Feindbild Wirtschaft?
 

Feindbild Wirtschaft?

Eine heiße Debatte um die mediale Wirtschaftsberichterstattung entbrannte am ersten Tag der Österreichischen Medientage.

Existiert das Feindbild Wirtschaft tatsächlich oder wird es von den Medien inszeniert? Diese Frage diskutierten unter der Moderation von Andreas Lampl („Format“, „trend“) Caspar Einem (Jetalliance), Peter Michael Ikrath (Österreichischer Sparkassenverband), Sigi Menz (Ottakringer), Michael Nikbakhsh („profil“), Gabriele Payr (Wiener Stadtwerke) und Manfred Perterer („Salzburger Nachrichten“).

Die Medienvertreter am Podium waren sich grundsätzlich einig: so viele Skandale wie momentan gab es noch nie – das sei keine mediale Hetze, sondern wirtschaftliche Realität. Auf der anderen Seite des Ufers fühlte man sich naturgemäß ungerecht behandelt: Ikrath meinte, es sei unfair, amerikanische Investment-Banken mit den Geschäfts- und Kundensparkassen in Österreich zu vergleichen. Journalisten fehle ihm zufolge oft schlicht das Know-how, um den Sachverhalt differenziert darzustellen. Das wollte Nikbakhsh so nicht stehen lassen: Der „arme Banker aus Waidhofen an der Ybbs“ sei maximal ein „Kollateralschaden“, Erklärungsbedarf gebe es genug. Genannt wurden immer wieder die Beispiele Bawag, Hypo Alpe Adria, Meinl. Das aktuelle Wirtschaftsbild sei die Summe seiner Skandale, kein Produkt des Mediensystems.

Gabriele Payr glaubt, dass kein Weg an einer Verhaltensänderung vorbeiführe. Themen wie „Umwelt“, „Nachhaltigkeit“ und „Versorgungssicherheit“ müssten in den Fokus rücken. Eine wesentliche Aufgabe der Medien sei es, diesen Kurs zu unterstützen. Mit Anreizen und eventuell „einem gewissen Druck“ solle der Staat dafür sorgen, dass alle Marktteilnehmer dieselben Ziele verfolgen. Ikrath: „Die Rolle des Staates ist die eines Regulators, der ordnungspolitische Rahmenbedingungen schafft – NICHT die eines Unternehmensführers, das ist in der Vergangenheit selten gutgegangen.“

Für Perterer ist die Aufgabe des professionellen Journalismus klar: komplexe Dinge würde sich auch in Zukunft niemand von einem „Bürgerjournalisten“ Marke Facebook & Co erklären lassen – immerhin lassen wir uns auch nicht von einem „Bürgerzahnarzt“ behandeln oder von einem „Bürgerpiloten“ durch die Gegend fliegen.

Zum Abschluss formulierte Nikbakhsh einen – zugegebenermaßen naiven – Wunsch: Finanzmanager sollten mehr Verantwortung für das Geld anderer Leute übernehmen. Wenn man die Banker nicht nur an Boni, sondern auch am Risiko teilhaben ließe, würde die Welt sicher ganz anders aussehen …

Mehr zu der Diskussion lesen Sie in HORIZONT 39/2010, der am 1. Oktober erscheint.

Lisa Mang
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