Funktionieren Magazine nur noch im Special-In...
 

Funktionieren Magazine nur noch im Special-Interest-Bereich? #4

privat

Diskussion General versus Special bringt uns nicht weiter - Gastbeitrag von Christian Rainer, Herausgeber und Chefredakteur von "profil".

Dieser Gastbeitrag erschien im bestseller 4/2016. Hier geht's zum Abo des bestsellers.

Einer meiner besten Freunde ist Chefredakteur einer Zeitschrift, die sich mit Bergen beschäftigt. Auf einer längeren Autofahrt zu einer höheren Erhebung zwecks deren Besteigung sprachen wir über Claims für unsere Magazine.

Also über Augenfänger, die betörend behaupten müssen, dass Interessantes in unseren Produkten steckt, wir suchten nach Schalmeienworten, die jene zum Kauf und Wiederkauf verführen sollen, die nach zwei Sekundenbruchteilen mit Coverfoto und Logo nicht ungerührt am Regal weitergerutscht sind, um schließlich ein selbsterklärendes Penthouse zu kaufen, das sie in einen Economist stecken, nur um zu merken, dass dessen Format zur Tarnung ungeeignet ist.

Special Interest, ja was heißt das denn schon? Wenn nur Reinhold Messner ein Bergmagazin kauft, dann wird das Magazin einen Käufer haben, zumal Messner immerhin liest, wenn auch möglicherweise vor allem Dinge, die er selbst geschrieben hat. Wenn alle lesenden Berggeher zugreifen, wird es auch nicht reichen, die vielen Schreiber und Fotografen und Layouter und Drucker und Lkw-Fahrer zu alimentieren. Da braucht es schon mehr.

Und bei profil – „das unabhängige Nachrichtenmagazin“: Wer für unabhängige Nachrichten in einem gedruckten Magazin zahlt, der ist ja gar nicht mehr Generalist wie vielleicht bei der Gründung vor bald einem halben Jahrhundert, sondern ein Eigenbrötler.

General Interest versus Special Interest? Das bringt uns gar nicht weiter. Es kann nur anders sein. Wer daran denkt, seine Zeitung an die Interessen der Käufer anzuschmiegen, greift viel zu kurz. Journalismus, der Magazine und Netzseiten füllt, muss die Interessen erst noch kreieren, hat Emotionen zu erspüren, Wünsche zu erahnen, heimliche Selbstbilder der Menschen da draußen zu beleuchten. Wir sind das Obershäubchen im unsüßen Alltag unserer Leser und User, unverzichtbarer Luxus im banalen Zeitenlauf des Lebens. Unser Berg muss alle rufen und unsere Nachricht alle erreichen.

(Christian Rainer)
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