Fehlstart ins Finale
 

Fehlstart ins Finale

Editorial von Sebastian Loudon, Herausgeber (HORIZONT 43/2013)

Die vermutlich letzte Auflage der Großen Koalition hat bereits Wochen vor einer inhaltlichen Übereinkunft zwischen SPÖ und ÖVP für die nächste Legislaturperiode kommunikativ alles verspielt, was es zu gewinnen gab. Die selbst auferlegte Informationssperre während der Koalitionsverhandlung ist auf den ersten Blick nachvollziehbar, sogar sinnvoll. Sie ignoriert nur die Tatsache, dass es da noch eine Hundertschaft an Innenpolitik-Redakteuren gibt, die ihrem Job nachgehen und ihre Kolumnenkästchen füllen müssen. Und das führt dazu, dass sich die mediale Aufmerksamkeit dieser Tage auf Themen und Ereignisse konzentriert, die entweder kontraproduktiv sind – oder überhaupt fatal.
Das viel zitierte Gerangel um Parkplätze unter dem oder die Sitzordnung im Parlament ist da noch das Harmloseste. Wirklich verheerend ist, dass das Erste, was die interessierte Öffentlichkeit über Kommentatoren und ihre Insider erfährt, das neue Proporzmodell der Regierung für den ORF ist. Da predigt man neuen Stil und bemüht sonstwelche Floskeln, und dann so etwas. Wenn nicht stimmt, was APA, Kleine Zeitung oder Standard über die Regierungspläne zum ORF mutmaßen, dann muss ein ganz lautes Dementi her, garniert von einem „Wir haben jetzt einmal wirklich Wichtigeres zu besprechen, als die Ausgestaltung des ORF-Managements.“ Wenn es aber stimmt, dann mögen die Herrschaften Faymann und Spindel­egger doch bitte gleich die Koalitionsverhandlungen beenden und raschest Neuwahlen ermöglichen. Das wäre praktisch, denn die Studio­kulissen für Konfrontationsgespräche wurden noch nicht zu Castingshow-Bühnen verwurschtet. Übrig gebliebene Werbegeschenke ließen sich sinnvoll verwerten und das Pickerl für Hanno Setteles Wahlfahrts-Limo ist auch noch nicht abgelaufen. Also bitte, geben wir uns den ganzen Wahlkampf-Wahnsinn lieber gleich noch einmal, bevor nur wertvolle Zeit verloren geht.

Denn eines sollten SPÖ und ÖVP ein für alle Mal verinnerlichen: Den ORF in Ruhe zu lassen, wäre vielleicht einer der effektivsten Beweise für eine Koalition neuen Stils. Es hieße im Übrigen auch gleich, aus der Not eine Tugend zu machen, denn einen Rückfall in den Proporz würden sich weder das Publikum und schon gar nicht die ORF-Journalisten gefallen lassen. Ihre Kampfeslust ist schon diese Woche sichtbar geworden (Seite 1, HORIZONT 43/2013). Ein wahrer Shit-Taifun wäre die gerechte Strafe für eine neue Scheinreform des ORF basierend auf rein parteipolitischen Arrangements.

Zu einem tatsächlichen Neustart gehört auch, dass man loslässt, sich frei macht, sich entkrampft. Den ORF loszulassen, seine Finanzierung auf (rechts-)sichere Beine zu stellen und sein Schicksal dann seinen Mitarbeitern und Profis im Aufsichtsgremium anzuvertrauen – das wäre nicht nur neuer Stil. Das wäre neues Format, neue Haltung und eine tatsächlich neue Große Koalition.  
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