"Froh, dass ich nicht in Wien bin"
 

"Froh, dass ich nicht in Wien bin"

Harald Knabl, Chefredakteur der Niederösterreichischen Nachrichten und Geschäftsführer des NÖ. Pressehauses, im Interview über Spardruck und Gratiszeitungen im Osten des Landes.

HORIZONT: Der Kurier muss gerade personell Federn lassen. Sie teilen sich – mit Raiffeisen Wien/Niederösterreich – einen Eigentümer. Ist der Druck auch bei Ihnen groß?

Harald Knabl: Erstens: Raiffeisen ist anteilsmäßig unser kleinster Eigentümer, wenn auch ein sehr wichtiger (Anm.: 20 Prozent des NÖ. Pressehauses gehören Raiffeisen, insgesamt 80 Prozent gehören dem Bistum St. Pölten und dem Pressverein der Diözese St. Pölten). Und zweitens: Druck von den Eigentümern kommt nur dann, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Wir haben im zweiten Halbjahr 2009 die Zeichen der Zeit erkannt und vieles von dem, was andere Medien erst jetzt angehen, erledigt, sodass wir 2010 ein wunderbares Betriebsergebnis vorlegen konnten.

HORIZONT: Was waren die wichtigsten Einsparungsmaßnahmen?

Knabl: Das war der Produktionsbereich, die Vertriebsabteilung, der Einkauf von Papier, die Weiterentwicklung des Redaktionssystems bis hin zur Zurücknahme unseres Marketingbudgets, aber natürlich auch Maßnahmen im Personalbereich. Das ging von der Streichung von Zusatzzahlungen bis zur Freisetzung im einstelligen Bereich.

HORIZONT: Wie hat sich das aufs Betriebsklima ausgewirkt – herrscht auf Seiten der Belegschaft Verständnis dafür, dass die goldenen Zeiten vorbei sind?

Knabl: Wir haben hier grundsätzlich immer eine sehr gute Gesprächsbasis mit der Belegschaftsvertretung gehabt. Aber auch bei uns hat sich das Verständnis der schreibenden Kollegen in Grenzen gehalten. Das verstehe ich auch, aber es ist nun einmal so, dass gewisse Sonderleistungen wie 15 Gehälter, Quinquennien und so weiter nicht mehr zeitgemäß sind. Es gibt ein gemeinsames Verständnis dafür, dass wir in eine gesicherte Zukunft gehen wollen, und gesichert heißt, dass wir für die Eigentümer Gewinn machen. Und nur durch diese Maßnahmen konnten wir auch wieder ein positives Ergebnis erreichen, denn es ist ja nicht so, dass das durch das Anziehen der Konjunktur möglich war. Wir werden als Printmedium noch lange nicht dorthin kommen, wo wir vor der Jahresmitte 2008 waren. Wenn überhaupt.

HORIZONT: Was meinen Sie damit?

Knabl: Es haben sich viele Werbetreibende dieses Jahr 2009 sehr genau angeschaut und sind draufgekommen, dass es mit ein bisschen weniger Werbung auch geht. Und auch wenn die Theorie etwas anderes sagt, in der Praxis werden die Werbeausgaben als Erstes gekürzt. Unabhängig davon gibt es – und das müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen – eine Vielzahl neuer Medien, damit meine ich aber nicht nur digitale Medien. Auch im klassischen Werbemarkt gibt es eine Vielzahl neuer Medien – von der Gratiszeitung bis zum Rolling Board. Das hat zur Folge, dass die klassische Kaufzeitung mehr Aufwand dabei hat, zu erklären, warum sie als Werbeträger besser ist. Das heißt für die Zukunft: Wir werden mit weniger auskommen müssen, und dafür wiederum müssen wir unsere Strukturen anpassen.

HORIZONT: Stichwort Digital: Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklungsstufe dieses Hauses, was Online, Apps & Co. betrifft?

