"Hat nicht einmal im Smalltalk Platz"
 

"Hat nicht einmal im Smalltalk Platz"

Die Vorsitzende des Frauennetzwerks Medien, Karin Strobl, im Interview über die deutsche Sexismus-Debatte rund um den FDP-Politiker Rainer Brüderle, wo sie selbst Anzüglichkeiten erlebt hat und wo eindeutige Grenzen im professionellen Miteinander verlaufen.

HORIZONT online: Frau Strobl, ganz Deutschland diskutiert über eine „Stern“-Story, in der eine junge Journalistin darüber berichtet, der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle habe ihr gegenüber anzügliche Äußerungen gemacht. Was halten Sie davon, dass die Kollegin dies öffentlich macht?

Karin Strobl: Sie spricht etwas an, von dem ich mir sicher bin, dass es manche Journalistinnen sicher schon einmal in der einen oder anderen Form erlebt haben. Es geht einfach nicht, dass Herrenwitze oder Saunawitze gemacht werden. Das hat nicht einmal im Smalltalk Platz. Als Politiker oder Manager muss ich so viel Professionalität mitbringen, dass ich die Ebene der Professionalität nie verlasse und unter die Gürtellinie gehe. Und  wenn immer die Rede davon ist, dass Österreich hinterher hinkt: Wir hatten den Aufschrei schon 1993, als die Abgeordnete Teresa Stoisits damals in einer Sitzung des Innenausschuss zum Mikrofon ging und ein ÖVP-Abgeordneter meinte "In den Mund nehmen und fest daran lutschen". Damals gab es eine Riesendiskussion über Sexismus in der Politik. Aus meiner eigenen Wahrnehmung heraus glaube ich auch, dass das ein Generationenproblem ist, weil jüngere Manager und Politiker weniger in diese Falle tappen. Da sind die Sinne schon mehr geschärft: Die wissen ganz genau, was Sexismus ist und welche Ebenen sie nicht zu verlassen haben.

HORIZONT online: Haben Sie selbst auch schon einmal die Erfahrung machen müssen, dass Ihnen ein Politiker mit einer anzüglichen Bemerkung zu nahe trat?


Strobl: Auch mir persönlich ist passiert, dass ein Politiker zu mir im Smalltalk gesagt hat: „Naja, Sie sind ja eh so hübsch, Sie könnten für den Jungbäuerinnenkalender posieren.“ Ich war bass erstaunt, dass mir das passiert – ich war damals sogar schon Vorsitzende des Frauennetzwerk Medien. Ich habe ihn dann zur Seite genommen und ihm gesagt, dass das sexistisch war. Er hat sich sofort dafür entschuldigt. Deswegen will ich jetzt auch nicht öffentlich machen, wer das war. Es geht ja auch darum, das klar anzusprechen.

HORIZONT online: Es sagt ja eigentlich sehr viel über den Status Quo aus, dass sogar der Vorsitzendenden des Frauennetzwerk Medien solche Bemerkungen nicht erspart bleiben.

Strobl: Ich bin ja kein schüchterner Mensch und auch keine Studentin oder Jungjournalistin mehr. Wenn ich mir junge Kolleginnen vorstelle, die auf der einen Seite in der Redaktion den Druck haben, Geschichten zu keilen, das muss ja nicht in der Politik sein, und daher Kontakte aufbauen, möchte ich nicht wissen, wie viele Kolleginnen sich hier etwas gefallen lassen müssen. Es ging ja früher sogar soweit – das ist jetzt Dekaden zurück – da waren Grapscher unterwegs. Das war in den 70er Jahren.

HORIZONT online:  Im Zuge der Debatte um den „Stern“-Artikel wird auch eine Diskussion darüber geführt, wo und wann dieser Zwischenfall passiert ist, nämlich beim informellen Ausklang eines politischen Tages. Die Journalistin traf Brüderle an der Hotelbar. Verstehen Sie, dass man der Kollegin das nun vorwirft, wie dies im deutschen Feuilleton teilweise passiert?

