Genug vom Krankjammern der Medienbranche
 

Genug vom Krankjammern der Medienbranche

8. Mediengipfel in Lech am Arlberg

Markus Spillmann, Chefredakteur der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ), hat genug, genug vom Krankjammern der Medienbranche und genug vom Reflektieren auf die gute alte Zeit des Journalismus. "Dieses Gejammer, alles geht den Bach runter, und der einzige der helfen kann, ist Papa Staat - das ist nicht die Welt, wie wir sie bei der NZZ sehen", erklärte Spillmann beim 8. Mediengipfel in Lech am Arlberg.

"Neue Businessmodelle für alte journalistische Tugenden" war das Thema, das Spillman in Rage brachte. Als der Kommunikationswissenschafter Josef Trappel die Schließung der NZZ-Druckerei in Schlieren als "Horrormeldung" und Beispiel für Krise und Niedergang der klassischen Medien angeführt und von Medienhäusern mehr Investitionen in Forschung und der Medienpolitik mehr Aktivität gefordert hatte, wurde der NZZ-Chefredakteur emotional: "Wir schließen von drei Druckereien eine, weil wir nicht mehr so viele Druckkapazitäten brauchen. Es macht betriebswirtschaftlich und publizistisch keinen Sinn, sich diesen Luxus zu leisten. Die NZZ ist stark daran interessiert, die Zukunft zu gestalten. Wir investieren in Zürich zehn Millionen Euro in neue Entwicklungen und Projekte, und ich habe ein höheres Redaktionsbudget als im Vorjahr. Dieses Reflektieren auf die gute alte Zeit beelendet mich. Wir erreichen mit unseren Inhalten heute mehr Menschen als früher."

Inhalte nicht verschenken

Auch mit der vorherrschenden Gratismentalität ging Spillmann hart ins Gericht. "Wir müssen für guten Journalismus sorgen, aber auch Arbeitsplätze für Journalisten sichern. Wir stellen Leistung her, und die hat verdammt noch mal einen Preis zu haben. Ich sehe nicht ein, dass Inhalte verschenkt werden. Wir bei der NZZ setzen konsequent auf Bezahl, bei uns werden sie künftig immer weniger bekommen, wenn sie nicht bezahlen", so Spillmann. Dazu gehöre etwa auch der österreichische Online-Ableger "NZZ.at", der in den kommenden Wochen offiziell loslegen soll.

Kommunikationswissenschafter Trappel empfahl den Medienhäusern massive Investitionen in Forschung und Entwicklung. "Medien- und Kommunikationsunternehmen investieren deutlich weniger in Forschung und Entwicklung als andere Branchen wie etwa die Pharma- oder Automobilindustrie." Dabei sollten vor allem die Fragen, welche Art von Nachrichten auf welchen Plattformen konsumiert wird und wie emotional nahe die Inhalte den Lesern kommen, wenn diese konsumiert werden, dringend erforscht werden, so Trappel. Kritik übte der Experte an der Medienpolitik. "Je mehr Krise, desto weniger Medienpolitik. Die Medienpolitik lehnt sich in den Industrieländern derzeit zurück." Dabei bräuchte es zur Überbrückung der Krise eine aktive Medienpolitik, weil "es wichtig ist, die demokratische Funktion einer unabhängigen Presse aufrecht zu erhalten".

"Es wird einiges schön geredet, einiges kaputt geredet und einiges hochgejazzt", meinte "Falter"-Medienredakteurin Ingrid Brodnig am Arlberg zur aktuellen Entwicklung. Kleine "Leuchtturm-Projekte" wie "Dossier" oder "Krautreporter" seien spannende Initiativen, aber gerade in Österreich sei Print am Lesermarkt immer noch "sehr stark". Es gebe zwar ein "Anzeigenproblem", doch genügend Print-Nischen, die einfach nur zu wenig besetzt würden. Ein Problem ortete Brodnig in der "höchst unfairen Wettbewerbssituation" rund um den Zeitungs-Boulevard. "Boulevardmedien werden mit öffentlichen Inseraten am Leben erhalten."

"Print-Journalismus gehört nicht abgeschrieben", fand auch der frühere "profil"-Chefredakteur Christian Seiler. Aber: "Vor 30 Jahren habe ich als Autor für eine Seite im 'profil' 7.000 Schilling bekommen, heute bekommt man dafür 200 Euro. Das erzählt schon ein bisschen was über die Branchenentwicklung und woher die Skepsis kommt."
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