Knabl: Da waren wir nie sehr forsch. Ich habe das bewusst klein gehalten, und wir haben uns dadurch viel Geld gespart. Ich sehe noch immer keine nachweislich ertragbringenden Modelle. Und ich stelle auch in Abrede, dass sich Onlinemedien bei einer ernstzunehmenden – und vor allem ehrlichen – Kostenstellenrechnung ohne Quersubventionierung durch das Printgeschäft profitabel führen lassen. Ich bin sehr skeptisch, dass man aus einem Medium wie dem Internet, dessen Idee immer davon getragen war, dass es gratis zugänglich ist, ein Kaufmedium machen wird können. Natürlich arbeiten wir an einem E-Paper, an einer App für iPhone und BlackBerry, ich bin aber nicht geneigt, unseren gesamten Inhalt kostenlos ins Netz zu stellen, und sei es verspätet. Das werden wir nicht tun. Wir arbeiten an einer bezahlten App, so schwierig es ist. Das, was wir frei zugänglich machen, sind im Wesentlichen Meldungen, die man überall bekommt.

HORIZONT: In welchem Verhältnis stehen bei einer Zeitung wie den NÖN eigentlich Vertriebserlöse zu Werbeumsatz?

Knabl: Grob 40 zu 60, wir gehören also zu denen, die noch sehr relevante Vertriebserlöse haben. Dem haben wir aber auch mit Entschlossenheit zugearbeitet, etwa durch die Erhöhung der Abopreise. Die ÖAK zeigt, dass wir trotzdem unsere Abozahlen weitgehend stabil halten konnten. Und dennoch müssen wir an Antworten arbeiten, um den Lesern zu erklären, weshalb sich die zwei Euro und 40 Cent für ihn rentieren. Und das geht nur über Qualität. Wir müssen so gut sein, dass der Vergleich mit einer Gratiszeitung gar nicht erst gezogen wird.

HORIZONT: Wer sind die großen Mitbewerber einer Regionalzeitung in den kommenden Jahren?

Knabl: Genau mit dieser Frage beschäftigen wir uns hausintern in einer Zukunftsgruppe. Wir haben keine Alternative zu qualitativ hochwertigem Lokaljournalismus, den man allerdings be- und entlohnen muss. Und damit können wir auch die Werbewirtschaft überzeugen, dass ihr Werbegeld in einer Kaufzeitung besser aufgehoben ist als in einer Gratiszeitung. Basis dafür ist ein unglaublich dichtes Netzwerk an 700 redaktionellen Mitarbeitern, die unsere Lokalzeitungen mit wirklich lokalem und relevantem Inhalt bespielen.

HORIZONT: Das Land Niederösterreich ist nicht reich an Medien. Es gibt an flächendeckenden Medien Niederösterreich Heute vom ORF, die NÖN …

Knabl: … und mittlerweile die Gratis- Bezirksblätter …

HORIZONT: Ist das für einen Medienmacher nicht ein Glücksfall, weil Quasi- Monopol?

Knabl: Das ist lange vorbei. Erstens entstehen in den einzelnen Vierteln immer wieder regionale Player, die uns wehtun. Aber ich werde auch nicht müde, zu sagen, dass wir die ganze Wertschöpfung hier im Land lassen, und nicht in Tirol oder sonstwo. Wir produzieren ja auch noch hier. Es wäre wahrscheinlich billiger, die Zeitung für den Osten Niederösterreichs in Bratislava zu produzieren, noch dazu könnte sie dann überall im Land am Montag erscheinen, und das ist einfach der beste Verkaufstag. Wir sind hier zu Hause, und dazu stehen wir auch. Das ist Teil unserer Kompetenz.

HORIZONT: Fehlen dem Land nicht nur Medien, sondern auch Selbstbewusstsein?

Knabl: Das ist viel besser geworden, allein die Landeshauptstadt hat sehr viel dazu beigetragen. Der Landeshauptmann tut auch sehr viel dazu, und wir als NÖN profitieren sehr davon, diesem Land eine Darstellungsfläche zu geben. Dennoch: Auch in den Vierteln gibt es sehr eigenständige kleine Regionen, die sehr wenig miteinander zu tun haben. Da reicht es nicht, wenn eine Zeitung aus Wien dreimal mutiert. Und wir arbeiten in diesen ganz kleinen Gebieten mit eigenen Redaktionen, sind aber kein Verbund von Lokalzeitungen, sondern in Summe die Niederösterreichischen Nachrichten.