Strobl: Die Frau ist immer Journalistin. Sieben Tage die Woche 24 Stunden lang. Und das muss ich als Politiker oder Manager wissen, selbst an der Hotelbar. Warum soll ich mich nicht mit einem Politiker treffen, und mich informell austauschen? Diese Grenze darf aber nie überschritten werden. Ich spitze jetzt bewusst zu, aber das beginnt auch bei Komplimenten. „Heute schauen Sie besonders gut aus“ – das geht nicht. Das hat man einfach zu ignorieren. Da würde ich einigen Politikern, aber auch Kollegen, den Elmayer ans Herz legen. Ich kann als Politiker einer jungen Kollegin auch nicht das Du-Wort anbieten. Es ist unangemessen: Ein Mann bietet einer Frau prinzipiell kein Du-Wort an. Damit sagt er ja nur aus, dass er ihr höhergestellt ist. Andersherum gefragt: Welche Politikerin gibt es, die einem jungen Kollegen sagt: „Heute schauen Sie aber super aus.“ Oder: „Die Jeans ist besonders eng heute.“

HORIZONT online: Abgesehen von Kommentaren über enge Kleidung. Gibt es Ihrer Meinung nach eine Disposition, in der ein Kompliment zulässig wäre?

Strobl: Ich kann mich über die Arbeit äußern. Aber das hat nichts mit der Person zu tun. Das hat in der beruflichen Zusammenarbeit nichts zu suchen. Es ziemt sich auch überhaupt nicht, jemanden vor Publikum anzusprechen, weil er oder sie gut ausschaut. Das zeugt von keiner guten Stube.

HORIZONT online:  Die ältere Generation tut sich in diesen Fragen schwerer, sagen Sie. Das heißt, der Sexismus nimmt seit Jahren ab?

Strobl: Ja das stimmt. Aber man muss dennoch die Sinne schärfen. Auch als Frau: Ich kann auch nicht als 40-Jährige Chefredakteurin einen jungen Kollegen, der vielleicht ins Fitnessstudio geht, darauf ansprechen, dass ihm sein T-Shirt gut steht. Das geht nicht. Diese Ebene überschreitet man auch als Frau nicht. Und als Politiker an einer Bar muss ich mir bewusst machen, dass ich dort mit Journalistinnen und Journalisten stehe. Deswegen habe ich mich professionell zu verhalten. Punkt.

HORIZONT online:  Gab es in den vergangenen Jahren entsprechende Beschwerden, die an das Frauennetzwerk Medien herangetragen wurden?

Strobl: Wir haben vor einigen Jahren einen ehemaligen ORF-Verantwortlichen für das „Handtaschl“ (vom Frauennetzwerk vergebene Negativauszeichnung für Sexismus, Anm.) nominiert, weil Zeugen uns glaubhaft machen konnten, dass er eine ORF-Kollegin nicht vor der Kamera einsetzen wollte, weil sie vom Körperbau her nicht geeignet gewesen sei, ohne jetzt die Worte zu wiederholen, die tatsächlich gefallen sind. Beim Elmar Oberhauser (langjähriger Sportchef, Informationsdirektor und oftmaliger Interviewer, Anm.) war das aber nie eine Diskussion. Warum muss ich mir das als Frau anhören, während es bei einem Kollegen überhaupt kein Thema ist, wieviel Kilos er um die Leibesmitte hat?

HORIZONT online:  Finden sich Frauen im Journalismus nicht in einer besonders perfiden Lage wieder? Man buhlt ja von Berufs wegen um Aufmerksamkeit. Kehrt eine Frau dabei ihr Aussehen zu sehr heraus, kann ihr das ebenso zum Verhängnis werden, wie wenn sie optischen Ansprüchen nicht genügt, wie im Fall der ORF-Kollegin.

Strobl: Da darf ich Anneliese Rohrer zitieren: "Bitte nicht in die Girlie-Falle tappen." Sondern einfach nur durch Professionalität den Respekt erarbeiten und nicht über tiefe Ausschnitte oder kurze Röcke.

HORIZONT online:  Frauen bleibt aber unterm Strich in punkto Aussehen trotzdem immer das Problem der Rechtfertigung hängen, oder? Entweder zu gut oder zu schlecht, wenn man es extrem formulieren möchte.

Strobl: Allein, dass wir Frauen uns über so etwas Gedanken machen müssen, zeigt ja auch eine gewisse Problematik auf, oder? Ich kann eigentlich nur raten: Gutes Selbstbewusstsein kann man lernen, genauso wie Schlagfertigkeit. Notfalls auch physische wenn es sein muss (lacht).

Weitere Informationen zum Frauennetzwerk Medien gibt es hier.
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