Good bye, Michael Walter
 

Good bye, Michael Walter

Viel zu jung mit 65 Jahren gestorben: Michael Walter, bis 2005 Leiter des Fachbereich Anzeigen Gruner+Jahr Hamburg, ist am Wochenende verstorben. Er hat auch in Österreich Zeichen gesetzt.

Einer seiner letzten großen, (Fach-) Öffentlichen Auftritte in Wien fand 2005 statt, anlässlich eines FMP-Symposiums „Mediaforschung, quo vadis? Stellen wir noch die richtigen Fragen?“:

Michael Walter, damals kurz vor seinem Rückzug aus seinen aktiven Funktionen bei Gruner+Jahr Hamburg, diskutierte da engagiert und mit einer unglaublichen, gelebten Kompetenz zum Thema „Mediaforschung 2005. Wo stehen wir? Wo wollen wir hin?“ das Problem der „Validität“ – also Aussagegültigkeit – von Media-Marktstudien: Und hatte keine Scheu, sehr nachhaltig darüber nachzudenken, wieweit die tradierte Erhebungs- und Fragemethodik der (Print-) Media-Analyse ausreicht (Weniger „Was hast Du gestern in der Hand gehabt und durchgeblättert“, sondern eher „Mit welcher Wahrscheinlichkeit werden Sie den Titel XX in den nächsten Tagen lesen?“ wäre für die Werbewirtschaft – und in Walters Perspektive: auch für die Verleger und Verlage) wohl aussagekräftiger. Ähnlich stellte Walter die Definiton des „Kontaktes“ zur Disposition: Genügt es zu erfragen, ob der Rezipient Kontakt mit dem Werbeträger hatte – so wie damals und heute, oder sollte nicht als nächste Stufe der Kontakt mit dem Werbemittel gemessen werden?
Michael Walter war aber nicht nur ein leidenschaftlicher Optimierer und Nach-Denker über die Usancen der (Print-) Medienforschung, der Mann war vor allem Realist: Auf die Frage des Autors damals, worin sich denn eine Media Analyse 2005 quasi „auf der grünen Wiese konzipiert“ von der 1964 aufgesetzten unterscheiden würde, antwortete Walter: „Fast gar nicht. Denn alle neuen Ansätze sind zu wenig verprobt, um wirklich sichere Aussagen liefern zu können. Und das wiederum mit dem eigentlichen Grund etwas zu tun, warum ein MA-Fragebogen heute noch so aussieht wie vor 30, 40 Jahren: Die Kosten.“ Nachsatz: Wir haben einfach - noch - nihcts wirklich Besseres.

Über Kosten (und Erträge) wusste Michael Walter ein Forscher- und Verlagsleben Bescheid: Der gebürtige Hamburger kam nach dem Studium der Betriebswissenschaften 1971 als Assistent in die Marktforschung des deutschen Magazin-Giganten Gruner+Jahr – und blieb dort sein ganzes Berufsleben. Die Chancen, die ihm der Verlag unter dem Dach von Bertelsmann bot, waren einfach ohne Alternative: Michael Walter wurde 1984 Abteilungsleiter Marketingforschung und –service bei G+J, 2004 wurde er Leiter des Fachbereichs Anzeigen. Eine massgebliche Position bei G+J hatte Walter von 1994 bis 2007 inne: Er vertrat die leitenden G+J Angestellten im Aufsichtsrat von G+J. So kam es auch, dass Michael Walter 1998/1999 und folgende Jahre des öfteren nicht als Forscher, sondern als Vorstandsmitglied in Wien weilte – als 1998 nach einem sehr persönlichen Entscheid des damaligen G+J Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen G+J bei Helmuth und Wolfgang Fellners Verlagsgruppe News eingestiegen war. Hinfort pendelte Walter bei seinen Wien Aufenthalten zwischen der G+J Repräsentanz am Parkring und dem neu erworbenen Verlagshaus am Donaukanal (und lernte dabei Welten, die unterschiedlicher nicht sein konnten, kennen).

Seine eigentliche Leidenschaft lag in der Forschung: Michael Walter füllte mit großem Engagement und anerkannter Kompetenz Positionen bei der ag.ma (dem Pendant der Media-Analyse), VDZ (Zeitschriftenverband) und LAE Leseranalyse (Entscheidungsträger) aus.
Der Autor hat in den wenigen, aber sehr intensiven Gesprächen mit Michael Walter lernen dürfen, dass ein veritables Interesse an der Vermarktbarkeit der Publikationen des eigenen Hauses nicht notwendig die Gestion im Umgang mit Kunden und Agenturen und schon gar nicht den klaren forscherischen Blick auf Methodik und Ausweisung trüben müssen.
Danke, Michael Walter!
stats