HORIZONT: Es gibt einige Lokal-TVProjekte in Niederösterreich. Ist das interessant für Sie?

Knabl: Ehrlich gesagt: nein. Ich halte das alles für nicht finanzierbar, dazu fehlt uns in Niederösterreich einfach eine Großstadt. Diese Sender sind auf das Wohlwollen der jeweiligen Bürgermeister angewiesen. Anders sehe ich das bei Privatradios …

HORIZONT: Hier war die NÖN bei RPN beteiligt, einem eher glücklosen Versuch, niederösterreichisches Privatradio zu etablieren …

Knabl: Nachträglich muss ich sagen: Das hätte funktionieren können, und wir wären auch sehr interessiert gewesen. Aber die rechtlichen Rahmenbedingungen waren einfach so, dass Verleger nur begrenzt Anteile halten konnten, was dazu geführt hat, dass mehrere Verlage in einem Konsortium unterkommen mussten und sich letztlich nur damit befasst haben, wie sie sich gegenseitig blockieren können. Dass das nichts geworden ist, war die Schuld der Medienpolitik.

HORIZONT: Wie nehmen Sie aus der sicheren Entfernung die Medienbranche in Wien wahr?

Knabl: Manchmal bin ich wirklich froh, dass ich nicht in Wien sitze. Ich glaube, die gesamte Print-Branche hat einige ganz wichtige Fragen zu beantworten, die in den kommenden Jahren über unser Überleben entscheiden werden. War es wirklich schlau, dieser Gratiszeitungswelle so Tür und Tor zu öffnen? War es wirklich schlau, bei diesem digitalen Wahn mitzuspielen, Millionen auszugeben, nur damit man nichts herausbekommt? Wie wird das der Journalismus überleben? Wenn ich mir anschaue, wie in den vergangenen Jahren in den Redaktionen gespart wurde und wie sich die Menschen Gratisinfos zuwenden, da frage ich mich, ob das nicht wirklich langsam demokratiegefährdend ist. Wie kann man einen Gewerbe- Kollektivvertrag für einen schreibenden Mitarbeiter anwenden? Da werde ich keine guten Leute mehr finden. Und wenn ich für meine journalistische Botschaft kein Geld bekomme, werde ich mir nur billige Leute leisten können. Das setzt eine qualitative Negativspirale in Gang. Natürlich ist der Kollektivvertrag in gewissen Bereichen nicht mehr zeitgemäß, aber ihn zu umgehen, ist für mich einfach keine Alternative.

HORIZONT: Sie sind im Verlegerverband VÖZ engagiert – ist das nicht der Ort für solche Themen?

Knabl: Ja natürlich, dort herrscht auch immer große Einigkeit. Aber viele der Mitglieder leben nun einmal teilweise in zwei Printwelten. Ich bin ja selber zweigeteilt und habe ein eigenes Gratiszeitungsprojekt in Niederösterreich. Aber je länger wir diese imagemäßige Gleichmacherei zwischen Kauf- und Gratismedien dulden, desto mehr entziehen wir uns selbst den Boden in jenem Bereich, in dem wir langfristig Geld verdienen könnten.

HORIZONT: … an dem sich nunmehr die Mediaprint beteiligen möchte, sofern es das Kartellgericht zulässt. Was ist die Perspektive für Kurz & Bündig mit der Mediaprint an Board?

Knabl: In Niederösterreich eine Gratiszeitung zu machen, kostet Geld. Trotz allem wird der Wettbewerb stärker. Ein Haus wie unseres darf den Markt – auch aus Gründen der Absicherung der Kaufzeitung – nicht alleine anderen überlassen. Andererseits wären wir auf Dauer sicher überfordert. Ich glaube, dass es die Beteiligung der Mediaprint ermöglicht, den Wettbewerb auf Gratiszeitungsebene in Niederösterreich zu erhalten.

HORIZONT: Stichwort Allianzen: Gibt es Pläne für einen gemeinsamen Vermarktungsring der Bundesländer- Kaufzeitungen? Oder ist der Leidensdruck noch nicht groß genug?

Knabl (lacht): Genau, die Zeit ist noch nicht reif, da nehme ich mich gar nicht aus. Obwohl ich glaube, dass es irgendwann notwendig sein wird.
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