Giovanni di Lorenzo, 'Die Zeit': "Ich glaube,...
 

Giovanni di Lorenzo, 'Die Zeit': "Ich glaube, man nimmt uns nicht mehr alles ab"

Jim Rakete
"Auch im Streit um die Flüchtlingspolitik ist es richtig, dass die Medien inzwischen die unterschiedlichsten Positionen stärker abbilden", so di Lorenzo.
"Auch im Streit um die Flüchtlingspolitik ist es richtig, dass die Medien inzwischen die unterschiedlichsten Positionen stärker abbilden", so di Lorenzo.

Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo spricht im Interview über mediales Selbst­verständnis und die Werte Transparenz, Wahrheit und Unabhängigkeit.

Dieser Artikel erscheint ebenso in der HORIZONT-Ausgabe 43/2016 vom 28. Oktober. Hier geht's zum Abo.

HORIZONT: Österreichs Bundeskanzler Christian Kern hat im Gespräch mit Ihnen zuletzt die politische Klasse aber auch Medien in die Pflicht genommen und gemeint, das ständige Aburteilen, das jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf zu treiben, müsse reduziert werden. Sie haben zuletzt ähnliches gefordert. Ist das ein Problem, das Medien aktuell haben?

Giovanni di Lorenzo: Es hat diesbezüglich ganz wilde Jahre gegeben, die uns im Nachhinein betrachtet sehr geschadet haben. Denken Sie an die Hatz gegen den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff. Es gab viele, die sich davon angewidert fühlten. Mein Eindruck ist aber, dass das reflexartige Hoch- und Runterschreiben mittlerweile abgenommen hat.

Worauf führen Sie das zurück?

Ich denke, dass der Fall Wulff eine Reihe von Kollegen im Rückblick sehr erschreckt hat. Wir hatten es in der Zeit mit einer schweren Euro-Krise und dem dramatischen Aufkommen des Syrien-Konflikts zu tun; und wir haben praktisch zwei Monate lang wie Süchtige nichts anderes gemacht, als auf neue Wulff-Nachrichten zu warten.

Dass am Ende von den Vorwürfen kaum etwas übrig geblieben ist und dass der Flurschaden so groß war, hat doch einigen sehr zu denken gegeben. Wenn die mediale Lawine einmal losgetreten ist, gibt es für den Betroffenen praktisch kein Mittel mehr, sich richtig zu verhalten. Vielleicht haben wir aus dieser Skandalisierungswelle dann doch noch notwendige Konsequenzen gezogen.

Haben Sie das gemeint, als Sie in Ihrer Dresdner Rede forderten es brauche Medien, die nicht mit den Wölfen heulen?

Das meine ich in der Tat. Ich habe schon oft beklagt, dass die Konformität der Berichterstattung aus meiner Sicht mit ein Grund ist für das schwindende Vertrauen einiger Leserinnen und Leser in die klassischen Medien.

Auch im Streit um die Flüchtlingspolitik ist es richtig, dass die Medien inzwischen die unterschiedlichsten Positionen stärker abbilden. Bei der ZEIT tragen wir unsere Meinungsverschiedenheiten nicht nur bei diesem Thema im Blatt transparent und offen aus.

Haben sich Medien auf ihre zugeordnete Funktion rückbesinnen müssen?

Die Autorität der Medien hat gelitten, so wie inzwischen die Autorität jeder gesellschaftlichen Institution von der Kirche über die Politik bis zu den Banken. Wir dürfen uns allerdings von jenen, die das Establishment auf den Knien sehen wollen, wie Kanzler Kern es ausgedrückt hat, nicht verrückt machen lassen.

Die sind ein wahrnehmbarer, lauter Teil der Bevölkerung. Aber beileibe nicht die Mehrheit. Trotzdem: Es gibt genügend Menschen, die Fragen stellen, auf die wir überzeugende Antworten liefern müssen. ‚Wie unabhängig seid ihr?‘ ‚Wie recherchiert ihr?‘ All das müssen wir dem Leser überzeugend beantworten.

Ist das eine Frage der Transparenz?


Auch. Und in diesem Punkt, finde ich, waren wir zuletzt zu defensiv. Wir können die Fragen ja gut beantworten. Aber wir müssen uns die Mühe machen. Bei der Zeit erklären wir mittlerweile unter großen Geschichten in Transparenz-Kästen zum Beispiel, mit wie vielen Leuten wir geredet haben, an welche Orte wir gefahren sind oder wo wir in der Recherche nicht weiter gekommen sind. Viele Menschen sind erstaunt und haben wenig Vorstellung davon, wie intensiv und aufwändig wir tatsächlich recherchieren.

