle erhielt. „Ich war immer im Digitalen“, betont sie: „Damals gab es keine digitalen Nachrichten auf der Website, nur das Programm war online. Mein Feld war zum Auftakt Soziales und spanische Innenpolitik.“ 2011 eröffnete sich die Möglichkeit das Lab aus der Taufe zu heben, sagt Hernánz. „Die Idee spukte schon lange in meinem Kopf herum, es war in gewisser Weise der natürliche Lauf der Dinge.“ Ismael Recio war Chef damals, als Web-Designer.” Wir sind ein multidisziplinäres Team, wir haben Journalisten, aber auch Web-Designer, Entwickler und Grafiker.

Seit 2015 ist sie nun am Lab-Ruder, 15 Mitarbeiter sind ihr unterstellt. „In meinem Lab ist das Team kein statistisches, es gibt viel Rotation. Wenn man immer im selben Bereich arbeitet, macht man zwangsläufig immer dasselbe. Das bremst die Innovation”, unterstreicht sie: „Das ist das Spannende, und wir sind ständig auf der Suche nach neuen Talenten.“ Fixplatz im Fernsehprogramm habe man keinen, wobei punktuell, wenn neue Inhalte produziert wurden, oder eben in Kooperation mit Sendeformaten erstellt werden, in den Nachrichten, oder eben in den Programmen (etwa „Informe Semanal“, die „Wochenschau“) zum Lab berichtet wird, und die Resultate der Arbeit präsentiert werden würden. Wichtigstes dabei ist „En Portada“ (dt. „Auf der Titelseite“), das seit über 30 Jahren höchste Quote mit hintergründigen, internationalen Reportagen erzielt. (Fortsetzung unten)

In "Abstieg in eine illegale Mine" erlebt der Zuseher den harten Alltag eines Bergarbeiter in einem Kohlebergwerk im nordmarokkanischen Jerada und kriecht durch die engen Schächte.
RTVE
In "Abstieg in eine illegale Mine" erlebt der Zuseher den harten Alltag eines Bergarbeiter in einem Kohlebergwerk im nordmarokkanischen Jerada und kriecht durch die engen Schächte.
RTVE

Synergien mit Sendeformaten

Für die Verbreitung der Lab-Inhalte seien natürlich die Synergien mit den Social-Media-Kanälen (Twitter, Youtube, Facebook) der potenten Sendeformate des Rundfunkgiganten essenziell. Selbst mit dem Lab zählt man knapp 12.000 Follower auf Twitter, „nichts verglichen mit den ‚Großen‘ der RTVE“, sagt Hernánz. Aber auch Kooperationen mit Partnern, wie mit Fact-Checkern (in: „Guerra a la mentira“, „Krieg der Lüge“) oder eben um die vergangenen Parlamentswahlen im Frühjahr 2019 mit „Dataista“ (Datenjournalismus) sind ein Eckpfeiler der Arbeit, und helfen bei der Verbreitung. Auch aktuell bei den diesjährigen spanischen Journalismus-Design-Preisen (Premio ÑH) wurden Lab-Kreationen mehrfach preisgekrönt.

Für Aufsehen sorgte in Spanien die Lab-Kreation zum Thema des Kohleabbaus in den längst stillgelegten Minen bei Jerada in Nordmarokko, wo es in den vergangenen zwei Jahren zu zahlreichen Todesfällen kam, auf die Proteste und gewaltsame Ausschreitungen folgten. In der interaktiven Dokumentation wird es dem Zuseher erlaubt, Bergarbeitern in die selbstgegrabenen Schächte zu folgen. Ein klaustrophobisches Erlebnis, auch wenn man sicher am PC, Laptop, Tablet oder Smartphone sitzt. Zur Entstehung des Contents, der einem selbst klaustrophobisch auf die Magengrube und Luftröhre drückt, sagt Hernánz, „dass die Journalistin, die vor Ort in Nordmarokko recherchierte wegen der ständigen Lebensgefahr niemals selbst in die Schächte hinabgestiegen wäre, aber ein Minenarbeiter erklärte sich bereit, eine GoPro-Kamera an den Helm zu schnallen“. Die Videobilder sind exzellent, gut-ausgeleuchtet, so bauten wir einen interaktiven Inhalt um das Material, bis hin zu Infos zur Lebenserwartung und gesundheitlichen Beschwerden, die durch das tagtägliche, stundenlange, harte Arbeiten auftreten werden. „Mir wurde selbst ganz anders, ich bekam eine Gänsehaut, als ich das erste Mal die Bilder sah. Und ein jedes weitere Mal ebenso“, betont die Lab-Chefredakteurin.

Eintauchen können

Die Zukunft sieht Hernánz nicht in einem separaten „Lab“, wie es aktuell ist, sondern einer Öffnung zu allen Programmbereichen der RTVE, auf dass neue Formen der Content-Aufbereitung und -vermittlung breitenwirksamer dem Publikum präsentiert werden. Aktuell würden im Schnitt 65 Prozent der Lab-Inhalte von mobilen Endgeräten abgerufen, Spitzen markieren dabei bis zu 80 Prozent der User. Den Rest machen Premium-Devices, Smart-TVs, und stets weniger Laptops oder PC aus. VR-Inhalte würden über die eigene App der RTVE abgerufen werden, sagt sie. „Besonders beliebt sind Inhalte, wo man regelrecht eintauchen kann, und dabei kommen uns die 360-Grad-Videoaufnahmen sehr gelegen”, weiß Hernánz. Wie man es etwa bei Projekten mit Theatermachern zum Madrider Kassenschlager „Misantropo“ (Teatro Kamikaze), zu Spartensport um die vergangene Olympiade in Rio de Janeiro („Vive Rio: Heroinas“, „Lebe Rio: Heldinnen“) oder nun zum 500-Jahr-Jubiläum der ersten Weltumsegelung durch Ferdinand de Magellan umgesetzt hat. Dafür begab sich die RTVE-Lab-Crew mit Journalisten-Kollegen an Bord des Ausbildungsschiffs der spanischen Armada, der „Elcano“, um die Leistung von vor einem halben Jahrtausend zu wiederholen. Dem Zuseher wird es dabei dank 360-Grad-Videos einmal mehr möglich, selbst Teil des Abenteuers zu werden.

[Story von Jan Marot]

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