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Harald Sicheritz wird 60: ‚Hartnäckigkeit hat sich letztendlich bewährt‘

Vered Adir

Zu seinem 60. Geburtstag blickt Harald Sicheritz zurück auf seine Jahre als Rockmusiker, die Entscheidung für Film als Folge einer Lebenskrise und was ihn unverändert an der Arbeit für die Werbebranche reizt.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 26/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Die Faszination für den Film hat sich bei dem in Wien-Favoriten groß gewordenen Künstler bereits früh geäußert. Nachdem Harald Sicheritz im Alter von sechs Jahren aus der ersten Kinovorstellung seines Lebens gekommen war, wandte er sich mit der Frage an seinen Vater, wer denn diese Filme mache. Der antwortete knapp: „ein Regisseur“. Es sollten jedoch noch Jahrzehnte über berufliche Umwege vergehen, bis Sicheritz erstmals selbst bei einem Spielfilm Regie führte. Zuvor studierte er Politik- und Kommunikationswissenschaften und promovierte mit der Dissertation „Wie unterhält das Fernsehen?“ 1983 zum Dr. phil.

TV als zufälliger Karrierestart

Bereits parallel zum Studium lernte Sicheritz die Fernseharbeit über einen Nebenjob beim ORF kennen. „Mehr durch Zufall als aufgrund von ehrlichem Interesse habe ich damals einen Job beim ORF als Inspizient bekommen“, so Sicheritz im HORIZONT-Gespräch. „Mein äußeres Erscheinungsbild, mit meinem ziemlich langen Haar, hat dort nicht allen gefallen. Man mochte aber meine Arbeit und übertrug mir Aufgaben, die keiner machen wollte oder die besonders schwierig waren – so habe ich mich damals dem Medium angenähert.“ Er war schließlich mehrere Jahre als Redakteur für das damalige ORF-Jugendmagazin „Ohne Maulkorb“ tätig.

Zur selben Zeit avancierte Sicheritz als Bassist der Band „Wiener Wunder“ zum gut gebuchten Rockmusiker. Durch zahlreiche Auftritte in bekannten Szene-Clubs wie dem U4 entwickelte sich seine Musikerkarriere kurzzeitig zu einem professionell betriebenen Standbein. Den musikalischen Höhepunkt markierte dabei der Erfolg des Songs „Loretta“, mit dem die Band 1986 sogar einen Hit an der Spitze der österreichischen Charts landete. „Ich habe das mit der Musik sehr ernst genommen und es hat mir große Freude gemacht. Aber es ist mir dennoch relativ früh klargeworden, dass man davon alleine nicht leben kann beziehungsweise leben will.“

Spielfilm als ‚Überlebensfrage‘

Einen dramatischen Wendepunkt erlebte Sicheritz, als er im Alter von dreißig Jahren am Ende der 1980er schwer erkrankte. „Mit der Diagnose Knochenkrebs lag ich ein Jahr lang im Spital – da hatte ich viel Zeit zu überlegen, was ich denn täte, wenn ich das überstehe. Ganz oben auf meiner Liste stand, dass ich in meinem Leben gerne einmal einen Spielfilm gedreht hätte und beschloss, das im Falle meines Überlebens in die Tat umzusetzen.“

Mit Nachdruck zum Ziel

Nach erfolgreicher Genesung begann er sein neu erklärtes Ziel umzusetzen und absolvierte dazu (unter anderem am renommierten American Film Institute in Los Angeles) mehrere Regie- und Drehbuchausbildungen. Zurück in Österreich sollte es jedoch noch einige Zeit dauern, bis er mit der schwarzen Komödie „Muttertag“ sein Leinwanddebüt feiern konnte, denn das Drehbuch zum mittlerweile als Kultfilm angesehenen Streifen blitzte damals satte drei Mal bei den Förderstellen ab. „Letztendlich hat sich jedoch meine Hartnäckigkeit bewährt“, resümiert Sicheritz. „Bis heute“ sei es „meistens so, dass ich – wenn ich von etwas überzeugt bin – die Menschen so lange ermüde, bis ich sie für meine Idee gewinnen kann“.

Dank des durchschlagenden und nachhaltigen Erfolgs von „Muttertag“ galt Sicheritz bald als einer der bedeutendsten österreichischen Regisseure. Neben erfolgreichen Fernsehproduktionen wie „Kaisermühlenblues“ und „MA 2412“ zeichnet Sicheritz auch für die Gestaltung zahlreicher Werbespots, darunter von 1999 bis 2010 „Familie Putz“-Spots, verantwortlich. „Bis heute mache ich gerne Werbung, weil ich es immer schon spannend gefunden habe, in 20 Sekunden eine Geschichte zu erzählen“, meint der Regisseur. Kino sei allerdings „die absolute Königsdisziplin, da der Umstand, dass sich Menschen, die einander nicht kennen und zufällig im Kino versammeln, eine Form der Rezeption erleben, die durch nichts ersetzt werden kann“.

Erfolg passiert

Seit seinem Filmdebüt weiß der erfolgsverwöhnte Regisseur wie kaum ein anderer, geschickt den Nerv des Publikums zu treffen. Mit seinen Kinofilmen kommt Sicheritz so regelmäßig auf sechsstellige Besucherzahlen und stellte dabei mehrere österreichische Rekorde auf. „Hinterholz 8“ und „Poppitz“ belegen in der seit 1982 geführten Kino-Besucherstatistik des Österreichischen Filminstituts bis heute die Plätze eins und zwei. „Ich war aber ganz sicher nie in meinem Leben so töricht, zu glauben, dass das, was ich mache, auch irgendeinen Erfolg beim Publikum haben muss, nur weil das schon mal in der Vergangenheit gelungen ist – das würde ich als ein Indiz für Dummheit werten.“ Auf die Frage, ob der ökonomische Erfolg einfach so passiere, sagt er: „Ganz ehrlich, der passiert oder nicht. Weil man sich der Kunst verpflichtet fühlt und sich nie von strategischem Geplänkel irritieren lassen darf.“

Seinen 60. Geburtstag plant der Wiener mit einigen Wegbegleitern schlicht zu begehen. „Ohne besonderes Programm – einfach in einer lang nicht mehr zusammengestellten Runde sitzen und reden. Dafür sind ja solche Daten auch da. Heute geht’s einmal darum, dass man mich 60 Jahre lang nicht umbringen konnte.“

Auf die Frage, was er aus der sechs Jahrzehnte langen Lebenserfahrung jungen Leuten mit auf den Weg geben würde, erklärt Sicheritz: „Ich mag mir einen Gedanken von meinem guten Freund Alfred Dorfer borgen, der in einem seiner Programme sagt: Das Älterwerden hat schon etwas sehr Positives für sich. Zum Beispiel, wenn junge Menschen zu einem kommen und fragen, wie denn manches zu sehen wäre. Da kann man sich zunehmend entspannt zurücklehnen und sagen: Ich weiß es nicht.“

[Mathias Hadwiger]


Zur Person

Harald Sicheritz, geboren am 25. Juni 1958 in Stockholm, gilt als einer der erfolgreichsten heimischen Drehbuchautoren und Regisseure. Seine Filme „Hinterholz 8“ und „Poppitz“ belegen in der Bestenliste der österreichischen Kinokassenerfolge die Plätze eins und zwei. Aktuell führt Sicheritz unter anderem Regie in der ORFFernsehserie „Vorstadtweiber“.

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