Frauen in Medien: 'Nicht einfach von oben her...
 
Frauen in Medien

'Nicht einfach von oben herab berichten'

Zoe Opratko

‚Biber‘-Journalistin Aleksandra Tulej über ihre besonderen Recherchen und den Zugang zu Protagonisten wie tschetschenischen Frauen oder IS-Sympathisanten, Vertrauen der Leserschaft aber auch Hate Speech gegenüber Journalistinnen.

HORIZONT: Sie haben über die Situation junger tschetschenischer Frauen berichtet, über kriminelle Jugendliche und Ex-Dschihadisten. Wie finden Sie zu diesen Protagonistinnen und Protagonisten, die sonst eher selten medial sichtbar sind oder mit Medien sprechen wollen?

Aleksandra Tulej: Mein Job ist kein Nine-to-five-Job. Ich bin eigentlich ständig auf der Suche nach Storys, auch unterbewusst. Aber das kennen viele Journalisten. Bei einem Thema, das medial beleuchtet wird, überlege ich zum Beispiel immer, wie man das von einer anderen Seite aufgreifen kann. Bei den tschetschenischen Mädchen war das so, dass es diese große „Sittenwächter“-Debatte in den Medien gab und ich habe mir einfach gedacht, dass die Frauen ja eigentlich die sind, die am meisten davon betroffen sind – aber niemand spricht mit ihnen. Da ist es natürlich ein Vorteil, dass ich bei biber arbeite, da wir Menschen aus sehr verschiedenen Milieus oder Communities kennenlernen, mit denen man vielleicht nicht in Kontakt kommen würde, wenn man bei einem klassischen österreichischen Medium arbeitet. Also nicht die Protagonisten per se, aber hier kennt immer jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Oder auch durch unser Newcomer-Projekt: Da arbeiten wir mit Jugendlichen aus sogenannten Brennpunktschulen. Da kommen natürlich auch besondere Storys zustande.

Social Media ist dabei ebenfalls hilfreich. Ich habe auf Instagram eigentlich nicht viele Follower, aber, wenn ich einen Aufruf mache, dass ich Ansprechpartner für ein Thema suche, dann meldet sich immer irgendjemand. Es ist toll, wie hilfsbereit die Leute sind. Teilweise schreiben sie mir mitten in der Nacht. Das meinte ich mit Rund um die Uhr die Augen offenhalten. Es klingt vielleicht abgedroschen, aber ich liebe das. 

Und wie schafft man es als Journalistin oder Journalist zu beispielsweise kriminellen Jugendlichen so ein Vertrauen aufzubauen, dass sie so offen über ihre Situation und Lebensgeschichte sprechen möchten?

Die kriminellen Jugendlichen aus meiner Geschichte waren alle so um die 15, 16 Jahre alt. Da muss man sich natürlich ein bisschen dem Ton und Jargon anpassen und nicht von oben herab einfach nur über sie berichten – sondern sich einfach mal mit ihnen unterhalten und Interesse zeigen, natürlich aber ohne ermutigend zu wirken. Man muss bei ihnen schon den Unterton beibehalten, dass das einfach nicht okay ist. Natürlich spricht man mit einem verurteilten Jugendlichen im Interview anders als mit einem Politiker. Ich bin dennoch selbst immer wieder überwältigt, wie sehr mir vor allem die Jüngeren mir vertrauen. Als ich mit Jugendlichen in der Justizanstalt gesprochen habe, wurde ich vorher darüber informiert, dass ich nicht nach dem Delikt fragen darf. Sie haben das aber direkt von sich aus angesprochen. Es heißt dann immer: „Ich darf das eigentlich keinem sagen, aber…“ Daher ist es mir auch super wichtig, dass die Personen in meinen Geschichten anonym bleiben.  

Dann beispielsweise bei der Geschichte über den Missbrauch in der katholischen Kirche saß mir ein 70-jähriger Mann gegenüber und weinte, das war schon heavy.

Genießt biber in bestimmten Communities, Ihrer Einschätzung nach, ein höheres Vertrauen als andere österreichische Medien?

Ich denke schon, denn wir schreiben ja nicht über diese Communities, wir schreiben aus den Communities heraus. Wir sprechen direkt mit den Leuten und geben ihnen eine Stimme anstatt von oben herab zu schreiben, Stichwort tschetschenischen Sittenwächter. Besonders jüngere Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund vertrauen uns mehr, weil sie sich denken, dass die Mitarbeiter in der Redaktion welche „von ihnen“ sind, dass dazugehören.