Das heißt Journalismus muss sich stärker selbst erklären?

Ich glaube, wir müssen besser vermitteln. Und ich glaube, man nimmt uns auch nicht mehr alles ab. Selbst uns – ich sage das als Chefredakteur eines Blattes, das als ein Markenzeichen die Meinung hat – merkt man inzwischen an, dass wir nicht zu allem sofort ein fundiertes Urteil haben. Genau so wenig wie sie die Politik hat, weil Probleme eben oft so umfangreich, so neu oder so kompliziert sind.

Es war doch nie Kernaufgabe der Medien, Lösungen zu liefern?

Da bin ich anderer Meinung. Natürlich sind wir nicht dazu da, der Regierung jede Woche einen Ratschlag zu erteilen. Unsere Aufgabe ist primär zu beschreiben, was ist. Das ist etwas sehr Entscheidendes. Wir leben ja angeblich in postfaktischen Zeiten, um die deutsche Kanzlerin zu zitieren. Ich glaube, dass die Antwort auf die elementare Frage, „wie ist es wirklich?“, in dieser großen Desorientierung eine Lösung darstellt. Das können wir sehr gut leisten.

Ist es das, was der Leser von einem etablierten Medium wie der Zeit erwartet?

Ich glaube ja. Er will nicht majorisiert werden, sondern das Gefühl haben, dass wir fair berichten. Dass wir der Wahrheit wenigstens nahekommen. Das können wir nur mit sehr großer Genauigkeit und Aufwand in der Recherche.

Deswegen bauen wir die Recherche im Blatt neben bestehenden Säulen konsequent aus und haben beispielsweise mit Holger Stark einen sehr fähigen Mann vom Spiegel geholt, der die Recherche zur Causa der Abhörung des Handys von Bundeskanzlerin Merkel durch die NSA mit geführt hat.

Das ist ein schönes Beispiel für einen klaren Fall: das Handy der Bundeskanzlerin wurde abgehört. Oftmals ist es aber so, dass es kein Ja oder Nein, kein richtig oder falsch gibt. Welche Antworten kann Journalismus darauf liefern?

Wir leben in einer Zeit, in der es differenzierte Antworten schwer haben, weil man dazu genauer hinhören und hingucken muss. Dazu muss man es sich selbst schwer machen, hart arbeiten und seinen Kopf spazieren fahren. In der Zeit der Polarisierung sind Stimmen, die das noch leisten, ganz wichtig.

Wie stark hinterfragen Sie sich dabei auch selbst?

Ich glaube, dass wir bei der Zeit eine offene Diskussionskultur leben mit Hierarchien, die flach sind und die wir noch flacher machen wollen. Des Weiteren arbeiten wir an Projekten, die uns sehr radikal in Frage stellen, auch mich selbst. Zum Beispiel haben wir in diesem Jahr eine Arbeitsgruppe gegründet mit der Fragestellung, wie wir die Zeitung machen würden, wenn wir sie neu gründen könnten. Das ist geradezu ein Psychotrip.

Was kam dabei raus?


Wir befinden uns noch mittendrin. Aber am Ende wird aus allem, was wir erarbeiten, ein Produkt stehen, von dem wir überzeugt sind.

Sie verbuchen mit der Zeit gute Leserzahlen. Trotzdem gibt es einen großen Teil der Gesellschaft, den sie und andere Medien nicht mehr erreichen. Die in einer Blase leben und nur noch Informationen konsumieren, die ihr eigenes Weltbild bestätigen. Das ist nicht nur für Medien, sondern auch demokratiepolitisch ein Problem. Welche Lösungen haben Sie dafür?

Ich teile ihre Sorge, würde aber zwei relativierende Bemerkungen einfügen. Erstens: Wir sind in Deutschland nach der Bild die mit Abstand größte Zeitung – und sind bekanntlich nicht das am leichtesten zu konsumierende Medium. Ein Land, in dem ein Blatt wie die Zeit so einen hohen Stellenwert hat, kann in einem so schrecklichen Zustand nicht sein.

Zweitens: Ich bezweifle, ob der Großteil dieser Menschen, die sie beschrieben haben, vorher die Zeit, die FAZ oder die Süddeutsche gelesen hat. Ich glaube, wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass wir alle erreichen können. Was nicht heißt, dass man nicht um jede Leserin, um jeden Leser kämpfen sollte.

Ist dieser Umstand ein Bedrohungsszenario?


