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"Höflichkeit darf nicht der Tod der Ehrlichkeit sein"

Johannes Brunnbauer

Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit", hat bei den Österreichischen Medientagen 2019 zu mehr Mut und Diskurs aufgerufen - und veranschaulicht, warum Belehrungs-Versuche beim Leser ins Leere laufen.

"Es ist kein Naturgesetz, dass es uns schlecht gehen muss", erteilte Di Lorenzo in seiner Keynote weit verbreiteten Medienuntergangs-Szenarien eine klare Absage. Trotz widriger werdender Umfeld-Bedingungen setze man gerade bei der Zeit klare Gegensignale: "Uns geht es heute wesentlich besser als noch vor 15 Jahren". Heute habe man über diese Zeitspanne 40 Prozent mehr Redakteure.

Auch die Wochenzeitung steckte einmal "tief in den roten Zahlen" - für Di Lorenzo dennoch ein heilsamer Prozess. "Die Krise hat uns geholfen. Wir mussten ein neues Verhältnis zu den Lesern finden, eines auf Augenhöhe". Ein Belehrungs-Journalismus, den der Chefredakteur derzeit in der Branche beobachtet, bewirke dabei das genaue Gegenteil: "Wir müssen zu der alten Tugend zurückkehren, nicht immer alles zu bemeinen."

Den "pain points" auf der Spur

Im stetigen Wandel sei eine ausgeprägte Feedback-Kultur - auf beiden Seiten der Kommunikationsebene - unausweichlich. Eine interne Taskforce wurde eingerichtet, die Zeit-Journalisten über deren Meinung und Veränderungswünsche befragte. Das Ergebnis: "Umwerfende Offenheit". Dabei habe man eine Reihe sogenannter "pain points" identifiziert, die es auszumerzen galt. Viele Kollegen kritisierten dabei mangelnde Ehrlichkeit. "Höflichkeit ist wichtig, aber darf nicht Tod der Ehrlichkeit sein", betonte Di Lorenzo. Gemeinsam mit den Journalisten habe man zudem neue Produkte,wie Zeit Campus oder Zeit Verbrechen entwickelt. Diversifikation identifizierte Di Lorenzo auch als Erfolgsfaktor der Zeit.

Johannes Brunnbauer

Die Offenheit sollte sich auch beim Leser fortsetzen. Mit einem Leserparlament und der "Freunde der Zeit"-Initative soll auch die Stimme der Rezipienten gehört werden. Denn: "Die Leser haben auch Alternativen. Wir müssen ihnen gute Argumente liefern, damit sie bei uns bleiben". Einen Verdruss der Jungen gegenüber Print will di Lorenzo dabei nicht erkennen. Bei der Zeit habe man kann keine Abwanderung junger Leser beobachten können, und wenn doch, seien diese dem Digital-Abo zugewandert.

Streit für die Demokratie

"In keinem anderen Medium in Deutschland" erhalte man so "unterschiedliche Meinungen" wie bei der Zeit, fuhr Di Lorenzo fort. Nur die Ränder würden hier in Diskussion gehen, die große Mitte scheine "defensiv und sprachlos". Um der "vergifteten" Streitkultur entgegenzuwirken, habe man das neue Streit-Ressort bei der Zeit ins Leben gerufen. "Unterschiedliche Meinungen sind wichtig, damit man sich seinen eigenen Standpunkt bilden kann." Vergiftetes Klima ortete Di Lorenzo allerdings auch innerhalb der Branche. Aus seiner Sicht wäre in Deutschland etwa "undenkbar", wie Kollegen mit Falter-Chefredakteur Florian Klenk nach dessen Berichten über die ÖVP umgegangen seien.

Diversität hört bei Di Lorenzo allerdings nicht in der Meinung auf, sondern reicht bis in die Besetzung der Redaktionen. "Wenn wir den öffentlichen Diskurs als Medien strukturieren wollen, dürfen wir nicht nur unsere eigene Blase bedienen", schlussfolgerte der Chefredakteur. Dazu brauche es Journalisten mit unterschiedlichem Background, politischem Meinungsspektrum und auch unkonventionelleren Bildungswegen.

Weg vor der Krise

"Wir müssen den Journalismus schon alleine retten", ermutigte Di Lorenzo zudem die Anwesenden im Saal. Dabei gelte es, Veränderungen proaktiv einzuleiten: „Gehen Sie den Wandel an, auf der jeder Ebene, so lange es Ihnen noch gut geht." Bei Reformen aus der Krise heraus gebe man schließlich die Zügel am eigenen Produkt aus der Hand.

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