„ Wir schreiben nicht über diese Communities, wir schreiben aus den Communities heraus. “
Aleksandra Tulej
Bei unserem Schulprojekt ist mir aufgefallen, dass viele Kinder mir gegenüber anfangs sehr skeptisch sind. Zu ihren ersten Fragen gehört oft, ob ich verheiratet bin und woher ich komme. Wenn ich sage, dass ich aus Polen komme, dann heißt es schnell „Ach, Sie sind kein Schwabo, passt dann eh. Wollen Sie ein Kaugummi?“. Man sieht und hört mir das halt nicht an. Aber scheinbar können sie sich mit dieser Info besser uns identifizieren.

Inwiefern hatten Sie bei Ihren Storys schon Angst vor Konsequenzen für Sie selbst oder Ihre Protagonisten?

Was mich selbst betrifft: Ich muss ehrlich sagen, wenn man Angst hat, dann ist man falsch in dem Job. Nicht im Journalismus, aber wenn es um die Recherche bei den Themen geht, auf die ich mich fokussiere. Ich habe keine Angst um mich selbst, aber manchmal natürlich um die Protagonisten und die Leute in meinem Umfeld. Nach der Geschichte über die tschetschenischen Mädchen waren wir in der Redaktion sehr wachsam. Die Befürchtungen, dass unserer Redaktion etwas passieren könnte, kamen allerdings eher von Außenstehenden. Wir haben sowieso eine Sicherheitstür, aber natürlich ist nichts passiert.

Wir haben für die tschetschenischen Mädchen große Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um sie unkenntlich zu machen. Wir haben nach unserer Kommunikation unsere Chatverläufe und SMS gelöscht und mussten uns gegenseitig auf Instagram entfolgen, damit das nicht der Bruder oder Vater finden kann. Unsere Treffen waren auch sehr geheim. Dieses Vertrauen schätze ich einfach sehr. Und natürlich passe ich immer auf, dass keine Infos in meiner Story auf die Protagonisten zurückzuführen sind. Ich war mit einem Fakeprofil in einigen tschetschenischen Instagram-Gruppen unterwegs und da wurden schon Aufrufe gestartet, herauszufinden, wer mit uns geredet hat. Da hatte ich tatsächlich Angst um meine Interviewpartnerinnen, denn dass ihnen etwas passiert, ist keine Geschichte der Welt wert.

Ich denke, wenn man in gewissen Milieus und Communities recherchiert, ist es wichtig, eine Person im Rücken zu haben, die gut gestellt und vernetzt ist und der man vertrauen kann. Bei meinen Storys sind das meistens Männer, die dann quasi eine Absicherung für mich sind. Und dann gibt es natürlich aber noch Leserbriefe und Kommentare in den Sozialen Medien.

Was schreiben Ihnen die Leserinnen und Leser denn?

Ich habe Nachrichten bekommen mit „Du Tschetschenen-Matratze“ oder „Du Araber-Schlampe“ oder „Du gehörst vergewaltigt“, im Betreff steht dann „Du Hure“. Wir haben in die Redaktion auch schon Briefe bekommen, in denen die Buchstaben aus Zeitungen ausgeschnitten waren, wie im Film. Es hab auch einen polnischen Mann, der sich total auf mich eingeschossen und mir ständig mit verschiedenen Fakeprofilen und E-Mail-Adressen geschrieben hat.

„Mittlerweile ist Hass im Netz als Frau einfach Alltag. “
Aleksandra Tulej
Am Anfang hat mich das sehr beschäftigt, aber mittlerweile ist Hass im Netz als Frau einfach Alltag. Aber: Wenn du dich als Person in die Öffentlichkeit stellst, hast du damit zu rechnen. Natürlich ist das scheiße. Vor allem bei meinen Kommentaren kommen auch auf Facebook Reaktionen wie „Dieses dumme Mädchen“ oder „So etwas Dummes habe ich noch nie gelesen“, aber das ist Meinungsfreiheit und das ist okay. Ich habe neulich einen Kommentar veröffentlicht mit dem sprachlich sehr aggressiven Titel „Wacht endlich auf und haltet endlich die Fresse“. Da haben sich viele Leute scheinbar angegriffen gefühlt und sich beschwert, dass ich gewaltvolle Sprache gebrauche und Minderheiten ausschließe und ihnen ihre Meinung wegnehme.  

Einmal, das war 2016, musste ich eine Anzeige machen, die wurde allerdings von der Polizei nicht ernst genommen. Ich glaube aber, dass sich das Bewusstsein dafür in den letzten Jahren gewandelt hat, es heute doch ernster genommen wird und man auch mehr darüber spricht.