Das wird er dann, um ein Wort von Brecht abzuwandeln, wenn du eine Antwort hast, aber keiner mehr hinhört. Darin besteht die Bedrohung. Ich bin aber optimistisch, dass es Gegenmittel gibt, wie zum Beispiel sehr oft und intensiv das Gespräch mit Lesern zu suchen. Wir tun das exzessiv, und ich denke, das ist einer der Gründe, warum wir in den vergangenen zehn Jahren einen Lauf hatten.

Unsere Leser merken, dass bei uns ein Ringen um Antworten herrscht. Wir haben unsere Leser beispielsweise in der sehr vergifteten Diskussion über die Flüchtlingspolitik bei der Stange gehalten, gerade durch die Abbildung unterschiedlicher Meinungen. Das war aber kein Kalkül, sondern authentischer Spiegel des Spektrums in der Zeitung.

Sie selbst haben sich auch politisch engagiert und klare Position bezogen, beispielsweise in der Lichterkette gegen Fremdenhass 1992. Muss Journalismus aktivistischer sein?

Ich bin gewiss eine komische Mischung, weil ich selber mal Aktivist war, und zwar gegen Fremdenhass und Rechtsextremismus aus Anlass der großen Flüchtlingsbewegungen Anfang der Neunzigerjahre. Und dazu stehe ich auch. Ich stehe heute der Flüchtlingspolitik allerdings skeptisch gegenüber.

Dabei geht es überhaupt nicht um die Frage, sind wir gegen oder für Flüchtlinge? Helfen wollen wir alle, und die spontane Willkommenskultur gehört zu dem Bewegendsten, was ich in Deutschland erlebt habe. Mir geht es nur darum, wie viel Fremdes und Neues ein Land verkraftet. Wir müssen aufpassen, dass wir am Ende um das richtige zu tun nicht eine Gesellschaft vorfinden, in der wir nicht mehr leben wollen, weil das Klima so böse geworden ist.

Auch daher kommt mein Petitum, dass wir Journalisten uns auf unsere beschreibende und kommentierende Rolle beschränken und nicht als Aktivisten auftreten sollten. Es ist, wie so vieles, eine Frage der Glaubwürdigkeit. Es waren eben nicht nur die 15 Prozent, die AfD wählen, die Ende des vergangenen Jahres das Gefühl hatten, sie würden sich mit ihren Fragen, Sorgen und Ängsten in den Medien nicht mehr wiederfinden.

Welchen Stellenwert haben die vier eigenen Österreich-Seiten in der Zeit für sie?

Die Seiten haben damals, als wir sie 2005 eingeführt haben, in der Branche zum Teil Stirnrunzeln ausgelöst. Viele meinten, man lese die Zeit gerade deswegen, weil man den Blick aus Deutschland möchte und nicht den Blick aus dem Land, in dem man lebt.

Ich glaube, dass man das eine mit dem anderen versöhnen kann. Es ist ein Blick auf Österreich, von dem die österreichischen Kollegen der Zeit oft sagen, er sei nicht selbstverständlich: Ein Blick mit der maximalen Unabhängigkeit von jenen, die man beschreibt. Das ist ein großer Vorteil.

Haben andere Medien diese maximale Unabhängigkeit nicht?

Das will ich gar nicht werten, aber wir bieten es. Das gilt im Übrigen für die ganze Zeit. Ich kann mich nicht an einen einzigen Anruf erinnern, bei dem ein Politiker versucht hätte, mich auf seine Seite zu ziehen.

Ich kann mich an keinen einzigen Anruf meiner Verleger erinnern, ob ich nicht den oder den unterstützen könnte. Das ist ein großes Glück und der Beleg dafür, dass wir ein fantastisches Kapital haben: Unabhängigkeit - und damit die Basis für Glaubwürdigkeit.

Sie haben zuletzt kritisiert, dass Redaktionen zu homogen wären und sich oft Kollegen suchen, die gleich sozialisiert wären. Wie müsste denn eine Redaktion optimal besetzt sein?

Wir müssen Acht darauf geben, nicht die Beobachtungen und Meinungen in unseren Milieus hochzurechnen. Zu sagen, wir holen uns jemanden mit ganz anderem Lebensweg, oder Kollegen, die eine deutlich andere Meinung haben als die Mehrheit der Redaktion, belebt eine Zeitung. Dazu kommt der notwendige Mix der Generationen.

Was die Zeit bereichert hat, ist sicher der Umstand, eine ganze Reihe von Kollegen mit Migrationshintergrund zu haben, die natürlich eine andere Perspektive einbringen. Und zu guter Letzt haben wir inzwischen einen Frauenanteil in Führungspositionen von ungefähr 40 Prozent. Ein großer Teil der jungen Kollegen sind Frauen. All das hat die Zeitung verändert, und ich glaube zum Guten.
stats