Sie haben Ihren Kommentar „Wacht endlich auf und haltet endlich die Fresse“ angesprochen. In Ihrer Wortwahl haben Sie also wenig Hemmungen und Restriktionen?

Natürlich würde ich mich in einer Reportage nicht so ausdrücken. Aber das war ein Kommentar und ich war einfach wütend. Der Titel war das erste, das mir eingefallen ist. Und das ist auch biber-Journalismus: Dieses straighte, dieses unverschönte. Ich möchte niemals etwas verschönern. Ich schreibe die Geschichte, wie sie ist, und so schreibe ich auch meine Kommentare. Diesen Kommentar habe ich in 20 Minuten runtergetippt. Ich habe aber nicht erwartet, dass er solche Wellen schlägt und so aufgeblasen wird. Unsere Beiträge gehen natürlich durch mehrere Instanzen, aber es ist nicht so, dass etwas verboten wird.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass biber als Medium außerhalb der Zielgruppe vielleicht nicht ernst genommen wird?

Ja, das kann schon sein, aber andererseits wandelt sich das gerade. Wir haben einerseits die Leserschaft, die von Beginn an dabei ist, also vor allem die migrantischen Communities, wir werden aber mittlerweile auch in dieser „woken Instagram-Bubble“ bekannter. Ich glaube, unsere Leserschaft wird immer durchmischter. Natürlich glaube ich nicht, dass der 60-Jährige Presse-Leser biber abonniert, aber das ist auch nicht unser Ziel. Aber wenn eine unserer Storys mal medial aufgegriffen wird, sind die Leute plötzlich sehr interessiert daran. Aber allgemein berühren diese Storys sonst nicht ihre Lebenswelten Wir machen auch einfach viele Projekte in der Redaktion, die man im Blatt nicht unbedingt sieht. Wir sind ein sehr kleines Team. Und da glaube ich schon, dass wir ernst genommen werden.

Haben Sie als Frau in der Medienbranche besondere Herausforderungen oder Chancen wahrgenommen?

Bei biber intern nicht, wir sind quasi ein Matriarchat, wir sind fast nur Frauen. Aber außerhalb, glaube ich, ist es vor allem bei den Themen, die ich oft aufgreife, eher so, dass man als Frau manchmal nicht ernst genommen wird. Ich wurde bei einem meiner Praktika in einem Medienhaus bis zum Schluss als „die Praktikantin“ angesprochen. Ich denke, dass vor allem junge Frauen, die dann vielleicht auch noch jünger aussehen, oder wirken, so wie ich, damit zu kämpfen haben.

Bei einigen meiner Interviews war das aber auch ein Vorteil. Gerade die Jugendlichen würden ihre Geschichte vielleicht nicht einem 50 Jahre alten, männlichen Journalisten erzählen. Es gibt also auch Vorteile in dem Job als junge Frau, man muss sie nur für sich zu nutzen wissen.

„Zu sagen: 'Schauts her, wir haben eine Frau an der Spitze' löst das Problem nicht.“
Aleksandra Tulej
Wie stehen Sie zu einer Frauenquote in Führungspositionen?

Das ist vielleicht eine unpopuläre Meinung, aber ich halte persönlich nicht viel von. Ich bin nicht strikt dagegen oder strikt dafür. Das liegt aber vielleicht daran, dass ich voreingenommen bin und wir es hier bei biber „zu gut“ haben: wir sind fast nur Frauen. Aber natürlich gibt es allgemein gesehen zu viele Männer in Führungspositionen.

Natürlich braucht man eine Repräsentation. Aber zu sagen: „Schauts her, wir haben eine Frau an der Spitze“ löst das Problem nicht. Es geht ja bei der Repräsentation auch um die Themen, die man in den Zeitungen behandelt. Das ist eine wichtige Sache, aber ich finde nicht, dass es eine Quote per se das Problem löst. Für mich ist das oft heiße Luft und nichts dahinter.

Was würden Sie anderen jungen Frauen raten, die in den Journalismus wollen.

Journalismus ändert sich ständig. Als ich 2013 begonnen habe, war so vieles noch anders. Zuerst mal: sich einfach trauen, sich überlegen, auf was genau man sich spezialisieren will, was eine Nische ist. Man sollte vieles ausprobieren, und dann eben schauen, was einen interessiert, denn ich denke, wenn einen etwas interessiert, dann ist man auch gut darin. Was Praktika und Bewerbungen angeht, da kommt man nicht drum herum. Und sonst: Einfach immer schauen, was ist eine Story sein könnte. Nachrichten lesen ist eine Sache, aber fragt euch, was dahintersteht und was etwas verändern könnte.

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